© Peter Jülich, FR
Die Lyrikerin Safiye Can.
MeTwo in Hessen
Rhein-Main

#MeTwo - der alltägliche Rassismus

Von Kathrin Rosendorff, Danijel Majic
17:40

Die FR hat einige Personen des öffentlichen Lebens darum gebeten, von ihren Erfahrungen mit Alltagsrassismus zu berichten. Die Reaktionen reichen von Betroffenheit und Erschrecken bis zu Ablehnung und Verächtlichmachung. Zusamengetragen von Kathrin Rosendorff, Danijel Majic und Georg Leppert. 

Safiye Can, Lyrikerin und Bestsellerautorin

Ich erinnere mich an eine Klassenlehrerin, die allen nicht deutsch-deutschen Mitschülern das Leben erschwert, vor versammelter Klasse sagt: Damit du den erweiterten Realschulabschluss schaffst, müssen sich Welten ändern.

Es geht auch ohne Worte: Auf dem Weg zu meiner Lesung auf der Frankfurter Buchmesse kommt mir am Frankfurter Hauptbahnhof ein übergewichtiger, großgewachsener Neonazi entgegen und rammt mich mit voller Wucht an der rechten Schulter. Im selben Jahr zuvor die musikalische Version: Ich sitze nach meiner Lesung zur Leipziger Buchmesse nachts in der letzten Straßenbahn Richtung Hotel. Drei Neonazis sehen mich, stehen auf und singen lauthals ein Lied über Deutschland, Blut und „Judenpack“.

2016 wird mir der Else-Lasker-Schüler-Lyrikpreis verliehen, eine Frau ruft bei der Else-Lasker-Schüler-Gesellschaft in Wuppertal an und beschwert sich. Ein Gedicht trägt den Titel „Ich freundschafte dich“, dies sei erwiesenermaßen falsches Deutsch.

Rückblende: Offenbach 1995, ich rufe für meine Eltern und mich bei Zeitungsannoncen an: Fast jeder Vermieter sagt unverblümt: An Ausländer vermieten wir nicht. Oder: An Türken vermieten wir nicht.

Reza Ahmari, Sprecher der Bundespolizeidirektion Flughafen Frankfurt

Ich bin kein großer Freund der aktuellen #MeTwo-Debatte. Vor allen in Sozialen Medien wird das Thema zu hoch gekocht. Na klar habe ich mit meinem 50 Jahren mit diesem Namen und meinem Erscheinungsbild auch Alltagsrassismus erlebt. Aber im erträglichen Maße, und es ist auch eine Frage, wie man damit umgeht.

Vielmehr ist mein Resümee insbesondere auf meinen Beruf als Polizeibeamter bezogen durchweg positiv. Ich war einer der ersten Migrationsbeamten in der Bundespolizei bei Einstellung 1987. Heute bin ich einer von elf Pressestellenleitern der Bundespolizei im Amt eines Ersten Polizeihauptkommissars. Das erfüllt mich mit Stolz, auch auf die Organisation Bundespolizei.

Mein persönlich schlimmstes Erlebnis hatte ich vor 19 Jahren. Ich buchte per Telefon in Südtirol eine Pension. Bei Ankunft am frühen Morgen bei der Pension empfing uns der Hausherr mit den Worten; „Sie haben hier bestimmt nicht gebucht.“

Positiv wurde ich in meinem zweiten Ausbildungsjahr von meinem Hundertschaftsführer in Lübeck überrascht. Mein Ausbildungsgruppenleiter war offensichtlich Anhänger der „Republikaner“. Ich erhielt zunächst eine mangelhafte Beurteilung, die objektiv nicht gerechtfertigt war. Der Einheitsführer hat diese nach einem intensiven Gespräch mit mir um zwei Noten nach oben korrigiert mit den Worten: „Man hat Ihnen Unrecht getan, offensichtlich aufgrund ihrer Herkunft, das kann ich nicht akzeptieren.“

Sevinc Yerli, Gründerin des Modelabels Chili Bang Bang

Klischees und Vorurteile verfolgen mich schon ein Leben lang. Auch in jungen Jahren gab es viele Situationen, in denen ich wegen meiner türkischen Herkunft als asoziales Pack oder verdorbenes Mädchen beschimpft worden bin. Während meiner Schulzeit in Nürnberg habe ich mit einer kindlichen Leichtigkeit diese so herablassende Art von manchen Lehrern und Schülern ganz unbewusst an mir abprallen lassen. Doch ein späteres Erlebnis, werde ich wohl nie vergessen.

