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Das Urteil im Prozess gegen mehrere Frankfurter Türsteher ist gefallen...
Türsteher-Prozess Frankfurt
Rhein-Main

Mildere Strafe für Türsteher

Von Stefan Behr
17:21

Im Jahr 2011 hatte die Mutter eigentlich nach Frankfurt kommen wollen, um die Hochzeit ihres Sohnes zu feiern. Stattdessen musste sie ins Leichenhaus. 2012 war die Mutter wieder in Frankfurt, um den Prozess gegen die Männer zu verfolgen, die ihren Sohn totgeschlagen hatten – die beiden Haupttäter wurden wegen Totschlags zu zehneinhalb und neun Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Am Montag sitzt die Mutter erneut auf der Bank der Nebenklage, sie hat ein Foto ihres totgeschlagenen Ältesten dabei.

Diesmal werden die Haupttäter wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu Freiheitsstrafen von sieben Jahren und neun Monaten sowie sechs Jahren verurteilt, ein dritter Mitangeklagter wegen Beihilfe zu einem Dauerarrest von vier Wochen, der durch die U-Haft mehr als abgesessen ist. Der einstmalige vierte Angeklagte hatte gegen seine Bewährungsstrafe keine Revision eingelegt.

Opfer völlig schuldlos

Die Türsteher hatten im April 2011 einen 31 Jahre alten Briten durch Schläge und Tritte getötet. Vorausgegangen war eine Rangelei zwischen dem Briten und dem 36 Jahre alten Türsteher Athanassios G. Der war bei einem Handgemenge von einem anderer Gast gegen den Briten geschubst worden. Der versierte Boxer G. hatte sich angegriffen gefühlt und den Briten in kürzester Zeit niedergeschlagen. Ein Kollege half ihm dabei, die anderen verhinderten, dass Gäste eingreifen konnten.

Das an der Auseinandersetzung völlig schuldlose Opfer starb kurz nach den Prügeln an inneren Verletzungen. Laut dem jüngsten Urteil waren die Tritte, die G. dem am Boden liegenden Briten in den Magen verpasste, todesursächlich: Das Opfer erlitt einen Leberriss.

Der Bundesgerichtshof hatte im November 2013 das erste Urteil des Landgerichts kassiert: „Die Beweiserwägungen, mit denen das Landgericht einen bedingten Tötungsvorsatz angenommen hat, halten rechtlicher Überprüfung nicht stand“, so der BGH, es fehle eine „umfassende Gesamtwürdigung der objektiven und subjektiven Tatumstände“.

Verteidiger zweifeln Todesursache an

„Eine schicksalhafte Verkettung ungünstiger Umstände“ nennt der Vorsitzende Richter Alexander El Duwaik in der Urteilsbegründung nun diese Gemengelage. Zwar habe der trainierte Kampfsportler und langjährige Türsteher G. wissen können und müssen, dass seine Tritte tödlich sein könnten. Mit dem Tod des Briten sei er aber weder „einverstanden“ gewesen noch habe er „ernsthaft darauf vertraut“. Der Vorsatz, zitiert El Duwaik einen steinalten Rechtsgrundsatz, setze nun einmal „Wissen und Wollen“ voraus. Am Wollen aber hapere es hier.

Der Mutter, die die Urteilsbegründung von der Bank der Nebenklage aus mit schmerzverzerrtem Gesicht verfolgt, rät der Vorsitzende Richter, nach vorne zu schauen und mit der Vergangenheit abzuschließen. Viel Hoffnung macht er sich aber nicht. „Wahrscheinlich wird der Fall noch mal zum BGH geholt werden“, mutmaßt El Duwaik, und „das wird das Verfahren nicht besser machen.“ Und wohl auch nicht kürzer. 28 Verhandlungstage zählte die erste Auflage des Prozesses, 27 die zweite.

Entgegen der Auffassung des Gerichts sehen es die Anwälte von G. keinesfalls als gesichert an, dass die Tritte ihres Mandanten kausal verantwortlich für den Tod des Opfers gewesen seien. Sie hatten in ihren Plädoyers eine Bewährungsstrafe gefordert.

Nach dem Urteil gibt die Mutter der Presse ein Interview. Sie hält noch einmal ein Foto ihres Sohnes hoch. Dann sagt sie etwas Überraschendes. Sie sagt, dass sie es zwar lieber gesehen hätte, wenn die Angeklagten die höhere Strafe hätten absitzen müssen. Sie sagt aber auch, dass der Richter vermutlich recht habe: Das Leben gehe tatsächlich weiter, es gebe noch andere Kinder und mittlerweile auch Enkel, um die sie sich kümmern müsse.

Wenn es zu einem dritten Prozess kommen sollte, werde sie wieder nach Frankfurt kommen, in die Heimat der Frau, die fast ihre Schwiegertochter geworden wäre. Das sei sie ihrem Sohn schuldig. Sie würde kommen. Aber sie will nicht mehr. Und verzichtet wohl auf Rechtsmittel.

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