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Überall in Offenbach wird gebaut ? nur geförderter Wohnraum entsteht kaum.
Offenbach: Wahlkreis 43
Rhein-Main

Wohnungsnot in der Einflugschneise

Von Fabian Scheuermann
00:36

Wohnraum in Frankfurt? Gibt’s nur noch in Offenbach“. Dieser vom Bündnis Mietentscheid erdachte Spruch klebt seit kurzem an etlichen Straßenlaternen Frankfurts. Doch der knackige Slogan ist irreführend, denn er suggeriert, dass man in Offenbach immer noch vergleichsweise einfach eine Bleibe finden könne. Doch das wird immer schwieriger – die Stadt ist in den letzten fünf Jahren um 11.500 Einwohner gewachsen und die Mieten steigen stärker an als in den Jahren zuvor. Kein Wunder also, dass der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in der Stadt für viele zum Wahlkampfthema geworden ist: Nur wenige, die man auf die Landtagswahl im Oktober anspricht, lassen das Thema gänzlich unkommentiert.

In Offenbach stehen im Oktober zwei hessenweit bekannte Personen zur Wahl: Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) und Wirtschaftsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) kandidieren dort für das Direktmandat. Ein bekannter Name steht nicht mehr auf dem Wahlzettel für die Erststimme: Heike Habermann, die zwanzig Jahre für die SPD Landespolitik machte, stellt sich nicht mehr zur Wahl, auf sie folgt Nadine Gersberg. Für die Linke kandidiert Sven Malsy, für die FDP Oliver Stirböck und für die AfD Christin Thüne – alle drei sitzen derzeit im Offenbacher Stadtparlament.

Ein Wunsch, den mit Blick auf das Thema Wohnen in der Offenbacher Kommunalpolitik viele haben, ist die Einführung einer großzügigen direkten Unterstützung vom Land für den Bau geförderter Wohnungen. „Die Landesregierung muss weiteren Schwund an Sozialwohnungen stoppen und deren Anzahl erhöhen“, fordert etwa die Direktorin der Offenbacher Caritas, Christiane Leonhardt-Içten. Denn die Anzahl der öffentlich geförderten Wohnungen in Offenbach sinkt: Im Jahr 2017 ging der Bestand nach Angaben der Stadt von 3926 auf 3599 zurück – ein Rückgang um 8,3 Prozent in nur einem Jahr.

Gleichzeitig entstehen in der boomenden Stadt immer noch – auch große – Wohnungsbauten ohne eine einzige geförderte Wohnung. Ein Projekt, wo geförderter Wohnraum entsteht, ist das Goethequartier im Nordend nahe des Kaiserlei. Auf dem ehemaligen Gelände einer Maschinenfabrik wächst dort unter Regie der zum Land gehörigen Nassauischen Heimstätte (NH) ein Komplex mit 327 Wohnungen empor, wovon 83 gefördert werden. „Darauf sind wir besonders stolz“, verkündete NH-Geschäftsführer Constantin Westphal bei der Grundsteinlegung im August. Das Projekt kostet 130 Millionen Euro, das Land steuert 8,6 Millionen an Darlehensmitteln und Finanzierungszuschüssen bei.

Doch ein solches Projekt ist in Offenbach immer noch die Ausnahme und selbst der städtischen Wohnungsbaugesellschaft GBO gelingt es wegen fehlender Zuschüsse kaum, geförderte Wohnungen zu errichten. Stattdessen erhöht die Gesellschaft bei sanierten Gebäuden sogar ordentlich die Mieten – in einem Wohnblock in der Birkenlohrstraße sollen sie von 6,30 Euro auf dann 8,50 Euro pro Quadratmeter steigen – eine Mieterhöhung von fast 35 Prozent. Die Bewohner nehmen es hin – zu viel Angst haben sie, bei einem Auszug keine vergleichbare Wohnung mehr zu finden: Denn auf den Wartelisten der GBO stehen aktuell rund 3000 Menschen.