Während meiner Zeit als Make-Up-Artist bei einer der namhaften Parfümerien in Deutschland, kam es zu einer besonders verletzenden Situation. Während eines Verkaufsgesprächs mit einem Kunden in meiner eigenen Muttersprache, bemerkte ich wie der Filialleiter mich und die Kundin beobachtete, dies verunsicherte mich sehr. Bis sich im Laufe des Tages im Haus ein Gerücht verbreitete, dass die Türkin (also ich) klauen und Kunden Ware zuschieben würde. Ich war dermaßen schockiert, verletzt und verunsichert, dass ich meinen letzten Mut zusammennahm und weinend der Bereichsleitung von diesen Gerüchten erzählte.

Wie sich später herausstellte, hatte tatsächlich der Filialleiter sich angemaßt, mich als Dieb darzustellen, weil ich auch Kunden in meiner Muttersprache betreut hatte. Auch Kolleginnen, die mich fragten „dein Mann hat doch bestimmt Handys, die er abschieben kann“ nehme ich als eine persönliche Beleidigung, zumal mein Mann Bauingenieur ist und nichts mit dem Handyhandel zu tun hat. Diese Klischees und Vorurteile sind die Basis von Rassismus.

Kaye Ree, Soulsängerin

Wenn ich privat unterwegs bin, trage ich die Haare in der Regel offen. Dann erkennt man meinen persischen Migrationshintergrund nicht unbedingt. Sobald ich aber ein Kopftuch anziehe, das ich eigentlich nur auf der Bühne trage und selten privat, merke ich schon, das ich anders behandelt werde.

Wenn ich mit offenen Haaren in S-Bahn oder Bus steige, ist alles ganz normal. Manche Leute lächeln mich an. Mit Kopftuch, auch wenn ich es nicht aus religiösen, sondern rein aus modischen Gründen trage, wird man anders behandelt, anders angeguckt. Gerade Männer behandeln dich dann anders. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ganz offen rassistisch angegangen worden zu sein. Ich bemerke einfach die Blicke.

Pearl Hahn, Stadtverordnete der Linken in Frankfurt

Es ist lustig, wie manche Menschen soziale Grenzen einfach nicht beachten, wenn du als „anders“ deklariert wirst. Ich war vor einigen Jahren auf einer WG-Feier. Ich kam ins Gespräch mit einem Typen, der sich für mich als ganze Person interessierte. Die erste Frage lautete wie so oft: „Wo kommst du her?“ Mein Name, mein Beruf oder meine Interessen schienen nicht so wichtig zu sein.

Je nach Lust und Laune experimentiere ich mit meinen Antworten. Manchmal antworte ich: „Ich komme aus Frankfurt.“ Dies führt meistens zu weiteren Fragen und einer kleinen Odyssee in der Ahnenforschung. Es gibt so viele Ahnenforscher*innen, der Markt ist übersättigt! Manchmal erwidere ich mit der gleichen Frage und füge hinzu: „Nein, aber wo kommst du denn wirklich her?“ Manchmal erzähle ich eine richtig lange fiktive Geschichte oder liefere eine Erklärung, weswegen diese Frage nicht angebracht ist.

An diesem Abend hatte ich einfach keine Lust auf lange Exkursionen und habe Kenia gesagt. Ich dachte, damit würde der Typ zufrieden sein und mich in Ruhe lassen. Was danach geschah, hatte ich nicht erwartet. Er fragte: „Stimmt es, dass schwarze Männer große Penisse haben?“ Ich war verblüfft. Ich sagte: „Ja, klar! Die haben alle riesige Penisse! Ich habe sie ja schließlich alle gemessen und mit allen anderen Penissen der Welt verglichen. Aber weißt du was, ich urteile nicht anhand von Ethnie, Geschlecht, sexueller Orientierung, Religion oder sogar Größe! Ich urteile nur, ob Menschen Arschlöcher sind oder nicht. Und ich glaube, in dieser Hinsicht hast du ordentlich was in der Hose!“

Radost Bokel, Schauspieler

Die Leute, die nicht betroffen sind, sagen immer: „Heutzutage ist es doch kein Problem mehr, ein schwarzes Kind zu haben.“ Pustekuchen.

Mein Sohn ist neun Jahre alt und wir leben in Rodgau. Er wird er immer wieder von Kindern als Nigger bezeichnet. Und das in der Grundschule! Das finde ich ganz schlimm, denn die Kinder kommen nicht von allein auf solche Sprüche. Sie lernen sie von ihren Eltern. Ich bin natürlich gleich zur Schulleitung gegangen – das Thema wurde dann im Stuhlkreis besprochen.

Aber das ist eine Sache, die leider immer wieder auftaucht. Ich als Mama muss sehen, wie ich meinen Sohn stärke. Ich habe ihm beigebracht, dass man Menschen nicht nach dem Äußeren, sondern nach dem Herzen beurteilen soll.

