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„Der beste Kapitän, den man sich vorstellen kann“: Hanno Behrens führt den „Club“ an.
1. FC Nürnberg
Sport

Mutige Optimisten beim Club

Von Daniel Brickwedde
09:49

Nach vier Jahren im Unterhaus ist der 1. FC Nürnberg zurück in der Bundesliga. Die Franken hoffen auf den Klassenverbleib, noch arbeitet Trainer Michael Köllner allerdings vorwiegend mit dem Zweitligakader aus dem Vorjahr. Bedeutende Verstärkungen vermeldete der „Club“ bislang nicht. Trotzdem geben sich die Beteiligten zuversichtlich. 

Wie ist die Stimmung? 
Die Vorfreude auf die neue Saison ist, wenig überraschend für einen Aufsteiger, groß. Sowohl für Trainer Köllner als auch für den Großteil der jungen Mannschaft ist es der bisherige Höhepunkt der Karriere – an Motivation sollte es da nicht mangeln. Doch wer es mit dem „Club“ hält, dessen Sorgenfalten lassen sich bei aller Begeisterung nicht überdecken. Nürnberg bekommt von vielen Seiten das Label „Abstiegskandidat Nummer eins“ verliehen, es fehlt bislang an adäquaten Verstärkungen, der Kader weist kaum Bundesligaerfahrung auf. Die Verantwortlichen leben trotzdem einen stoischen Optimismus vor, ein klares Ziel möchte man jedoch nicht ausgeben. „Wir definieren uns nicht über einen Tabellenplatz“, sagt Köllner. Heißt auch: Ein direkter Wiederabstieg gehört mit ins Kalkül. 

KaderZugänge

Ekin Celebi (eigene Jugend), Robert Bauer (SV Werder Bremen, Leihe), Timothy Tillman (FC Bayern München II, Leihe), Christian Mathenia (Hamburger SV), Kevin Goden (1. FC Köln U19), Törles Knöll (Hamburger SV II), Patric Klandt (SC Freiburg)

KaderAbgänge

Thorsten Kirschbaum (Bayer 04 Leverkusen), Kevin Möhwald (SV Werder Bremen), Ulisses Garcia (SV Werder Bremen, Leihe beendet), Lucas Hufnagel (SC Freiburg, Leihe beendet), Marvin Stefaniak (VfL Wolfsburg, Leihe beendet), Tobias Werner (VfB Stuttgart, Leihe beendet

Wie stark ist der Kader? 
Kevin Möhwald ging nach Bremen, eine absolute Stütze aus dem Aufstiegsjahr, auch Leihspieler Tobias Werner, ein weiterer Leistungsträger, ist wieder weg. Hinsichtlich Neuverpflichtungen ist Nürnberg nur mit kleinem Geldkoffer auf dem Transfermarkt unterwegs. Vier Millionen Euro sollen sich darin befinden, das erfordert von Manager Andreas Bornemann Geduld und Verhandlungsgeschick. Bislang kamen zwei bundesligaerfahrene Akteure, Torwart Christian Mathenia und Robert Bauer. Die weiteren Neuzugänge Timothy Tillman, Kevin Goden und Törles Knöll gelten zwar als talentiert, aber eher nicht als Soforthilfe. Entsprechend mutet der Kader vom Papier her gar schwächer als im Vorjahr an. In Nürnberg versetzt das jedoch niemanden in Panik. Die Verantwortlichen vertrauen auf die eingeschworene und eingespielte junge Truppe aus der Aufstiegssaison. „Glaube“ und „Überzeugung“ sind dieser Tage zwei häufige Schlagworte bei den Franken. Das kann funktionieren, sich aber auch als Trugschluss herausstellen. Bis zum Transferschluss am 31. August sondiert Bornemann weiter eifrig den Markt – und wartet im wahren Wortsinn auf günstige Gelegenheiten. 

