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Diethardt Stamm auf dem Dach der Sporthalle in Rodheim, wo die Genossenschaft seit Anfang 2013 eine Photovoltaik-Anlage betreibt.
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Was die Parteien in der Energiepolitik planen

Von Andreas Groth
15:58

Die Sonne brennt unerbittlich um die Mittagszeit an diesem Augusttag. Es ist einer der letzten drückenden Tage des Hitze-Sommers 2018. Ein guter für die Photovoltaik-Anlage auf dem Dach der Sporthalle in Rodheim, einem Stadtteil von Rosbach vor der Höhe. Die Anlage gehört der Mittelhessischen Energiegenossenschaft (MiEG) und ging im Januar 2013, kurz nach der Eröffnung der Halle, in Betrieb. 2017 lieferte sie rund 96 000 Kilowattstunden Strom in das Netz der Oberhessischen Versorgungsbetriebe, des regionalen Energieversorgers. Insgesamt produzierte die Anlage 121 000 Kilowattstunden. Das reicht für mehr als 30 Durchschnittshaushalte. In diesem Jahr sei die Produktion bislang um 15 Prozent höher gewesen als im vergangenen, sagt MiEG-Vorstand Diethardt Stamm zufrieden. 

Auf einem Bildschirm im Foyer kann man die aktuelle Produktion, die bisherige Produktion im Jahr und CO2-Einsparung verfolgen. Installiert wurde sie von einem Unternehmen aus Butzbach. „Wir vergeben unsere Aufträge nur an regionale Handwerker und nicht an den billigsten“, sagt Stamm, der sich früher für die Grünen engagiert hat. Die Photovoltaik-Anlage zu erreichen, ist etwas mühsam. Auf einer Metallleiter muss man etliche Sprossen hinauf auf’s Dach klettern. 

Oben angekommen, liegen 16 Reihen der dunklen Module vor einem. Vorstand Stamm schreitet einen der Strings ab, wie die in Reihe geschalteten, miteinandere verbundenen Solarmodule heißen. Immer wieder rupft Stamm vertrocknete Pflänzchen aus dem Boden, die über die Module gewachsen sind und kleine Schatten werfen. Nehme das überhand, könne ein Modul sogar ausfallen, erklärt Stamm. „Wenn eins ausfällt, fällt die ganze Reihe aus.“ In der Regel steigen Stamm und andere Mitglieder der Genossenschaft einmal im Jahr hier hoch und entfernen das Unkraut, damit ihr hiesiger Beitrag zur Energiewende nicht getrübt wird. Sollte in der Zwischenzeit doch etwas nicht richtig funktionieren, wird das auf dem Computer eines MiEG-Mitglieds im 35 Kilometer entfernten Büdingen angezeigt. 

33 Frauen und Männer, unter ihnen Stamm, haben die Genossenschaft im April 2011 in Bad Nauheim gegründet. Mittlerweile hat sie rund 560 Mitglieder, darunter Bürger, Kommunen und Betriebe aus Süd- und Mittelhessen, und ist damit die zweitgrößte Energiegenossenschaft in Hessen. Sie steht allen offen, die sich am Ausbau der regenerativen Energien im Wetteraukreis, Vogelsbergkreis und dem Landkreis Gießen beteiligen wollen. Wer 100 Euro zahlt, kann einen Geschäftsanteil erwerben und Mitglied werden. 

Die MiEG hat im vergangenen Jahr bei diesem Betrag eine Grenze gezogen. Investoren, die nur der Rendite wegen mitmachen wollen, soll sie auf diese Weise unattraktiv sein. So habe man vor einiger Zeit beispielsweise einem Investor aus München abgesagt, der gleich mit 50 000 Euro einsteigen wollte, sagt Stamm. „Wir halten uns die Kapitalgeier fern.“ Bei den im Landtag vertretenen Parteien findet sich zumindest in den Wahlprogrammen von SPD, Grünen und Linken die Ankündigung, solche regionalen Genossenschaften unterstützen zu wollen. 

