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Bei der Obduktion des in Höchst bei einem Polizeieinsatz gestorbenen Mannes sind keine Auffälligkeiten gefunden worde, die den Todeseintritt erklären könnten.
Polizeieinsatz in Frankfurt-Höchst
Rhein-Main

Zweifel an Todesursache nach Polizeieinsatz

Von Oliver Teutsch
07:24

Ein Jahr nach einem tödlichen Polizeieinsatz in Frankfurt-Höchst sind die Ermittlungen gegen die beteiligten Beamten noch immer nicht abgeschlossen. Ein Grund für die lange Dauer des Verfahrens ist auch das histologische Gutachten zur Todesursache, auf das die Staatsanwaltschaft acht Monate warten musste. In einem offenen Brief an das Rechtsmedizinische Institut hat sich nun ein Zusammenschluss von Ärzten in sozialer Verantwortung (IPPNW) bei den Kollegen über die schleppenden Ermittlungen beschwert: „Uns ist unerklärlich, dass zwei Routinegutachten statt zwei Wochen über zehn Monate Bearbeitungszeit erfordern“, heißt es in dem Brief. 

Bei einer Räumungsklage in der Höchster Josef-Fenzl-Straße war die Polizei am 1. Juni vorigen Jahres um Unterstützung gebeten worden. Die Frau von Savas K. hatte eine Räumungsklage gegen ihren Mann erwirkt, der schon häufiger wegen Ruhestörung und häuslicher Gewalt aufgefallen sein soll. Während des Einsatzes, an dem sechs Beamte beteiligt waren, verstarb K. Das Landeskriminalamt übernahm die Ermittlungen und sprach zunächst von einem „medizinischen Notfall“. Einer der Brüder des Verstorbenen erhob jedoch schwere Vorwürfe gegen die Beamten, die seinen Bruder mit brutaler Gewalt ruhiggestellt hätten. 

Genaueres sollte zunächst ein toxikologisches Gutachten ergeben, das einige Tage nach dem Vorfall in Auftrag gegeben wurde, aber keinen Aufschluss brachte. Daraufhin gab die Staatsanwaltschaft im August ein histologisches Gutachten in Auftrag, das allerdings erst im April, also acht Monate später vorgelegt wurde. In dem Gutachten, bei dem Gewebeproben mikroskopisch untersucht werden, wurden laut Nadja Niesen, der Sprecherin der Frankfurter Staatsanwaltschaft, „unterschiedliche krankhafte Veränderungen nachgewiesen“. Diese, „unter anderem noch begünstigt durch eine Asthmaerkrankung“, sprächen „in der Gesamtschau für ein akutes Herzversagen als Todesursache“, sagte Niesen. 

Die Verfasser des offenen Briefs sprechen jedoch davon, dass bei dem Verstorbenen „keine ärztliche Asthmadiagnose gestellt und keine Asthmamedikation verordnet wurde“. Dass in dem histologischen Gutachten dennoch von einer Asthmaerkrankung  die Rede ist, „weckt Zweifel an der Zuverlässigkeit und Unabhängigkeit Ihrer Begutachtung“, kritisieren die Ärzte in sozialer Verantwortung das Rechtsmedizinische Institut. Die IPPNW gehen vielmehr davon aus, dass K. bei dem Einsatz aufgrund der Einwirkungen der Beamten ums Leben kam. Die IPPNW hatten sich nach eigener Aussage mit Zeugen unterhalten, die am Tattag vor Ort waren und schildern die Vorfälle in dem offenen Brief. Demnach drängten fünf Polizisten, „darunter zwei muskulöse Hünen“, den übergewichtigen K. bäuchlings auf dessen Bett. Einer der Beamten soll ihm die Knie in den Rücken gedrückt haben, was auch durch zwei entsprechend große Blutergüsse auf dem Rücken belegt sei. Bei den Verletzungen, heißt es in dem offenen Brief weiter, „fällt es schwer, als Todesursache nicht eine lagebedingte Erstickung mit zusätzlicher Halsstrangulation anzunehmen, die erst schlussendlich auch zu einem Sauerstoffmangel-bedingtem Herzversagen als Folge, nicht als Ursache führt“.

Die Unterzeichner des offenen Briefs fordern eine externe unabhängige rechtsmedizinische Ablaufrekonstruktion unter Berücksichtigung der bei K. bildlich und schriftlich dokumentierten Verletzungsmuster. 

Die Frankfurter Uni-Klinik, an der das Rechtsmedizinische Institut angedockt ist, wollte sich auf Nachfrage der FR nicht zu den Vorwürfen äußern. Auch die von den Geschwistern des Verstorbenen beauftragten Rechtsanwälte geben sich noch zurückhaltend. Sie hatten erst spät Akteneinsicht erhalten und wollen derzeit nicht an die Öffentlichkeit treten, sondern setzen auf den Dialog mit der Staatsanwaltschaft, damit diese die Ermittlungen nicht einstellt. 

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