Worauf steht der Trainer? 
Auf markige oder bemerkenswert reflektierte Aussagen. Zuletzt erklärte Köllner in einem Interview, dass das Amt eines Bundesligatrainers für ihn nicht alles sei. Teamgeist und Gruppendynamik nehmen bei ihm einen hohen Stellenwert ein. Mit seinen Spielern redet er über Politik oder gibt Lektüreempfehlungen, „Bildung hat noch niemandem geschadet“, meint er. Die Mannschaft folgt ihm, auf dem Trainingsplatz beschreibt er sich jedoch als „keinen angenehmen Trainer“. Der gelernte Zahnarzthelfer hat erkannt, dass sich ein Aufsteiger in der Bundesliga insbesondere über die Fitness behauptet. „Wir brauchen mehr Tempo und müssen auch in der Lage sein, in der Schlussphase noch mal zuzulegen und einen Gegner kaputtzulaufen“, fordert er. Ein gutes Umschaltspiel, schnelle, flache und direkte Spielzüge, das möchte Köllner sehen. In der zweiten Liga bot seine Mannschaft spielerisch mit das Beste, was das Unterhaus zu bieten hatte. Ähnlich mutig möchte er auch in der Bundesliga auftreten. „Das hat uns ausgezeichnet, es wäre unklug, nicht weiter an dieser Stärke und Herangehensweise festzuhalten“, sagt Köllner. 

Wo hapert’s noch? 
Beim Kader. Das zeigt sich exemplarisch am Fall des Brasilianers Ewerton. Der Abwehrchef zog sich im Trainingslager einen Syndesmosebandanriss zu und fällt mindestens sechs Wochen aus, wodurch Köllner nur noch zwei erprobte und gelernte Innenverteidiger zur Verfügung stehen, Lukas Mühl und Georg Margreitter. Es fehlt dem Kader derzeit schlicht an Tiefe für eine strapaziöse und lange Bundesligasaison. Gesucht werden vor allem passende Soforthilfen. Ein offensiver Mittelfeld- und Außenbahnspieler stehen ganz oben auf der Wunschliste, ein Stürmer sowie ein Sechser wären ebenfalls gern gesehen. 

Wer sticht heraus? 
Wie sich ein Aufstieg in die Bundesliga anfühlt, das hat Hanno Behrens bereits 2015 mit Darmstadt 98 erlebt. Doch der Gang in die Beletage blieb ihm verwehrt, eine Vertragsverlängerung scheiterte, er unterschrieb in Nürnberg – und blieb zunächst zweitklassig. Geschadet hat ihm der Umweg Richtung Bundesliga jedoch nicht: Der 28-Jährige entwickelte sich in Nürnberg zum Anführer, zum Gesicht der Aufstiegsmannschaft. „Hanno ist ein echter Leader und der beste Kapitän, den man haben kann“, sagt sein Trainer. Im Aufstiegsjahr legte Behrens die beste Saison seiner Karriere hin, avancierte mit 14 Toren als Mittelfeldspieler sogar zum treffsichersten Nürnberger. Lohn: Die Fans wählten ihn zum „Clubberer der Saison“. 

Wie geht’s dem Schatzmeister? 
Inzwischen besser, dank des Aufstiegs hatte auch wirtschaftlich eine wichtige Bedeutung für den Verein, besonders die hohen TV-Einnahmen sind ein Segen. In den Vorjahren war die Zweitligalizenz noch stets an Bedingungen geknüpft. Mit einem Etat von rund 70 Millionen Euro sind die Franken trotzdem am Tabellenende der Liga angesiedelt. Ein großes und umstrittenes Thema ist die angestrebte Ausgliederung der Profiabteilung in eine Kapitalgesellschaft, derzeit sucht der Verein regionale Partner. Das Thema soll aber erst 2019 umgesetzt werden.

Was ist drin? 
Der Aufsteiger geht mit einigen Unwägbarkeiten in die Saison. Viele Argumente für einen Klassenerhalt liefert Nürnberg auf den ersten Blick nicht. Die Verantwortlichen bauen vor allem aufs Kollektiv. Am Ende mag das jedoch etwas dünn sein. Noch besteht allerdings die Möglichkeit zum Nachrüsten. Und als verkannter Underdog ist schon so manches verschworene Team über sich hinausgewachsen. Der spielerische Ansatz wirkt für die Bundesliga zudem nicht ganz verkehrt. Trotzdem bleibt der Klassenerhalt ein schwieriges Unterfangen. 

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