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Sportressortleiter Erich Stör, Rudi Völler und Erich Reiter (v.l.), damals bei der Dresdner Bank bei der Übergabe eines symbolischen Schecks für die Schlappekicker-Aktion 1997.
Schlappekicker
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Sportler und Künstler Hand in Hand

Von Erich Stör
12:41

Die Jahre gehen dahin, und manche Ereignisse verwehen wie Spuren im Sand. Doch viele Erinnerungen bleiben. Manche nur bruchstückhaft, gleichwohl aber tief gespeichert in unserem menschlichen „Computer“. Schon der römische Philosoph Cicero hat gesagt, die Erinnerung sei „der Wächter aller Dinge“. Diese Worte sind immer wieder zutreffend, wenn es darum geht, Geschichtsereignisse oder Lebenswerke im Gedächtnis zu behalten. Und sie treffen auch zu, wenn es nicht um die ganz großen politisch-historischen Vorgänge oder Persönlichkeiten geht, sondern um die alltäglichen Dinge des Lebens in ihrer ganzen Vielschichtigkeit. 

Wenn in diesen Tagen die Verleihung des Schlappekicker-Preises im Frankfurter Römer ansteht, werden auch Erinnerungen wach an die vergangenen Jahrzehnte, in denen es nicht allein um die Würdigung sozialpolitischen Engagements im Sport und um Integration junger Menschen in die Gesellschaft ging, sondern um die Unterstützung in Not geratener Sportler – und dabei spielte nicht allein finanzielle Hilfe eine Rolle, sondern es ging um „moralische Aspekte“. 

Erich Wick, der damalige Sportchef der FR, hatte Anfang der 50er-Jahre die Schlappekicker-Aktion ins Leben gerufen, um in Not geratene Sportler, egal ob bekannt oder unbekannt, finanziell zu unterstützen. Er erkannte schnell, dass Geldzuwendungen alleine nicht ausreichen würden, um ihnen eine Freude zu machen. Noch wichtiger war, ihnen das Erlebnis der Gemeinsamkeit zu schenken. Einen Nachmittag im Kreise Gleichgesinnter zu verbringen, über vergangene Erlebnisse im Sport und die alltäglichen Dinge des Lebens zu plaudern – das war für die meisten wichtiger als die materielle Hilfe, zumal es den meisten eher unangenehm war, als „Hilfsbedürftige“ ins Rampenlicht zu rücken. 

Stammgast Fritz Walter

Ein Beispiel dafür war Oskar Breitling. Der Radsportpionier war 1892 erster deutscher Stehermeister gewesen, hatte aber bereits 1900 als 28-Jähriger seine Sportlaufbahn beendet. Als er Ende der 50er – schon damals über 80 Jahre alt – zu den ersten Schlappekicker-Schützlingen gehörte, freute er sich einerseits darüber, dass nach so vielen Jahrzehnten noch an ihn gedacht worden war, andererseits war ihm die Annahme finanzieller Hilfe eher suspekt. 

Die alljährliche Weihnachtsfeier im Dezember wurde zu einer Institution. An verschiedenen Orten wurde gefeiert, darunter im Rathaus-Casino am Römerberg, in der Turnhalle Oeder Weg, im Haus Dornbusch, im Henninger-Turm und im Titus-Forum Nordweststadt. Am intimsten war es im Restaurant des Henninger-Turms. Es war eng dort, die Plätze waren knapp, alle saßen dicht an dicht, und wenn die Kerzen flackerten und Franz Lambert an der Hammond-Orgel stimmungsvolle Weihnachtlieder spielte, mussten die Spaßmacher auf der kleinen Bühne schnell dafür sorgen, dass es nicht allzu rührselig wurde.

Unter den Fußballern gab es kaum jemanden aus Frankfurt und Umgebung, der nicht wenigstens einmal den Weg zur Schlappekicker-Feier fand. Der große Fritz Walter, der Schirmherr der Schlappekicker-Aktion geworden war, kam, wann immer er konnte, aus Kaiserslautern. Und es verstand sich von selbst, dass Alfred Pfaff, Richard Kress, Jürgen Grabowski, Bernd Hölzenbein, Bernd Nickel, Thomas Berthold, Karl-Heinz Körbel, Dieter Stinka, Dieter Lindner, Andreas Möller, Manfred Binz, Ralf Weber und viele andere aus den Eintracht-Mannschaften nicht fehlten, wenn der Schlappekicker zur Weihnachtsfeier rief. Hermann Nuber, Siggi Held und Dieter Müller aus Offenbach waren zu Gast, in den 90ern machte gar Franz Beckenbauer seine Aufwartung und plauderte gewohnt charmant.