Seit 2013 geschieht dies bereits über das Landesnetzwerk Bürger-Energiegenossenschaften (Laneg), in dem sich aktuell 31 Unternehmen, davon 29 Genossenschaften aus ganz Hessen sowie der Genossenschaftsverband mit Sitz in Neu-Isenburg, zusammengeschlossen haben. Das Land fördert das Netzwerk laut einem Sprecher des hessischen Wirtschafts- und Energieministeriums für sechs Jahre mit rund 450 000 Euro. Es half auch, eine professionelle Struktur aufzubauen. Die einzelnen Genossenschaften profitierten von der Arbeit der Laneg durch Fachinformation, Beratungen, Workshops und Unterstützung, wenn es darum geht, neue Geschäftsfelder zu erschließen, so der Ministeriumssprecher. 

Seit Gründung der MiEG hat sie 37 Projekte realisiert; 2017 konnte sie dadurch nach eigenen Angaben rund 652 Tonnen CO2 einsparen. Es sind hauptsächlich Photovoltaik-Anlagen wie die auf dem Hallendach in Rodheim, mit denen die Genossenschaft eine solche Ökobilanz erzielt. 
Der Vorteil: Anders als Windräder können Privatleute die Solaranlagen auf ihrem Balkon installieren. Darauf zielt die jüngste Photovoltaik-Kampagne der MiEG. Für Balkone und Terrassen gebe es mittlerweile günstige Anlagen mit einem oder zwei Modulen. „Lange Zeit war das in Deutschland nicht erlaubt, aber das hat sich nun geändert“, erklärt Stamm. Und nach nicht mal acht Jahren habe sich eine Anlage mit zwei Modulen amortisiert. Ein lohnendes Investment, findet der Münzenberger. Im Oktober will die MiEG darüber in zwei Veranstaltungen in Bad Vilbel und Altenstadt informieren.

Nicht zuletzt dank Stamm hat sich die Genossenschaft in der Region zwischen Frankfurt und Gießen einen Namen gemacht. Die Stärke der MiEG sei, dass sie mittlerweile „extrem gut vernetzt“ sei, erklärt der frühere Leiter der Technikerschule in Butzbach. Die meisten Wetterauer Bürgermeister seien Mitglied, und Landrat Jan Weckler (CDU). 

Neben der Photovoltaik, deren Ausbau 2017 nach jahrelangem Rückgang hessenweit wieder zulegen konnte, beteiligt sich die MiEG sich unter anderem an einem Windpark mit drei Anlagen in Gedern-Wenings, im April in Betrieb gegangen. Sie hat ein

Rabattabkommen mit einem Automobil-Unternehmen, um ihre Mitgliedsunternehmen bei der Anschaffung von Elektrofahrzeugen zu unterstützen. Außerdem baut sie das Energieeffizienz-Netzwerk Wetterau mit auf. Man wolle Unternehmen und Organisationen dabei helfen, Einsparpotenziale zu nutzen, um schädliche CO2-Emissionen zu reduzieren. 

Dass das Land Hessen das Landesnetzwerk-Bürger-Energiegenossenschaften fördert, findet Stamm gut. Diesen Zusammenschluss müsse die künftige Landesregierung weiter unterstützen. Doch das alleine reiche bei Weitem nicht, wenn es darum gehe, das viel beschworene Versprechen, die Bürger bei der Energiewende mitzunehmen, einzulösen. 

Die Bürgerbeteiligung beim Ausbau der Windkraft müsse gestärkt werden. Das Land, so Stamm, könne die Regierungspräsidien als die Genehmigungsbehörden auffordern, entsprechende Anlage eher zu genehmigen, wenn Bürger an dem Projekt beteiligt seien. Beim Windpark in Gedern scheint dies besonders gut gelungen zu sein. 

„Wir hatten keine Widerstände von den Bürgern“, sagt Stamms MiEG-Vorstandskollege Dennis Zährl. Sie seien sehr früh eingebunden worden in die Planungen und konnten sich finanziell beteiligen.

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