Das schlimmste Erlebnis hatten wir vergangenes Jahr im Supermarkt. Mein kleiner Sohn nahm sich an der Selbstbedienungs-Theke einen Kreppel und biss gleich rein. Die Mitarbeiter dort kennen uns, und die meisten Eltern machen das auch so und bezahlen dann später an der Kasse. An dem Tag hat aber eine Kundin zu meinem Sohn gesagt: „Es ist nicht alles umsonst in Deutschland.“ Das hat so viel ausgesagt. Über mein Kind, über Deutschland. Ich habe sie zur Rede gestellt, sie hat nur rumgestottert. Dann lief sie weg und machte auch noch den Hitlergruß. Am meisten habe ich mich darüber geärgert, dass niemand im Supermarkt uns unterstützt hat.

Julian Smith, DJ und Gastronom Chinaski

Ich war ein typisches Besatzungskind und bin im dörflichen Groß-Krotzenburg aufgewachsen. Meine Mutter war Deutsche, mein Vater ein schwarzer GI aus Florida. Als Kind hatte ich diese Situation, dass ein anderer Junge, mit dem ich immer spielte, eines Tages plötzlich sagte: „Mein Vater sagt: Ich darf nicht mehr mit dir spielen.“

Das ist das Schlimmste, was passieren kann, wenn Eltern ihren Kindern so ein Gedankengut mitgeben, mit denen ihre Kinder nichts anfangen und es schon gar nicht verstehen können. Ich selbst verstand die Welt nicht mehr. Mein Vater war wütend und fuhr zum Haus der Familie. Und an der Haustür sagte er zu dem Vater: „Wenn du was gegen mich hast, ist das deine Sache. Zwischen zwei liebevoll spielende Kinder aber einen Keil zu treiben, ist nicht akzeptabel.“ Danach hat es sich eingerenkt.

Mein ganzes Leben habe ich vor der Herausforderung gestanden zu interpretieren, wie bestimmte Sätze gemeint sind: Ist das jetzt ein rassistischer Kommentar oder nicht? Das ist manchmal nicht so eindeutig.

Während der Schulzeit hatte ich eine Freundin, die hatte einen sehr erfolgreichen Vater. Als endlich der Zeitpunkt kam, die Familie kennenzulernen war ich auch schon DJ und ich erzählte: „Ich mache gerade Abitur.“ Der Vater stellte daraufhin gleich die Frage: „Sie machen Abitur?“ Das ist immer der spezielle Moment: Wohin tendiere ich jetzt? Klar, ich war DJ und hatte diesen Riesen-Afro: „Traut er mir das nicht zu wegen meiner Hautfarbe?“ Oder wollte er nur sagen: „Warum hältst du dich mit Abi auf, wenn du schon erfolgreicher DJ bist?“ Ich weiß es nicht.

Generell ist mir aber wenig Rassismus in Deutschland begegnet. Vielleicht habe ich da auch einfach Glück gehabt. Und wenn, dann kamen diese Sprüche häufig von recht minderbemittelten Menschen.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank

Ich kann mich noch an die erste Wohnungssuche erinnern, als meine Frau und ich aus Israel nach Frankfurt zogen. Es war ein echter Glücksfall: drei Zimmer mit Garten, im Zentrum von Bornheim. Hoffnungsvoll gingen wir zum Besichtigungstermin. Der Besitzer, ein älterer, kräftiger Herr mit Schnauzbart, betrachtete uns von Anfang an mit vieldeutigen Blicken. Nachdem er uns die Wohnung gezeigt hatte, fragte er neugierig, woher wir kommen. Auf unsere Antwort, dass wir aus Israel sind, erwiderte er: „Das wusste ich sofort.“ Dann erzählte er begeistert, dass er Israel und Juden sehr mag.

Im Übrigen, fügte er hinzu, könne er Juden sofort erkennen: Sein Vater sei jahrelang Tierzüchter im Frankfurter Zoo gewesen. Der habe ihm schon als Kind beigebracht, wie man Juden riechen kann. Zwei Wochen später sind wir in eine Wohnung im Westend gezogen.

Gut im Gedächtnis ist mir auch immer noch die Nachricht einer Bloggerin: „Sie und die Juden ganz allgemein“, schrieb sie mir, „werden die letzten sein, die was bestimmen, sondern stattdessen wird wieder über Sie bestimmt, und wenn Sie Glück haben, können Sie noch gerade so Ihre Koffer packen und diesem Land entfliehen. Wie ich Ihren Äußerungen entnehme, wollen Sie das. Sie scheinen ein Adventurous Type zu sein.“ Sie hat ihre Ausbildung wohl im selben Zoo gemacht.

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