© Michael Schick, FR
So wünschen sich das Gegendemonstranten in Büdingen.
„Junge Alternative“ in Büdingen
Rhein-Main

AfD-Nachwuchs bedrängt Fotografen

Von Detlef Sundermann
07:27

Knapp 150 Menschen folgten am Samstagnachmittag dem Aufruf des Bündnisses für Demokratie, vor der Willi-Zinnkann-Halle eine zweistündige Mahnwache zu halten. In der Halle fand der Bundeskongress der Jungen Alternative (JA) statt. Die Teilnehmer zeigten sich gegenüber den Demonstranten selbstbewusst und provokativ. Dem Vernehmen nach sollen mehr als 300 Delegierte der AfD-Nachwuchsorganisation nach Büdingen gekommen sein, auch um einen neuen Bundesvorsitzenden zu wählen.

Bürgermeister Erich Spamer (parteilos) schleppte eiligen Schrittes ein meterlanges Banner herbei, um es ebenso schnell weit aufspannen zu lassen. „Büdingen ist weltoffen. Büdingen ist bunt“, ist da zu lesen. Spamer wirkte angestrengt. Am liebsten hätte er der JA die Halle nicht überlassen. „Die JA hätte dann vor dem Verwaltungsgericht erfolgreich eine einstweilige Verfügung erwirkt“, sagte er. Sein Antrag, die Halle für jegliche politische Parteien zu sperren, sei im Stadtparlament abgelehnt worden, weil es auch die demokratischen Parteien getroffen hätte. Nach diesem Wochenende will es Spamer erneut per Antrag versuchen. „Im Stadtparlament verfügt die NPD über vier Mandate, da glaubt die AfD, in Büdingen ein gutes Pflaster für ihre Aktionen vorzufinden.“

Die Gegendemonstranten zeigten jedoch den Jungalternativen, dass sich die Stadt gegen deren Anwesenheit wehrt, und das sehr lautstark etwa mit „Es gibt kein Recht auf Nazi-Propaganda“-Rufen und Trillerpfeifenkonzerten. Ein Großteil der JA-Leute - zumeist mit weißem Hemd, Krawatte und schickem Anzug gekleidet – stand vor dem Halleneingang und skandierte „Büdingen ist unsere Stadt“. Fäuste und Stinkefinger wurden über die wohlfrisierten bis kahlen Köpfe gereckt. In der anderen Hand oft die Pulle Bier.

Die Polizei achtete auf eine freie Pufferzone von rund 50 Metern. Zwei JA-ler missachteten die Anweisung, um Fotos von Demonstranten zu machen. Gegen zwei JA-Delegierte seien auch Platzverweise ausgesprochen worden, teilt die Polizei mit.

Bereits am Vormittag, als der AfD-Nachwuchs anreiste, kam es zu einem Zwischenfall. Ein Frankfurter Fotograf berichtet der FR, er sei bei seiner Arbeit dermaßen von JA-Leuten bedrängt worden, dass er Schutz bei Polizisten suchen musste, die ihn im Streifenwagen zum Auto brachten. Auf Twitter sei später eine Nachricht mit Link zur NPD Hessen zu sehen gewesen. Darin habe es zweideutig geheißen, es sei an der Zeit, dass der Fotograf mal etwas Lob bekomme.

Erste Stadträtin Henrike Strauch (SPD) sagte bei der Kundgebung, sie habe sich gefragt, ob man mit dem Protest der JA nicht noch Öffentlichkeit gebe. Nun sei sie froh, dass so viele Menschen gekommen sein. „Man muss den rollenden Schneeball zertreten, ehe er zur Lawine geworden ist“, zitierte Strauch den von den Nazis verfolgten Literaten Erich Kästner.

Thomas Zebunke, Landratskandidat der Grünen, warnte davor, den Rechten den Platz zu überlassen. Mit Blick über die Pufferzone sagte er, es lasse sich nicht mehr einschätzen, wer bei der AfD die Schlimmeren seien: die Alten oder die Jungen. „Wir dürfen die Junge Alternative nicht unterschätzen“, betonte die SPD-Landtagsabgeordnete Lisa Gnadl. Von der JA gingen Verbindungen zu rechtsextremen Organisationen, etwa zur Identitären Bewegung, aus; dabei berief sich Gnadl auf einen Bericht der Landesregierung.

Nach gut einer halben Stunde zog es die Jungalternativen wieder in die Halle. Man hatte noch den Bundesvorsitzenden zu wählen, es wurde Damian Lohr, Wirtschaftsstudent aus Mainz. Doch bis es so weit war, dauerte es. Laut dem „Kreis-Anzeiger“ schwirrten Delegierte in die umliegenden Supermärkte aus, um den Biervorrat aufzustocken.

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