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Das Land- und Amtsgericht in Frankfurt.
Prozess in Frankfurt
Rhein-Main

Mann fährt absichtlich Frauen um

Von Stefan Behr
07:28

Eines hat Jörg Ö. immerhin erreicht: Er gilt amtlich als geistig kerngesund. Zumindest als gesund genug, um sich als Angeklagter vor dem Landgericht verantworten zu können – wegen gefährlicher und lebensgefährdender Körperverletzung, gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr und Unfallflucht.

Am 29. Juni 2016 hatte der heute 38 Jahre alte Ö., nach vielen führerscheinlosen Jahren für drei Stunden ein Auto geliehen und die Zeit weidlich genutzt. In der Innenstadt fuhr er erst zwei Touristinnen mutwillig und anlasslos über den Haufen, dann eine Gruppe von drei weiteren Frauen. Die Frauen hatten Glück - alle kamen mit leichten Verletzungen davon. Jörg Ö. fuhr nach getaner Tat davon.

Das Gericht schickte Jörg Ö. zur Begutachtung in die Psychiatrie - die Frage war, ob Ö. überhaupt schuldfähig sei. Zweifel daran nährte schon allein ein Gerichtsbeschluss aus dem Jahre 2006, der dafür sorgte, dass Ö. fünf Jahre wegen diagnostizierter paranoider Schizophrenie in der Psychiatrie saß. Nach gut zweimonatiger Begutachtung kamen die Gutachter zu dem Ergebnis, dass Jörg Ö. im Kopf knusper genug sei, um zu wissen, was er tue.

So spricht die Fachwelt, und der Laie wundert sich. Denn erst einmal macht Jörg Ö. keinen sonderlich zurechnungsfähigen Eindruck. Dem bereits Anfang Juli terminierten ersten Verhandlungstag war Ö. unentschuldigt ferngeblieben. Die losgeschickte Polizei traf ihn in seiner Wohnung nicht an, ebenso wenig in der Reha-Werkstatt, in der er eigentlich arbeiten sollte, dies aber seit Wochen nicht mehr tat. Wenige Tage später wurde er in Wohnortnähe festgenommen, seitdem sitzt er in eher seltener „Hauptverhandlungshaft“.

Keine Angaben zu  Person und Anklage

Vor Gericht verweigert der Mann mit dem Lausbubengesicht und der Steckdosenfrisur jegliche Angaben zu sich und der Anklage. Die Kommunikation mit der Kammer beschränkt sich auf zwei immer wieder zur Unzeit gestellte Fragen: „Kann ich jetzt gehen?“, was die Kammer verneint, und „Muss ich noch dableiben?“, was die Kammer bejaht.

So ist das Gericht am ersten realen Verhandlungstag auf die Aussagen von Zeugen angewiesen. Etwa auf die von Ö.s ehemaliger Chefin in der Reha-Werkstatt. Die berichtet, dass der Patient, als er 2011 aus Haina entlassen worden war und dort anfing zu arbeiten, verhältnismäßig normal wirkte. Er sei zwar schon immer ein verschlossener Einzelgänger gewesen, der keinen Kontakt zu Kollegen oder Nachbarn pflegte und solchen auch nicht wünschte. Aber „einfache Falt-, Sortier- und Klebearbeiten“ habe er stets befriedigend geleistet.

Das habe sich geändert, als Anfang 2016 Ö.s Führungsaufsicht geendet und er wohl ohne Rücksprache seine Medikation abgesetzt habe. Ö. sei dann etwas verhaltensauffällig geworden. Mal sei er durch die Gänge getanzt, mal habe er Türklinken mit dem Feuerzeug erhitzt, mal habe er sich zur schönsten Arbeitszeit halbnackt auf die Bank gelegt. Er habe sechs Liter Wasser täglich getrunken, weil er überzeugt gewesen sei, dass finstere Mächte ihm Gift ins Essen mischten und viel Wasser da helfe. Vor allem Kolleginnen hätten sich vor dem zunehmend aggressiver auftretenden Ö. gegruselt, manche seien gar nicht mehr zur Arbeit gegangen. Ö. irgendwann auch nicht mehr. Nach Wochen unentschuldigten Fehlens hatte die Polizei ihn in Hildesheim aufgegriffen. Die Reha-Werkstatt habe sich daraufhin entschlossen, die Zusammenarbeit zu beenden.

„Ich bin mir sicher, dass er Stimmen hört“, sagt die Ex-Chefin, auch wenn der chronisch verschlossene Ö. darüber so wenig geredet habe wie über alles andere auch. All diese Indizien spielten bei den Gutachtern aber offenbar keine große Rolle. Der Prozess wird fortgesetzt.

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