© Theater Stückwerk, FR
Auch der Drache und Siegfried spielen zentrale Rollen.
Stückwerk in Wiesbaden
Rhein-Main

Wagners „Ring“ an einem Abend

Von Mirjam Ulrich
18:34

Das Unheil nimmt mit einem Diebstahl seinen Lauf. Nachdem der zudringliche Zwerg Alberich bei den Rheintöchtern nicht landen kann, raubt er den Nixen das Rheingold. Wer sich daraus einen Ring schmiedet und der Liebe für immer entsagt, erlangt die Weltherrschaft. Das weckt prompt Begehrlichkeiten.

Es ist schon eine ziemlich wilde Geschichte von Macht, Gier, Liebe, Verrat, Mord und Inzest, die Richard Wagner im „Ring des Nibelungen“ musikalisch ausbreitet. Jede Menge Götter, Naturgeister, Riesen und Menschen kommen darin vor. Sie erfordert zudem viel Sitzfleisch, dauert das Bühnenfestspiel an drei Tagen inklusive „Rheingold“ doch fast 16 Stunden. Das Amateurtheater Stückwerk schafft es in seiner eigenen Fassung auch in drei. Die Inszenierung war am Wochenende im Restaurant Bootshaus am Biebricher Rheinufer zu sehen – nahe der Villa, in der Wagner 1862 wohnte und komponierte.

„Nach vier Tagen weiß beim Ring eh meistens keiner mehr, was eigentlich Sache war, weil man den Anfang schon wieder vergessen hat“, sagt der Regisseur und Opernsänger Erik Biegel. Der Tenor sang am Wiesbadener Staatstheater 2016 selbst die Partie des Schmieds Mime, eines der Nibelungen. Für die Inszenierung des Theaters Stückwerk hat Biegel das Personaltableau entschlackt, die Handlungsstränge sortiert, Texte, Stilmittel und Genres gemischt. In dem Schauspiel mit Musikeinlagen singen die Rheintöchter „Woge, du Welle, wallala weiala“ nach einer Melodie von Simon & Garfunkel, während Wagners Musik auch mal aus dem Radiowecker ertönt, damit Wotan erwacht.

Stummfilmszenen finden dort ebenso Platz wie der „Walkürenritt“; ein Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff fügt sich genauso ein wie eine Passage aus dem Originaltext als Ansage durchs Megaphon. Sehr originell sind auch die von Biegel entworfenen und teils selbst genähten Kostüme. So dienen etwa Grabvasen als Brustharnisch einer Walküre, und jede Oper bekommt eine eigene Kostümfarbe als Leitmotiv.

Die zehn Darsteller schlüpfen dabei alle in mehrere Rollen und spielen mit Freude an Persiflage, Komödie und Trash, beherrschen aber auch leisere Töne und zeigen Hintersinn. „Diese Vielfalt der Rollen hat uns an dem Stoff gereizt“, sagt Gerd Conrad, der Vereinsvorsitzende des Theaters Stückwerk. Die Truppe aus Mainz und Wiesbaden ging 2003 aus einem Schauspielkurs an der Mainzer Volkshochschule hervor. Sie nannten sich „K254“, nach dem Gebäude im Industriepark Kalle-Albert in Biebrich, wo sie damals probten. 2004 feierten sie ihre erste Premiere. Seither bringen sie jedes Jahr ein neues Stück auf die Bühne. Von Anfang an engagieren sie dafür Profi- Regisseure; mit Erik Biegel arbeiten sie seit 2013 zusammen. 2016 benannte sich das Ensemble um in Theater Stückwerk.

Während sie anfangs Boulevardkomödien und Kriminalstücke spielten, entwickeln sie nun eigene Stoffe. Die Auswahl hänge auch davon ab, wie viele mitspielen wollen, erläutert Conrad. Die Gruppe zählt insgesamt 17 Mitglieder zwischen 29 und 55 Jahren. Neuzugänge sind willkommen. „Es ist ein besonderes Hobby und eine gute Ablenkung vom Alltag“, findet der 52-Jährige, der im IT-Außendienst arbeitet. Es trainiere nebenbei auch fürs berufliche Leben, die Scheu vorm Publikum zu verlieren, wie Conrad an sich festgestellt hat.

Das Amateurtheater tritt an diversen Orten in Wiesbaden, Mainz, Main-Taunus und Rheingau auf. Das Bühnenbild muss daher mobil sein. Die Truppe baut es selbst nach dem Entwurf von Erik Biegel. Für den „Ring“ hat er mit einfachen Mitteln eine interessante Szenerie erschaffen, in der etwa das Gerippe eines Regenschirms zur Weltesche wird. Der Reiz in der Zusammenarbeit mit dem Amateurtheater besteht für den Profi darin, dass es immer wieder Neues ausprobiere. Mit dem Ensemble arbeitet er bereits an einem neuen Stück; es geht um berühmte Briefwechsel.

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