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Nur Fußball im Kopf: Eintracht Frankfurt hat klare Vorstellungen von der Zukunft.
Eintracht Frankfurt und Europa
Sport

Die große Sehnsucht

Von Ingo Durstewitz, Frank Hellmann
10:38

Am letzten Spieltag der im Mai abgelaufenen Saison hat Eintracht Frankfurt, der eine oder andere wird sich dunkel erinnern, die Teilnahme am europäischen Wettbewerb durch ein dröges 0:1 auf Schalke verspielt. Da konnten nur die größten Optimisten ahnen, dass die Hessen die Europa-League-Qualifikation durch den glorreichen Pokalsieg in Berlin doch noch perfekt machen sollten. Was damals in Gelsenkirchen niemand interessierte, war, dass Werder Bremen in Mainz mit 2:1 gewann. Ein durch und durch nebensächliches Ergebnis, für beide ging es um die goldene Ananas. 

Doch zumindest die beiden Eintracht-Vorstände Axel Hellmann und Oliver Frankenbach haben das Resultat registriert, nicht besonders erfreut. Es passte zu diesem schwarzen Tag im Ruhrpott. Denn auf den letzten Drücker hatte sich Werder Bremen durch den Auswärtssieg und die gleichzeitige Niederlage der Eintracht noch an den Frankfurtern vorbei gemogelt – in der Fernsehgeldtabelle. Bremen auf acht, Eintracht auf neun. Das macht für die einen fast drei Millionen Euro mehr, für die anderen fast drei Millionen weniger.

Ein Jahr der Rekorde für Eintracht Frankfurt 

Das mag im großen Millionenspiel vordergründig betrachtet erst einmal wie Peanuts klingen, doch das TV-Geld hat den Vorteil, dass es fast eins zu eins in den Spielerkader gesteckt werden kann, im konkreten Fall ist das also in etwa gleichzusetzen mit einem Gehalt über zwei Jahre für einen guten Bundesligaspieler. Haben oder nicht haben. 

Die Eintracht kann insgesamt dennoch nicht klagen, sie hat in der vergangenen Spielzeit vier Plätze auf diesem Sektor gut gemacht, und überhaupt war es ja ein Jahr der Rekorde, auch für die nun laufende Runde sind die Zahlen beeindruckend: fast 30 Millionen Euro Eigenkapital, ein Gesamtumsatz von mehr als 150 Millionen Euro, ein Personaletat von mehr als 50 Millionen Euro, ein Investitionsspielraum von rund 30 Millionen Euro. Die Eintracht ist kerngesund und potent wie nie.

Und gerade der Pokalsieg, auch wenn er schon länger zurückliegt und durch das blamable Ausscheiden in Ulm auch definitiv im kommenden Jahr nicht zu wiederholen  sein wird, gibt dem Verein einen Schub. Marketingvorstand Hellmann glaubt, dass dieser Triumph den Verein in einem anderen Licht erstrahlen lässt. „Der Pokalsieg ist für uns ein ganz großer Wurf, weil er in eine Zeit fällt, in der der nationale Fußball immer mehr von einigen wenigen Klubs, also zuvorderst Bayern München und Borussia Dortmund, dominiert wird. Sich mit einem Titel durchzusetzen, heißt, diese Klubs hinter sich gelassen zu haben.“ Das sei nicht hoch genug zu bewerten und werde anerkannt. „Mit diesem Rückenwind lässt sich ein wirtschaftlich starkes Umfeld besser bearbeiten“, sagt der 47-Jährige. „Wir spüren diesen Rückenwind, auch in unserer Sponsorenlandschaft in der Region und national. Da ist die Nachfrage nach Beteiligungen oder Teilhaben deutlich gestiegen. Es war auch ein international beachtetes Ereignis, die Reputation im Ausland ist deutlich gestiegen.“ 

Wirtschaftlich zahle sich der erste Titel nach 30 Jahren und die damit verbundene Europa-League-Teilnahme ebenso aus: „Es erlaubt uns, ein gewisses Preisniveau, das wir in den vergangenen Jahren auf stabilem Niveau hatten, nach oben zu schrauben.“

