© Hanning Voigts, FR
Schlichte Zimmer in der neuen Kölner Unterkunft. In Hanau schlafen hingegen viele im Auto.
Obdachlose
Rhein-Main

Das Auto als Zuhause

Von Gregor Haschnik
13:25

Auf einer Kochplatte, die zwischen zwei Lieferwagen steht, bereitet ein Mann Wurst mit Zwiebeln zu. Seine Nachbarin auf dem Parkplatz kehrt. Sie halten ihn sauber, auch um sich vor den vielen Ratten in der Gegend zu schützen. Auf einer Leitplanke hat jemand frisch gewaschene Kleidung zum Trocknen aufgehängt. Es ist ruhig; einige haben sich schon auf ihre improvisierten Schlafstätten aus umgeklappten Rücksitzen, Kofferraum, Kissen und Decken gelegt.

Notgedrungen leben rumänische Wanderarbeiter weiter in Autos auf einem Parkplatz in Hanau. Manche sind nur einen Tag hier, andere mit Unterbrechungen Monate. Morgens fahren sie weg, um als Schrottsammler oder auf dem Bau zu arbeiten. Florin Alexandrescu (Namen geändert) sagt, er sei nur kurz da. Auch sein Dilemma ist: ohne Wohnung keine feste, besser bezahlte Stelle und umgekehrt. Aber „alles wird gut“, hofft er. In Frankfurt habe er bei einer sozialen Einrichtung eine Meldeadresse bekommen und nun Aussicht auf einen Job als Bauarbeiter. Er klagt wie die anderen nicht über die zumindest auf Dauer unzumutbaren Umstände. „Kennst du jemanden, der Arbeit und Wohnung für uns hat“, fragen sie. Und betonen, dass sie sich korrekt verhielten, die notwendigen Parkscheine lösten, niemanden störten.

Einige waren vorher in der Daimlerstraße zu Hause. Dort wohnten rund 400 Menschen, darunter viele Roma, in prekären Verhältnissen, bis die neuen Besitzer ihnen kündigten. Der Mieterbund, dessen Mandanten einen gültigen Mietvertrag hatten, sprach von einem Skandal, unter anderem wegen einer Offerte: 2000 Euro für alle, die bis Ende November 2017 ausziehen, 800 Euro bis Ende Dezember. Gleichzeitig wurde bei Verstößen mit der Polizei gedroht. Kritik wiesen die Firmen zurück. Die meisten Bewohner hätten keinen Vertrag gehabt oder dagegen verstoßen.

Als die FR vor drei Monaten bereits über die Lage auf dem zentral gelegenen Parkplatz berichtete, teilte die Stadt mit, ihr lägen dazu weder Hinweise noch Beschwerden vor. Eine Anfrage vom Freitag wurde noch nicht beantwortet. Doch offenbar gibt es weiterhin keine Hilfen für die Menschen. Das erfolgreiche Sozialprojekt in der Daimlerstraße wurde Ende Juni eingestellt. Weil dort nur noch einzelne Familien lebten, so die Stadt im August. Der Kommunale Soziale Dienst kümmere sich um die Verbliebenen, zudem läuft noch das Programm „Jugend stärken im Quartier“ für Südosteuropäer.

Nach dem Auszug aus der Daimlerstraße „stand ich mit Frau und Kindern auf der Straße“, sagt Ion Mutescu. Ein Bekannter besorgte ihm eine Wohnung in Nordhessen. Dort hat er keine Arbeit und steuert daher immer wieder Hanau an. Sozialhilfe kriegt er nicht; Mutescu hat ein Gewerbe und sammelt Schrott. Die Familie sieht er kaum. „Hier habe ich Kunden, muss aber sehr lange arbeiten, damit wir leben können.“ Es sei ein harter Kampf, was immer noch besser als in Rumänien: „Da haben wir keine Chance.“

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