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Testspiel im Sommer-Trainingslager gegen Stade Rennes.
BVB
Sport

Neustart in aller Ruhe

Von Manuel Schubert
07:16

Irgendwann hatte die Gelbe Wand genug. Und so wurde am 21. April über die komplette Breite der berühmten Dortmunder Südtribüne ein gigantisches Banner ausgerollt, auf dem Worte der Abrechnung geschrieben standen: „Kein Wille, keine Leidenschaft, kein Mut – Keine Mannschaft! Niemand verkörpert Borussia Dortmund so wenig wie ihr!“ Eine 0:2-Derbypleite gegen Schalke hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Die Reaktion der Fans zeigte, wie sehr sich Mannschaft und Anhang von einander entfremdet hatten – und wie wenig sie ihn noch begeistern konnte. Nach einer recht unbefriedigenden Saison soll nun beim BVB vieles besser werden. Mit neuem Trainer, neuem Personal und neuer Einstellung.

Wie ist die Stimmung?
Eher angespannt. Nach der sportlich erfolgreichen, aber alles andere als harmonischen Episode Thomas Tuchel, dem kläglich gescheiterten Experiment mit Peter Bosz und der ebenfalls kurzen Liaison mit Peter Stöger muss es mal wieder mit einem Übungsleiter passen. Der Druck für den neuen Coach Lucien Favre ist also hoch. Und auch für Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Sportdirektor Michael Zorc, die nach manch unglücklicher Personalentscheidung in jüngerer Vergangenheit wieder einen Treffer landen sollten. Bezeichnend ein ellenlanger Brief, den die „Sportbild“ in die Finger bekam, in dem Watzke fast schon flehentlich um Zusammenhalt warb und appellierte: „Der Fußball als tägliche Arbeit muss wieder in den Mittelpunkt rücken.“ Inzwischen sind alle Beteiligten um ein anderes Auftreten bemüht. So hatte der ehemalige BVB-Profi Sebastian Kehl bei seinem ersten offiziellen Auftritt im Amt als Leiter der Lizenzspielerabteilung Anfang Juli einen „Neustart“ ausgerufen und die Identifikation der Spieler mit dem Verein als „elementaren Baustein“ bezeichnet.

Wie stark ist der Kader?

Der Umbruch fiel nicht ganz so radikal aus wie erwartet, trotzdem ist kräftig ausgemistet worden. Mit Schürrle, Castro, Yarmolenko, Sokratis oder Durm wurden einige Spieler abgegeben, die nicht mehr die gewünschte Leistung brachten. Nuri Sahin und Sebastian Rode sollen ebenfalls veräußert werden, auch bei Julian Weigl, Jeremy Toljan oder Rafael Guerreiro wäre der BVB wohl gesprächsbereit, sollte ein Angebot ins Haus flattern. Hinzu kamen bislang vor allem bundesligaerprobte Kräfte wie der dänische Nationalspieler Thomas Delaney (kam aus Bremen), der erfahrene Marvin Hitz (Augsburg), Senkrechtstarter Marius Wolf (Frankfurt) oder der talentierte Franzose Abdou Diallo (Mainz). Es fehlen noch ein, zwei Charakterköpfe, die das Team anführen können. Einer wie der umgarnte Axel Witsel (Tianjin Quanjian). Dieser Tage ist ein BVB-Justitiar nach China geflogen, um Irritationen (Ausstiegsklausel Ja oder Nein, in China bereits geschlossenes Transferfenster) aus der Welt zu schaffen.

Borussia DortmundZugänge

Zugänge: Achraf Hakimi (Real Madrid, Leihe), Abdou Diallo (1. FSV Mainz 05), Eric Oelschlägel (SV Werder Bremen), Thomas Delaney (SV Werder Bremen), Marius Wolf (Eintracht Frankfurt), Marwin Hitz (FC Augsburg), Dominik Wanner (eigene Jugend), Dzenis Burnic (VfB Stuttgart, Leihe beendet), Jacob Bruun Larsen (VfB Stuttgart, Leihe beendet)
 

