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Suchen nach der richtigen Strategie: Eintracht-Sportvorstand Bobic (l.) und Trainer Hütter.
Eintracht Frankfurt
Sport

Kurskorrektur auf Zeit

Von Daniel Schmitt
06:19

Wenn Adi Hütter zum Trainingsspiel bittet, dann wird es laut bei Eintracht Frankfurt. „Go, go, go“, „Jeeetzt“, „Druuuck“. Und das quasi durchgehend. Sowohl die Spieler untereinander als auch der Trainer an der Seitenlinie schreien sich die Anweisungen nur so in die Gehörgänge. Das primäre Ziel: Das von Trainer Hütter bevorzugte Pressing, das hohe Anlaufen des Gegners, in die Köpfe der Spieler zu bekommen. 

Vier Wochen lang baute fast jede noch so kleine Spielform darauf auf, Stress für das kickende Personal zu erzeugen. Viele Spieler auf wenig Raum, ständiges Druckmachen auf die Kollegen, Ballverluste provozieren, Umschaltsituationen erzeugen. Immer wieder und wieder und wieder. Bis zum vergangenen Mittwoch. Da verlor die Eintracht im ersten von zwei Testspielen des Trainingslagers in Südtirol gegen den FC Empoli. Sie machte es 20 Minuten lang ziemlich gut, ergatterte viele Bälle in der gegnerischen Hälfte, belohnte sich aber nicht für die Mühen. Mit fatalen Folgen. Je länger das Spiel dauerte, umso größer wurden die Räume zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen. Es entstand kaum noch Druck auf den Gegner, der letztlich fast mühelos zum 2:0 kam. Das Hütter’sche Dauerpressing war krachend gescheitert, der Trainer zum Umdenken gezwungen.

„Es geht ja nicht darum, nur vorne draufzugehen“, sagte er drei Tage später, nachdem die Eintracht am Samstag zwar ebenfalls ein Testspiel verloren hatte – 1:2 gegen Spal Ferrara –, dieses Mal aber wesentlich besser spielte. Die Frankfurter waren zwar wieder in einem 3-4-2-1-System aufgereiht, sie griffen aber erst knapp 20 Meter weiter hinten an. Die Räume im Mittelfeld waren enger, das Pressing nur noch in einzelnen Momenten das angewandte Mittel. „Man muss Pressing dann einsetzen, wenn es notwendig ist“, sagte Hütter. 

Die Qualität der Mannschaft reicht noch nicht aus

Nun wird sich die Spielidee des Trainers nicht wegen eines einzelnen versemmelten Testspiels grundlegend geändert haben. Das wäre auch nicht ratsam, schließlich wurde er gerade deswegen von den Verantwortlichen verpflichtet. Zudem wird das frühe Attackieren im Saisonverlauf sicher noch eine gewichtige Rolle spielen, für die nächsten Wochen aber scheint es so, als habe der Österreicher für seine Mannschaft, aber auch für seine eigene Denke, vorerst eine Kurskorrektur angeordnet. „Es ist ein Prozess, der dauern kann“, sagte er über das Pressing. Das sei auch bei seinen vorherigen Stationen in Salzburg und Bern nicht anders gewesen. Hütter hat offenbar erkannt, dass die Qualität seiner Mannschaft (noch) nicht ausreicht, um die Gegner wie ein Spitzenteam fast durchweg weit vorne anzulaufen und dadurch das erhöhte Risiko in der Defensive in Kauf nehmen zu können. 

Gerade unter den bisher acht Neuzugängen gibt es einige Fragezeichen zu viel. Torhüter Felix Wiedwald hat zwar alle Testspiele absolviert, konnte sich aber nicht für weitere Aufgaben empfehlen. Seit seinem Abschied 2015 aus Frankfurt ging die sportliche Entwicklung des 28-Jährigen bergab, für die Bundesliga reicht das Niveau kaum noch. Gerade deshalb wird dem zuletzt gereizten Knie der designierten Nummer eins, Frederik Rönnow, solch große Bedeutung beigemessen. Der neue Däne stand bisher nur in einem einzigen Trainingsspielchen zwischen den Pfosten, sein Leistungsvermögen ist seriös derzeit kaum einzuschätzen. 

Ob Hütter den 26-Jährigen am Sonntag im Supercup gegen den FC Bayern - vorausgesetzt Rönnow steigt ab Mittwoch voll ins Mannschaftstraining ein - sofort ins kalte Wasser wirft oder dem lädierten Knie lieber noch ein paar Tage gönnt, ist eine spannende Frage. Freilich, die erste Variante ist die wahrscheinlichere, so könnten die Hessen bei einem missglückten Einstand noch besser auf dem Transfermarkt reagieren. 

Der 18-jährige Innenverteidiger Evan Ndicka ist ein großes Talent, braucht aber erwartungsgemäß Zeit. Sechser Lucas Torro zeigte gute Ansätze, er könnte einer für die Startelf sein, wenngleich er sich von der Qualität her nicht deutlich von den Konkurrenten Gelson Fernandes und Jonathan de Guzman abhebt. Stürmer Goncalo Paciencia kann kicken, ihm fehlt jedoch Tempo. Er wird es schwer haben, dauerhaft an Sebastien Haller und vor allem an Luka Jovic vorbeizukommen. Rechtsaußen Nicolai Müller drehte wegen einer Muskelverletzung seit zwei Wochen Runden, topfit wird er zum Bundesligastart Ende des Monats nicht sein können. Und die beiden offensiven Mittelfeldspieler Allan Souza und Chico Geraldes - beim Portugiesen sei angemerkt, dass er erst eine Woche mit den Kollegen trainiert hat - enttäuschten bisher auf ganzer Linie. 

Adi Hütter setzt sich für Fabian ein

Entsprechend deutlich soll Hütter laut FR-Informationen intern darauf gepocht haben, Marco Fabian von der Verkaufsliste zu streichen. Öffentlich hörte sich das beim Trainer wie folgt an: „Marco ist ein toller Spieler. Er macht die Sachen, die man von ihm verlangt, sehr gut und passt gut zur Eintracht.“ Kurzum: Der Trainer will den Mexikaner behalten, er ist für eine der beiden Achter-Positionen vorgesehen. Für die zweite hat zurzeit Mijat Gacinovic die besten Karten. 

Auch in der Systemfrage ist Hütter noch nicht dort angelangt, wo er hin will. Das von ihm favorisierte 4-4-2 ließ sich mit dem vorhandenen Personal schlicht nicht einüben - bis auf Danny Blum stand Hütter kein offensiver Außenspieler zur Verfügung. Ein bis zwei werden je nach Ausgang der Ante-Rebic-Causa noch kommen. Der Kroate soll heute nach Frankfurt zurückkehren, ein paar medizinische Tests nach seinem WM-Urlaub absolvieren und vor allem mit den Klubbossen Gespräche über seine Zukunft führen. Klar, Trainer Hütter hätte rein sportlich gesehen nichts gegen einen Verbleib des Ausnahmespielers: „Über seine Qualität brauchen wir nicht diskutieren. Er ist einer, der mit seiner Schnelligkeit und Aggressivität in meine Systematik reinpassen würde.“

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