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Zusätzliche Aufgaben und überbordende Bürokratie hinderten Lehrer an ihrer Bildungsarbeit, beklagt die GEW.
Schulen in Hessen
Rhein-Main

Hilferufe aus den Schulen

Von Pitt von Bebenburg
08:30

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beklagt einen Mangel an Lehrkräften und eine Überlastung von Lehrerinnen und Lehrern. Sie würden durch zusätzliche Aufgaben und überbordende Bürokratie an ihrer Bildungsarbeit gehindert, erklärten betroffene Lehrkräfte am Freitag in Wiesbaden.

Kultusminister Alexander Lorz (CDU) hatte zum Schulstart von „hervorragend aufgestellten“ Schulen gesprochen, denen das Land eine „einmalig gute Lehrerversorgung“ biete. Die hessischen GEW-Vorsitzende Birgit Koch und Maike Wiedwald bezeichneten diese Darstellung des Ministers als „Sommermärchen“. Insbesondere an Grundschulen fehlten qualifizierte Kollegen.

„Vielen der befristet eingestellten Kolleginnen und Kollegen fehlen oft fachliche Qualifikationen und vor allem pädagogische Kompetenzen für den Unterricht“, erklärte Koch. Wer etwa Germanistik studiert habe, verfüge zwar über eine hohe wissenschaftliche Kompetenz. „Das bedeutet aber nicht, dass er oder sie den Stoff auch Kindern in der Grundschule im Deutschunterricht so vermitteln kann, dass diese das Thema verstehen.“ Koch betonte: „Sie müssen pädagogisch qualifiziert werden, bevor sie vor die Schüler treten.“

Lehrkräfte erzählten, dass der Schulalltag kaum noch zu bewältigen sei. Die Bensheimer Grundschullehrerin Elke Fischer berichtete, Klassen seien heute „extrem heterogene Gruppen“. In ihrer Klasse nähmen zwei Kinder mit Beeinträchtigungen und ein traumatisiertes Kind am Unterricht teil. Dafür stehe ihr eine Förderschullehrkraft zur Seite, aber nur in vier von 24 Wochenstunden. Den Rest versuche sie „irgendwie hinzukriegen“. Der Frankfurter Gesamtschullehrer Paul Neuhaus wies darauf hin, dass auch Elterngespräche schwieriger geworden seien. So müsse man „häufig“ einen Übersetzer heranziehen, weil Väter und Mütter nicht ausreichend Deutsch sprächen.

Der Gymnasiallehrer Holger Giebel aus Rimbach wies auf die „sehr üppige“ Schreibtischarbeit hin. Die „Dokumentationspflichten“ nähmen Lehrer in Beschlag.

CDU erwidert mit Zahlen

In dieser Situation fielen Kolleginnen und Kollegen mit Burnout aus. Immer mehr Lehrkräfte ließen sich frühzeitig pensionieren, berichtete die GEW. Überlastungsanzeigen würden vom Kultusministerium trotzdem nicht angemessen beantwortet. GEW-Vize Tony Schwarz sagte, es gebe solche Anzeigen von mehr als 100 hessischen Schulen. „Das sind echte Hilferufe.“ Die CDU antwortete in einer Presseerklärung, ohne ausdrücklich auf die GEW-Kritik einzugehen. Ihr schulpolitischer Sprecher Armin Schwarz wies darauf hin, es gebe so viele Lehrerstellen, so viel Geld im Bildungsetat und so viele Unterrichtsstunden wie noch nie. Schulen mit besonderen Schwierigkeiten würden im laufenden Schuljahr 540 weitere Stellen zur Verfügung gestellt. Zudem stünden seit dem 1. August 700 neue Stellen für Sozialpädagogen zur Verfügung.

Lehrerin Fischer berichtete bei der GEW-Pressekonferenz, an ihrer Schule sei eine solche zusätzliche Kraft im Einsatz. Sie könne aber mit 14 Wochenstunden für 270 Kinder nicht genug Unterstützung bieten.

Die FDP nannte die Darstellung der GEW-Lehrkräfte einen „erschreckenden Einblick in den hessischen Schulalltag“. Dafür gebühre Kultusminister Lorz „eine weitere glatte Sechs“, sagte FDP-Politiker Wolfgang Greilich.

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