Thermo Fisher in Langenselbold
Rhein-Main

„Die Unanständigkeit nicht akzeptieren“

Von Detlef Sundermann
13:24

Zwei weiße Grabkreuze mit der Inschrift „Thermo“ flankieren seit einigen Tagen die Firmenzufahrt in der Robert-Bosch-Straße. „Wir befürchten, dass der Konzern jetzt den Anfang für eine langfristige Standortschließung macht“, sagt Vizebetriebsrätin Bettina Kaufeld vor der öffentlichen Betriebsversammlung am Mittwochnachmittag. „Die Stimmung in der Belegschaft ist sehr angespannt, jeder der knapp 700 Beschäftigten könnte demnächst auch von Entlassung betroffen sein“, sagt ein Mitarbeiter, der seit 38 Jahren angestellt ist.

Der Gerätehersteller Thermo Fisher Scientific im Langenselbolder Gewerbegebiet nahe der A45 will binnen eines Jahres 101 Stellen aus dem Bereichen Finanzen und Kundenbetreuung nach Budapest/Ungarn und ins schottische Paisley nahe Glasgow verlagern. Nicht aus wirtschaftlicher Not. Der US-amerikanische Konzern will seine Dividende verbessern, heißt es von Beschäftigten. „Thermo schreibt Quartal für Quartal ein super Ergebnis“, berichtet ein Angestellter. Mit Handel und Produktion seien 2017 am Standort Langenselbold rund 500 Millionen Euro umgesetzt worden, bei einem hohen Millionengewinn, bestätigt Betriebsratschef Walter Heidenfelder der FR. Mit der Verlagerung von Jobs würden sich die Lohnkosten auf 30 bis 50 Prozent reduzieren.

Betriebsrat und IG-Metall Hanau-Fulda haben nunmehr beschlossen, dem Druck der Geschäftsleitung für Verhandlungen über einen Sozialplan zu widerstehen. „Im Fokus steht jetzt der Erhalt von Arbeitsplätzen.“ Heidenfelder kündigt zudem an, dass ein Wirtschaftinstitut mit einem Gutachten beauftragt wird, in dem Ist-Zustand, künftige Wirtschaftlichkeit und Prozessstabilität geprüft werden sowie ein Gegenentwurf zum Konzernkonzept erstellt wird. Die nicht geringen Gutachterkosten müsse nach dem Betriebsverfassungsgesetz Thermo Fisher tragen, heißt es. Mit der Jobverlagerung seien für Langenselbold negative Folgen nicht auszuschließen. Es gehe Fachwissen verloren, und die Kundenzufriedenheit könne sich ins Gegenteil wenden, sagt er.

Die Arbeitnehmervertreter hoffen auch durch verstärkte Öffentlichkeit die Konzernleitung zum Umdenken zu bewegen. Die Solidaritätsbekundungen auf politischer Ebene von Stadt und Kreis sei hierbei eine wichtige moralische Unterstützung, sagt Heidenfelder. Die Stadt hat jüngst eine Resolution verfasst; die Kreis-Grünen wollen am 22. Juni ein „Bekenntnis zum Wirtschaftsstandort“ gegen den Stellenabbau bei Thermo Fisher einbringen. Die Erste Kreisbeigeordnete Susanne Simmler (SPD) sagte am Mittwoch vor den Beschäftigten, man werde die „Unanständigkeit nicht akzeptieren“.

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