Auch andere Bundestrainer wie Sepp Herberger, Helmut Schön, Jupp Derwall, und Erich Ribbeck (zuvor auch Eintracht-Coach) saßen an den Tischen. Dragoslav Stepanovic erklärte den Gästen in launigen Worten, dass „das Lewwe“ weitergeht. Trainer wie Paul Oßwald, Michael Skibbe, Dietrich Weise, Felix Magath, Rudi Völler, Klaus Schlappner, Udo Klug, Jörg Berger und Lothar Buchmann plauderten zu ganz unterschiedlichen Zeiten über Fußball aus dem Nähkästchen. Und sogar Uwe Seeler und Lothar Emmerich fanden den Weg zum Schlappekicker.

Das Wichtigste für die Schlappekicker-Aktion und die Weihnachtsfeiern waren indessen die Künstler und Helfer. Willy Groß, seinerzeit ein bekannter Schiedsrichter, sammelte Mark um Mark bei den Fußballvereinen und in Lokalen. Später übernahm Hans Lankes diese Rolle und füllte sie mit Leidenschaft aus. Die „Altsportlervereinigung“ und der „Club der Altfußballer“ spendeten hohe Summen, ganz zu schweigen natürlich von den unzähligen Einzelspendern, die ihr Scherflein beitrugen. 

Ganz unmöglich aber wäre der Erfolg der Weihnachtsfeiern ohne die vielen Mitwirkenden aus Show und Unterhaltung gewesen. „Mama Hesselbach“ Liesel Christ zählte als Chefin des Frankfurter Volkstheaters über ein Vierteljahrhundert zu den treuen Künstlern, ebenso ARD-Börsianer Frank Lehmann. Die „Blaue-Bock-Wirtin“ Lia Wöhr mit ihrem „Kellner“ Reno Nonsens, Startrompeter Conny Jackel, „Scherz-Telefonierer“ Bodo Bach (alias Robert Treutel) waren in Einzelauftritten präsent. Frankfurter Karnevalisten trugen als „Test“ ihre Büttenreden vor, die sie in der folgenden Kampagne dem Publikum zu präsentieren gedachten. In all den Jahren haben sich noch zwei Mitwirkende um die Weihnachtsfeiern verdient gemacht: Der Zeilsheimer Bub und Schlagersänger Benny Maro, der über viele Jahre für gute Stimmung sorgte, und der Altenstädter Karnevalist Karl Oertl, viele Jahre Sitzungspräsident bei „Hesse lacht zur Fassenacht“ des Hessischen Rundfunks. Oertl engagierte sich neben seinen Auftritten besonders im organisatorischen Bereich und sorgte mit Sponsoren für Geschenkpakete.

So viele Namen, aber immer neue kehren ins Gedächtnis zurück. Der Sänger Ivan Rebroff sang am Anfang seiner Karriere bei einer Schlappekicker-Feier. Zu Gast waren Wolfgang Mischnik sowie die Frankfurter Oberbürgermeister Walter Wallmann, Rudi Arndt und Petra Roth. 
Aus dem Sport sind noch die Eisstars Marika Kilius und Franz Ningel zu nennen, aus der Leichtathletik Sprint-Olympiasieger Armin Hary, 800-Meter-Bronzemedaillengewinner Heinz Ulzheimer (Helsinki 1952), 400-Meter-Hürdenkönig Harald Schmid und Geher Bernhard Nermerich, die Radstars Didi Thurau, Rudi Altig und Horst Holzmann, Fechterin Cornelia Hanisch, die Fußballerinnen Birgit Prinz und Steffi Jones, Tennisspielerin Eva Pfaff, die Hockey-Cracks Fritz Schmidt und Detlev Kittstein, die Handballer Martin Schwalb und Mike Fuhrig. 

Auch die Vereinsvorsitzenden ließen es sich nicht nehmen, ihre Aufwartung zu machen, wie etwa Waldemar Klein (Kickers Offenbach) Peter Fischer (Eintracht Frankfurt), Heinz Ludwig und Bernd Reisig (FSV Frankfurt) sowie Siegfried Dietrich (1. FFC Frankfurt).

Frankfurts ehemalige Sportdezernentin Sylvia Schenk war nicht nur Gast bei den Weihnachtsfeiern, sondern schnürte 1984 für eine Schlappekicker-Fußballmannschaft, in der außer FR-Redakteuren auch Willi Neuberger und Bernd Hölzenbein kickten, die Fußballstiefel, um Geld einzuspielen.

All die Jahre, so viele Namen, so viel Prominenz. Die Schlappekicker-Aktion und ihre Weihnachtsfeiern waren über die Jahrzehnte hinweg neben dem humanitären Anliegen auch ein eindrucksvolles Spiegelbild des Frankfurter Sports.

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