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Der Schlag des Anstoßes: Jetro Willems (rechts) greift Theodor Gebre Selassie tätlich an.
Jetro Willems
Sport

Willems brennen die Sicherungen durch

Von Ingo Durstewitz, Thomas Kilchenstein
09:30

In der Nachlese dieses unerhört turbulenten Bundesligaspiels hätte man den Frankfurter Fußballprofi Jetro Willems gerne gefragt, was ihm denn in dieser ominösen 32. Minute so alles durch den Kopf ging. Okay, das wird nicht viel gewesen sein, wie es bei Kurzschlussreaktionen nun mal so ist, trotzdem hätte eine Antwort ganz spannend sein können. Doch mittlerweile ist es in der Branche Usus, Spieler, um sie, wie es vordergründig heißt, zu schützen, ganz gewiss nicht vor die Mikrofone oder Kameras zu schicken, wenn sie in eine etwas heikle Szene verwickelt waren. Jetro Willems war in eine heikle Szene verwickelt. Ganz zweifellos. 

Der Niederländer im Frankfurter Dress ließ sich, aus heiterem Himmel sozusagen, zu einer Aktion hinreißen, die die Grenze zur Dämlichkeit hart streift. Nach einem leichten Rempler des Bremers Theodor Gebre Selassie brannten beim 24-Jährigen die Sicherungen durch, direkt vor der Bremer Ersatzbank und also auch vor den Augen des Vierten Offiziellen ließ sich Willems zu einer Unbeherrschtheit hinreißen, mit der rechten Hand schlug er seinem Widerpart von hinten ins Gesicht. Eine klare Tätlichkeit, ein klarer Platzverweis. „Eine reguläre Rote Karte“, wie Trainer Adi Hütter feststellte. Fortan spielte die Eintracht in Unterzahl, mehr als eine Stunde. Willems hat die Partie und deren Spielfilm maßgeblich beeinflusst, er hat, streng genommen, das Spiel entschieden und verloren. 

Nur Sportdirektor Bruno Hübner versuchte anfangs, den Sündenbock noch ein wenig in Schutz zu nehmen. „Das kann dir halt immer mal passieren, aber wenn das Spiel unterbrochen ist und alle Augen auf so eine Szene gerichtet sind, dann ist das total ärgerlich. Auch wenn er vorher den Ellenbogen gespürt hat, muss er sich besser beherrschen. Aber so schlimm war es nicht, das hat auch der Gegenspieler gesagt. Ich glaube, er wollte ihn gar nicht schlagen, er ist ein bisschen bei der Schulter abgerutscht und dann Richtung Gesicht.“ Das zumindest ist eine steile These. 

Taleb Tawatha ist eine solide Alternative

Alles in allem, das räumte aber der Manager ein, habe Willems der Mannschaft „mit dieser Aktion geschadet – das hat er auch in der Halbzeitpause schon gespürt“. Coach Hütter verurteilte den völlig sinnfreien Schlag. „Er darf sich nicht hinziehen lassen, er ist ja keine 18 oder 19 mehr, da hat er sich nicht professionell genug verhalten.“ Sehr wahrscheinlich wird der Linksverteidiger vom Verein mit einer Geldstrafe belegt. „Das klären wir intern“, sagte Hütter schmallippig. Klar ist, dass der Holländer vom Sportgericht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sanktioniert wird, eine Sperre für drei Spiele steht im Raum. Das ist das normale Strafmaß bei einer Tätlichkeit. 

Immerhin verfügt die Eintracht noch über einen nominellen und gelernten Linksverteidiger, Taleb Tawatha, auf der rechten Seite wäre das etwas anders. Da steht nur noch Danny da Costa zur Verfügung. 

Tawatha hat sich zumindest zu einer soliden Alternative entwickelt. Im Sommer galt der 26-Jährige als Verkaufskandidat, doch er habe sich bewusst dafür entschieden, in Frankfurt zu bleiben. Wäre Niko Kovac weiterhin der Entscheider auf der Bank, wäre das wohl anders gewesen. „Neuer Trainer, neue Chance“, sagte der Israeli nach der Begegnung am Samstag. 
Er sei glücklich, jetzt spielen zu dürfen, „ich fühle mich besser“, bekundete der Nationalverteidiger, der hofft, auch in Zukunft weiter in Frankfurt spielen zu können. „Das wünsche ich mir.“ Mit Vordermann Filip Kostic bildete er ein ordentlich harmonierendes Gespann, was auch an Kostic lag, der im zweiten Durchgang mächtig aufdrehte und zeigte, dass er durchaus Dampf in den Füßen hat. 

„Er ist stark und schnell, er wird uns helfen, er wird uns einige Punkte holen“, glaubt Tawatha, der den Serben auch deshalb lobte, weil dieser oft nach hinten gearbeitet hat. „Er hat mir viel geholfen, es ist gut, mit ihm zu spielen.“ 

Mbabu-Deal platzt spät

Links funktionierte die Zange zumindest in Abschnitt zwei ganz gut, rechts hingegen klemmt es. Danny da Costa, der von hinten anschiebt, ist schnell und dynamisch und fleißig ohne Ende, aber seine Zuspiele sind viel zu unpräzise. Rechtsaußen Nicolai Müller, direkt vor ihm, fand gar nicht statt und wurde folgerichtig „geopfert“, als Willems im doppelten Sinne rot sah. Eine Alternative gibt es weder für da Costa noch für Müller. Auf den offensiven Außen hat die Eintracht nach dem Ausfall von Ante Rebic und der irgendwie nur schwer zu greifenden und in letzter Konsequenz nicht wirklich nachvollziehbaren Leihe von Danny Blum keine Option mehr. Da könnte sich Trainer Hütter zumindest mit einer Systemumstellung behelfen. 

Aber hinten rechts? Nach dem langfristigen Ausfall von Timothy Chandler steht kein gelernter Außenverteidiger mehr im Kader, zur Not könnte vielleicht Carlos Salcedo einspringen, der aber jetzt dummerweise selbst verletzt ist. Früher, in Wolfsburg und unter Armin Veh in Frankfurt, hat auch Makoto Hasebe dort ausgeholfen – mit überschaubarem Erfolg. 

Es ist nicht so, das sich die Eintracht nicht um Ersatz bemüht hätte. Doch der angedachte Wechsel von Kevin Mbabu aus Bern scheiterte auf den letzten Drücker. Die Young Boys sollen 9,5 Millionen Euro verlangt haben, eine fürwahr astronomische Summe. Der Fußballlehrer aber jammert nicht. „Als Trainer hat man häufiger mal Wünsche“, sagte Hütter, „aber wir wissen, was möglich ist.“ Und was eben nicht.   

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