Borussia DortmundAbgänge

Andre Schürrle (FC Fulham, Leihe),Erik Durm (Huddersfield Town), Andrey Yarmolenko (West Ham United), Niklas Beste (Werder Bremen), Felix Passlack (Norwich City, Leihe), Sokratis (FC Arsenal), Gonzalo Castro (VfB Stuttgart), Janni Serra (Holstein Kiel), Dominik Reimann (Holstein Kiel), Michy Batshuayi (FC Chelsea, Leihe beendet), Mikel Merino (Newcastle United, nach Leihe fest verpflichtet), Roman Weidenfeller (Karriereende)

Worauf steht der Trainer?
Favre gilt als etwas eigen und schwierig im täglichen Umgang. Aber auch als ausgewiesener Fußballfachmann. Der 60-Jährige ist ein absoluter Verfechter des gepflegten Flachpassspiels. Plötzlich das Tempo verschärfen, zügig nach vorne kombinieren, auch mal ins Risiko gehen. In Gladbach perfektionierte er diesen überfallartigen Spielstil und stürmte damit bis nach Europa. Ausgerechnet den besten Mann von damals trifft er nun in Dortmund wieder: Marco Reus ist sein Name. Prompt ist Reus vom Schweizer zum Kapitän ernannt worden, Favre, lobhudelte Reus sodann, sei „der beste Trainer, mit dem ich in meiner Karriere zusammengearbeitet habe – fachlich und menschlich.“ 

Wo hapert’s noch?
Im Sturmzentrum herrscht aktuell gähnende Leere. Der zuletzt vom FC Chelsea ausgeliehene Michy Batshuayi ist den Westfalen zu teuer, ein Knipser seines Kalibers muss aber unbedingt her – denn aktuell wird im BVB-Angriff einzig der 18-Jährige Alexander Isak geführt, der seine Bundesligatauglichkeit noch nicht bewiesen hat. In der Vorbereitung experimentierte Favre an vorderster Front mit Flügelmann Maximilian Philipp. Bei der Niederlage gegen Benfica Lissabon im Rahmen des International Champions Cup traf der Blondschopf doppelt, wie eine Dauerlösung wirkt er aber nicht. 

Wer sticht heraus?
Christian Pulisic. Der 19-jährige Flügelspieler ist in der Vorbereitung ohne Frage der auffälligste Akteur. In den ersten drei Tests war er an sämtlichen Treffern direkt beteiligt: Beim 1:0 gegen Austria Wien bereitete er das Siegtor durch Isak vor, beim Sieg gegen Manchester City holte er den Elfmeter heraus, den Mario Götze verwandelte, beim 3:1 gegen den FC Liverpool steuerte er zwei Treffer und eine Vorlage bei. Mit seinem Tempo und seiner Finesse könnte der US-amerikanische Senkrechtstarter perfekt ins System Favre passen. Nach einer mäßigen Rückrunde (nur ein Tor) muss der Teenager aus Pennsylvania nun den nächsten Schritt gehen. Favre gilt in jedem Fall als Trainer, der junge Leute besser machen kann.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Finanzchef Thomas Treß kann beruhigt schlafen. Obwohl die Borussia in diesem Sommer schon rund 50 Millionen Euro in die Hand genommen hat, ist das Konto prallgefüllt. Die Verkäufe von Pierre-Emerick Aubameyang (für 63,75 Millionen Euro zum FC Arsenal) und Ousmane Dembele (für 115 Millionen Euro zum FC Barcelona) machen’s möglich. Aus der Saison 2017/18 blieb ein saftiges Transferplus von rund 140 Millionen Euro. Da sollte genug Kleingeld übrig sein, um Witsel aus China loszueisen (als Ablöse sollen 20 Millionen anfallen) und noch einen treffsicheren Stürmer zu holen.

Was ist drin?
Ein Champions League-Platz sollte möglich sein. Ob mit der runderneuerten Mannschaft mehr geht, muss sich zeigen. Favre ist zuzutrauen, dass er den BVB wieder in die Spur bringt. Jürgen Klopp sagte über seinen Nachfolger vierten Grades: „Favre strahlt Ruhe aus und das ist wahrscheinlich ganz genau das, was Borussia gerade braucht.“ Nicht unbedingt für Harmonie steht Matthias Sammer, den der BVB als „externen Berater“ zurückgeholt hat. Allerdings war der frühere BVB-Trainer und -Spieler als Dauermahner auch schon ein wichtiger Baustein bei den Erfolgen der Nationalmannschaft und von Bayern München. Vielleicht braucht Dortmund einen wie Sammer. Einen, der auch mal auf die Pauke haut. 

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