© Rolf Oeser, FR
Obstbauer Rainer Dönges inmitten seiner legendären Ockstädter Kirschen.
Obstklau in Friedberg
Rhein-Main

„Die Dreistigkeit kennt keine Grenzen“

Von Claudia Isabel Rittel
08:30

Wenn Rainer Dönges dieser Tage über seine Kirschanlagen in Friedberg-Ockstadt geht, dann hat er immer auch ein bisschen Angst. „Sie wissen ja nie, wo die Banden als nächstes zuschlagen“, sagt er. „Sie haben nicht nur keine Achtung mehr vor dem Eigentum anderer, sondern werden auch richtig bedrohlich“, weiß er. Ob bei ihm oder den anderen Ockstädter Kirschbauern – es wird regelmäßig geklaut. Vor einigen Tagen war er dran. „Sie haben den Zaun runtergerissen und drei Bäume leergemacht“, klagt er.

„Die Diebe werden immer dreister“, sagt der Vorsitzende des Ockstädter Obst- und Gartenbau-Vereins, Werner Kipp. Und teilweise bedrohten sie sogar die Eigentümer auf deren eigenem Land. „Es gibt Professionelle, die bei Anbruch der Dunkelheit kommen und organisiert mehrere Bäume abpflücken“, sagt Kipp. So wie eben auch bei Bauer Dönges. Rund 150 Kilogramm Beute haben sie gemacht, schätzt er. „Bei einem Marktpreis von zehn Euro pro Kilo können Sie sich den Schaden ja ausrechnen.“

1 500 Euro bei nur einem Diebstahl – die Verluste der Ockstädter Bauern gehen in die Tausende. „Das sind teilweise auch Banden, die die Früchte dann irgendwo verkaufen.“

„Wir nehmen das nicht mehr so hin“, sagt Kipp. „Es wird ja jedes Mal schlimmer.“ Deswegen arbeitet der Verein seit drei Jahren mit einem Privatdetektiv zusammen. In diesem Jahr sind erstmals sogar zwei Sicherheitsleute unterwegs.

„Wir fahren Tag und Nacht über die Felder und beobachten, was passiert“, erzählt Peter Müller, der seinen richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Er sagt: „Die Dreistigkeit kennt keine Grenzen.“ Meist kämen sie mit zwei bis vier Leuten.

Mit Feldstecher oder Nacht– sichtgerät stellt er den Dieben nach, um sie im richtigen Moment zu erwischen. Denn nur, wenn sie auf frischer Tat ertappt werden, kann er auch Anzeige erstatten – in diesem Jahr waren das rund 15. Etwa genau so viele wie auch in den vergangenen Jahren, sagt die örtliche Polizeisprecherin. Zudem arbeitet Müller mit einem Rechtsanwalt zusammen, der den Dieben den entstandenen Schaden in Rechnung stellt.

„Wenn Leute im Vorbeigehen einfach nur mal ein paar Kirschen von den Bäumen pflücken, sagen wir nichts“, so Müller. Erst ab zwei Kilo aufwärts wird er tätig. Obst wird hessenweit geklaut – je süßer das Obst, desto gefährdeter sind die Bestände der Bauern, weiß Bernd Weber. Er ist Pressesprecher des hessischen Bauernverbands und auch ratlos, wie das Problem in den Griff zu kriegen ist. „Geklaut wird vor allem Obst“, sagt Werner. Das sei auch gut irgendwo an der Straße zu verkaufen. Und die Ockstädter Kirschen seien eben besonders süß und lecker. Daher sieht er dort auch einen hessenweiten Hotspot im Obstklau. „Aber Kirschen sind kein Allgemeingut“, sagt er.

Der Friedberger Stadtteil Ockstadt ist weithin bekannt für seine leckeren Kirschen – und das schon seit langer Zeit. Nach Informationen der Tourismusregion Wetterau hängt der Anbau des süßen Obsts dort sogar mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung 1776 zusammen. Dadurch nämlich sei die Baumwolllieferung aus Großbritanien ausgeblieben und die Verarbeitung von Baumwolle in der Wetterau zusammengebrochen. Um sich neue Erwerbsquellen zu erschließen, wurden fortan Kirschen angebaut.

Hilft der Sicherheitsdienst denn? „Die Verbesserung durch die Sicherheitsleute sei nicht groß, glaubt Werner Kipp. Aber ein wenig Abschreckung sei schon da. Außerdem würden inzwischen Fotos der erwischten Diebe online gestellt. Das soll den Abschreckungseffekt noch verstärken.

In Frankfurts Stadtteil Oberrad haben die Gärtner längst resigniert. „Das ist ja inzwischen ein richtiger Selbstbedienungsladen geworden“, sagt Heidi Jung von der Gärtnerei Jung. „Da wird alles geklaut – Zucchini, Kürbisse, Paprika, Salat, Tomaten... alles was auf dem Feld steht.

Die Polizei zu rufen, bringe aber gar nichts. Entweder sie komme gar nicht erst, und wenn, dann verliefen die Anzeigen im Sand. Da sei es gefährlicher für Diebe, im Supermarkt ein Päckchen Kaugummis mitzunehmen.

„Wir sind schon froh, wenn die Leute nichts kaputt machen“, sagt Gärtnermeister Christoph Stoll. Früher, erinnert er sich, habe es einen Feldschützen gegeben, der regelmäßig durch die Felder patrouilliert sei und für eine gewisse Autorität gesorgt habe. Aber das sei schon rund 30 Jahre her.

Teils muss er sich sogar von den Dieben beschimpfen lassen, wenn er sie erwischt und darauf hinweist, dass Klauen nicht erlaubt sei. „Wenn Ihr wollt, dass nicht geklaut wird, dann macht doch einen Zaun drum“, würden die dann auch schon mal sagen. Oder selber ihren Diebstahl herunterspielen: „Ist doch nicht so schlimm.“ „Es gibt gar kein Unrechtsverständnis“, sagt Stoll.

Der wirtschaftliche Schaden halte sich beim Gemüseanbau in Grenzen. „Als ich noch Erdbeeren hatte, war der Schaden deutlich größer.“ Aber Erdbeeren baut von den rund 20 Gärtnereien in Oberrad seit Jahren schon niemand mehr an. Die Verluste waren einfach zu groß.

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