Und natürlich seien die internationalen Auftritte in Frankfurt etwas ganz Besonderes, da lege sich ein spezielles Flair über den Klub. „Das ist magnetisch“, findet der Vorstand. Die Stadt und die Region seien eben international angehaucht, „und man sieht sich dann als Metropolregion auf Augenhöhe mit Paris und London. Dahinter steckt natürlich viel Traum und Wunschvorstellung, aber das projiziert sich auf den Klub. Wir verkörpern die Sehnsucht der Region nach Anbindung an die Welt.“ 

Kontingente ausverkauft - ohne den Gegner zu kennen

Und deshalb rennen die Menschen dem Klub die Bude ein, die Blind-Date-Tickets waren für alle drei Heimspiele binnen zwei Wochen so gut wie ausverkauft, obwohl die Gegner noch gar nicht feststanden. „Das hat es in der Geschichte der Uefa noch nie gegeben, das haben mir die Uefa-Beobachter bestätigt“, sagt Hellmann und folgert stolz: „Wenn die Eintracht international spielt, muss nur das Licht angehen und die Leute kommen.“ 

Deshalb nehme man den Wettbewerb sehr, sehr ernst. „Auch für die gesamte Bundesliga.“ Die hat sich in der vergangenen Saison auf europäischer Bühne bis auf die Knochen blamiert. 
Finanziell wird sich das Abenteuer Europa ebenfalls lohnen. „Der Wettbewerb ist für uns extrem werthaltig und lukrativ. Als gut aufgestellter Mittelklasseklub hast du die Möglichkeiten, den Etat nach oben anzupassen.“ Mit mindestens 15 Millionen Euro zusätzlich kann die Eintracht, defensiv gerechnet, kalkulieren. „Das sind zwei, drei Spieler, die wir dazuholen können. Das ist für Eintracht Frankfurt ein relativ großer Schritt.“ 

Im Vergleich zur Champions League fällt die Euro League dennoch ab, die Königsklasse absorbiert den Glanz und die Aufmerksamkeit – und somit auch die monetäre Zuwendung. „Die Uefa würde sich einen Gefallen tun, wenn sie die Europa League ökonomisch weiter aufwertet“, betont Hellmann. Die Eintracht würde davon profitieren, ein Einzug in die Europa League sollte immer wieder mal drin sein, die Champions League scheint indes noch in weiter Ferne. 

Fast genauso weit weg wie ein Verein wie Schalke 04. Mittelfristig sei ein Konkurrent dieses Kalibers kaum einzuholen. „Schalke hat sich auf ein Umsatzniveau von 200, 250 Millionen Euro aus dem laufenden Geschäft heraus gebracht. Wir stehen bei einer Größenordnung von 150 Millionen“, rechnet Hellmann vor und konkretisiert: „Diese 100 Millionen Euro Unterschied im Umsatz bedeuten 30, 40 Millionen Euro Unterschied, die in den Kader gesteckt werden können.

Mindestens. Wenn wir also mit einem Budget von 50 Millionen Euro an den Start gehen, hat Schalke 90 Millionen zur Verfügung – ohne Champions League.“ Das könne man nicht mit einem internationalen Jahr kompensieren. „Das bedeutet, dass man über fünf, sechs, sieben, acht Jahre eine permanente Teilnahme am europäischen Geschäft vorweisen muss, um die Umsatzerlösstruktur so weit nach oben anzupassen, dass man da wettbewerbsfähig ist.“ 

Für einen Verein wie die Eintracht, der sich über die Liga nur einmal (2014) innerhalb von mehr als zwei Dekaden für den internationalen Wettbewerb qualifizieren konnte, scheint dieses Szenario nicht in greifbarer Nähe. 

Daran ist auch die finanzielle Spreizung innerhalb der Liga schuld. „Diese Tendenz wird sich weiter verstärken, wenn es bei der Verteilung der Erlöse, die es in diesen Sonderwettbewerben – perspektivisch auch einer Klub-WM – gibt, nicht zu einem solidarischen Ausgleich kommen sollte.“ Alleine könne ein Klub wie die Eintracht da nichts ausrichten. „Sechs, sieben, acht, neun anderen Vereinen geht es ähnlich, wir spielen jedes Jahr unsere eigene Meisterschaft hinter den Topklubs aus. Wir müssen uns untereinander stärker organisieren, um Umverteilungen der Erlösströme voranzutreiben.“ Da ist aber eher der Wunsch Vater des Gedanken. 

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