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Frankfurt plant einen neuen Stadtteil im Norden der Kommune beidseits der Autobahn A5.
Neuer Stadtteil Frankfurt
Rhein-Main

Kritik am Sternmarsch

Von Claus-Jürgen Göpfert
08:00

Lebensqualität erhalten – keine Betonburg an der A5“: Das ist das Motto des Sternmarsches gegen den geplanten neuen Stadtteil im Frankfurter Norden am Sonntag, 19. August. 14 Stadt- und Ortsverbände der CDU aus dem Hochtaunuskreis, dem Main-Taunus-Kreis und dem Norden Frankfurts rufen dazu auf. Bei der Abschlusskundgebung wollen hochrangige CDU-Politiker sprechen: neben dem Landtagsabgeordneten und früheren Landrat Jürgen Banzer auch Norbert Altenkamp, CDU-Bundestagsabgeordneter aus dem Main-Taunus-Kreis.

Doch die Organisatoren bekommen starken politischen Gegenwind. Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Frankfurt kritisierte am Freitag in einer bemerkenswerten Stellungnahme den Sternmarsch. „Dies ist nicht die Form der Auseinandersetzung, die ich angesichts von dringend benötigtem Wohnraum für zielführend halte“, sagte Matthias Gräßle, der Hauptgeschäftsführer der IHK.

Er rechnete vor, dass bis zum Jahre 2030 alleine im hessischen Teil der Metropolregion Frankfurt-Rhein-Main 130 000 Wohnungen fehlten. Es müsse regional zusammengearbeitet werden, um dem Wohnraummangel zu begegnen.

Ungewöhnlich war die Schärfe, mit der Gräßle sich äußerte. „Ich würde mir wünschen, dass sich die kommunalen Vertreter mit der gleichen Vehemenz für die Realisierung von Wohnraum einsetzen, wie sie es dagegen tun“, sagte er. Um den enormen Bedarf an Wohnraum im Rhein-Main-Gebiet zu decken, müssten alle Entwicklungspotenziale in den Blick genommen werden.

Gräßle appellierte „an alle kommunalen Vertreter, die Ergebnisse der städtebaulichen Voruntersuchung“ über den geplanten Stadtteil abzuwarten. Sie sollen Ende 2019/Anfang 2020 vorliegen.

Der IHK-Hauptgeschäftsführer sagte, erst dann könne man „auf Basis aller Erkenntnisse entscheiden“, ob das Gebiet beidseits der Autobahn 5 geeignet sei, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.

Auch die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände (VhU) meldete sich mit scharfer Kritik am Sternmarsch zu Wort. „Die Metropolregion darf nicht dichtmachen – wir wollen und werden weiter wachsen, auch an Menschen“, sagte Thomas Reimann, Vorsitzender des Bau- und Immobilienausschusses des VhU.

Reimann betonte: „Zuzügler sind willkommen.“ Sie hülfen, den Fachkräftebedarf der Unternehmen im Ballungsraum Rhein-Main zu decken. Die Kommunen müssten deshalb mehr Neubaugebiete ausweisen. Der Unternehmer Reimann ist Vorstandsvorsitzender der mittelständischen Bauunternehmung Alesa AG in Frankfurt. Er warnte grundsätzlich „vor dem St.-Florians-Prinzip“.

Der SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel nannte den Sternmarsch „kleingeistig und peinlich“. Die Region platze aus allen Nähten, die Wohnungsnot sei inzwischen eine reale Bedrohung für die Mitte der Gesellschaft. „Aber das scheint die CDU-Granden aus den schönen Wohnlagen im Taunus nicht zu interessieren“, sagte der Sozialdemokrat am Freitag.

Es sei geradezu zynisch, wenn Besserverdiener mit CDU-Parteibuch in Zeiten wie diesen einen Sternmarsch gegen bezahlbare Wohnungen organisierten – und damit gegen alle Menschen, die sich das Wohnen in Frankfurt und Umgebung nicht mehr leisten könnten.

Die hessische SPD stehe zu den Plänen für den neuen Stadtteil, sagte Schäfer-Gümbel. Wenn die wenigen wirtschaftlich Starken sich vom Rest der Gesellschaft lossagten, um gefühlte Besitzstände zu verteidigen, dann spalte das unser Land und verhindere gemeinsame Lösungen für eine gute Zukunft.

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