Die Entwicklung trifft viele Offenbacher besonders hart, da die Menschen dort in der Regel deutlich weniger Geld zur Verfügung haben als der Durchschnittshesse. So lebt in Offenbach jedes dritte Kind unter 15 Jahren in einer Familie, die mit Hartz IV auskommen muss. Laut einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie muss fast die Hälfte der Offenbacher Mieter über 30 Prozent des Einkommens für die Kaltmiete aufwenden. Besonders deutlich sprechen das Thema im Wahlkampf bislang die Kandidaten von SPD und Linke an: „Hier muss ganz schnell etwas passieren, Offenbach braucht Hilfe vom Land“, sagt Gersberg.

Niemand, der in Offenbach politisch aktiv ist, kommt auch um das Thema Fluglärm herum, das große Teile der Stadt belastet. Vor allem nicht Tarek Al-Wazir. Als grüner Verkehrsminister in einer Koalition mit der CDU muss er den Spagat leisten, sowohl die Interessen der Wirtschaft als auch der grünen Basis zu vertreten. Und in seiner Heimatstadt Offenbach setzen sich zwar viele gegen Fluglärm ein – viele Offenbacher arbeiten aber auch am Flughafen.

Der zweite Vorsitzende der Bürgerinitiative Luftverkehr Offenbach (BIL), Thomas Hesse, stellt Al-Wazir kein gutes Zeugnis aus: Am Ende dieser Legislaturperiode stünde beim Thema Fluglärm ein „relativ mageres Ergebnis“, findet Hesse. Weder die eingeführten „Lärmobergrenzen“ noch das zurzeit eingeschränkte „Lärmpausenmodell“ hätten zu einer „spürbaren Entlastung“ in Offenbach geführt. Positiv bewertet die BIL die Ausstattung von Lufthansa-Flugzeugen des Typs A320 mit Wirbelgeneratoren, wodurch laute Pfeiftöne in der Einflugschneise reduziert werden konnten. Al-Wazir entgegnet Kritikern bei dem Thema stets, dass es nicht die Grünen waren, die „die Nordwestbahn gebaut haben“ – er versuche nun aber, „die Auswirkungen zu begrenzen“.

Al-Wazir unterstützt auch eine Forderung, die unter anderem Offenbachs Oberbürgermeister Felix Schwenke (SPD) vertritt: Die Stärkung des ÖPNV durch Einrichtung der Südtangente – einer Verbindung von Hanau über den Offenbacher Hauptbahnhof zum Flughafen und nach Mainz.

Auch Markus Weinbrenner, IHK-Hauptgeschäftsführer in Offenbach, unterstützt das Vorhaben – er findet aber auch den Ausbau der A3 zwischen Offenbach und Hanau wichtig. Weinbrenner weist zudem darauf hin, dass die IHK bis 2030 von 22 500 fehlenden Fachkräften in Stadt und Kreis ausgeht. Deutlich ist das schon jetzt in den Offenbacher Kitas zu spüren: Etliche Stellen dort sind vakant, weil Erzieher fehlen.

Ein weiteres Thema, das in der von Menschen aus 158 Nationen bewohnten Stadt diskutiert wird, ist freilich die Flüchtlingspolitik. Dagegen, dass Hessen nach Afghanistan abschiebt, gibt es dort Protest: Die Abiturientin und Trägerin des städtischen Integrationspreises, Hibba Kauser, organisierte mit Unterstützerinnen eine Demo und sammelte 53 000 Unterschriften. Da Afghanistan „immer noch kein sicheres Land“ sei, fordert sie die Landesregierung auf, nicht mehr dorthin abzuschieben und allen Geflüchteten hier „Chancen“ zu bieten.

Einen kleineren Wunsch hat der Vorsitzende des lokalen Ausländerbeirats, Abdelkader Rafoud. In seinen Augen wäre es eine große Entlastung, wenn die Stadt mit Landesmitteln durchgeführte Integrationsprojekte nicht kofinanzieren müsste, was immer wieder der Fall ist. Die Finanzen der Stadt sind auch Stefan Grüttner wichtig: Er betont, dass das Land „bei der Entschuldung“ Offenbachs helfe, „damit wieder Spielräume entstehen“.

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