© imago, FR
Michael Gregoritsch (r.) und Rani Khedira (l.) beim Trainingslager in Tirol.
FC Augsburg
Sport

Keine Lust mehr auf Underdog

Von Daniel Brickwedde
10:06

Der FC Augsburg geht in sein achtes Bundesligajahr in Serie und darf mittlerweile als etabliert in der gegenwärtigen Beletage des deutschen Fußballs gelten. Nur der Klassenerhalt ist den Verantwortlichen daher zu wenig. Augsburg möchte in der neuen Saison überraschen.

Wie ist die Stimmung?
Natürlich spricht bei den Fuggestädtern niemand vom Europapokal, kleiner als nötig möchten sich die Beteiligten aber nicht mehr machen. Platz zwölf im Vorjahr galt zwar als ordentlich, intern überwog jedoch der Eindruck, es wäre mehr möglich gewesen – zum Abschluss der Hinrunde rangierte die Mannschaft noch auf Position neun. Verteidiger Jeffrey Gouweleeuw brachte das Gefühl auf den Punkt: „Nur mit dem Klassenerhalt möchte ich mich nicht zufriedengeben. Wir haben gezeigt, dass wir kein Underdog sind.“ Trainer Manuel Baum formuliert das neue Anspruchsdenken als Saisonziel: „Natürlich hat der Klassenerhalt oberste Priorität, aber wir wollen auch für eine Überraschung sorgen.“

Wie stark ist der Kader?
Die Mannschaft ist eingespielt und mit den Vorstellungen des Trainers bestens vertraut. Zudem hielt Augsburg mit Ausnahme von Stammkeeper Marvin Hitz alle Leistungsträger, inklusive des Innenverteidiger-Duos Martin Hinteregger und Gouweleeuw sowie der international umworbenen Philipp Max und Alfred Finnbogason – Stand jetzt, wohlgemerkt. Entsprechend geht es beim FCA um Weiter- und nicht um Neuentwicklung. Die Zugänge sind sinnvoll, aber nicht ohne Risiko. Mit André Hahn (Hamburger SV) und Julian Schieber (Hertha BSC) kamen zwei erfahrende Bundesliga-Profis, jedoch ging Hahn beim HSV zuletzt seine Klasse abhanden, Schieber gilt als verletzungsanfällig . Beide hoffen in Augsburg auf einen neuen Karrierepusch. Frisches Blut bringen indes der 20-jährige Rechtsverteidiger Felix Götze (Bayern München), Bruder von Mario Götze, sowie die Offensivkraft Fredrik Jensen (Twente Enschede) in die Mannschaft. Sie müssen sich erst noch akklimatisieren mit der Bundesliga, insbesondere Jensen zeigte in der Vorbereitung aber vielversprechende Ansätze.

Worauf steht der Trainer?
Manuel Baum zählt zweifellos zu der von Mehmet Scholl so „gefürchteten“ Gruppe der „Laptop-Trainer“. Zu seiner Anfangszeit benötigte Ex-Spieler Halil Altintop gar ein neues Handy, der Speicher seines alten war den diversen Videoanalysen nicht mehr gewachsen. 2016 übernahm der frühere Realschullehrer von Dirk Schuster die Mannschaft und impfte ihr zügig seine Idee vom Fußball ein: Pressen und Kontern. In der Umsetzung gilt er als detailgenau und innovativ, bei einer früheren Trainerstation in Unterhaching stellte er das Gehirn- und Bewegungstraining Life Kinetik auf den Trainingsplan. Seine kommunikative und umgängliche Art kommt an bei den Spielern. Fachlich ist er für Sportgeschäftsführer Stefan Reuter ohnehin „der richtige Trainer, um die Philosophie des FC Augsburg umzusetzen und weiterzuentwickeln“.

Wo hapert’s noch?
Noch ungeklärt ist die Frage der Nummer eins bei den bayrischen Schwaben. Marvin Hitz stellt sich künftig dem Konkurrenzkampf bei Borussia Dortmund, um seine Nachfolge duellieren sich seine bisherigen Vertreter Andreas Luthe und Fabian Giefer – eine Entscheidung ist noch nicht gefallen. Auf eine externe Verstärkung verzichtete der Verein. Das muss nichts Schlechtes heißen, allerdings setzten sich beide Keeper bislang nicht in der Bundesliga durch. Außerdem muss Baum in der Vorbereitung auf etliche Profis verzichten: Die Neuzugänge Schieber und Götze fallen momentan ebenso wie Hinteregger und Jan Movarek verletzt aus, Hahn fehlt aus privaten Gründen

Wer sticht heraus?
Sein Wechsel zur Vorsaison vom Hamburger SV zu den Fuggestädtern blieb nicht ohne Nebengeräusche. Er sei verwundert gewesen, dass der HSV ihn ziehen ließ, bekundete Michael Gregoritsch öffentlich. Seine selbstbewusste Haltung passte jedoch nicht zu den Eindrücken: Beim HSV überzeugte der Österreicher nicht vollends. Doch in Augsburg blühte Gregoritsch auf. Mit 13 Treffern steuerte er fast ein Drittel der 43 FCA-Tore in der Vorsaison bei. „Ich merke, die Mannschaft steht auf mich und hilft mir“, sagte der 24-Jährige einmal. Gregoritsch ist dabei mehr als ein Torjäger: Als hängende Spitze agiert er zusätzlich als wichtiger Wand-, Ziel- und Kombinationsspieler in der Spielidee seines Trainers.

FC AugsburgZugänge

Jozo Stanic (eigene Reserve), Frederik Jensen (Twente Enschede), Felix Götze (FC Bayern München), Andre Hahn (Hamburger SV), Julian Schieber (Hertha BSC), Simon Asta (eigene Jugend), Romario Roesch (eigene Jugend), Jan-Ingwer Callsen-Bracker (1. FC Kaiserslautern, Leihe beendet), Dong-Won Ji (SV Darmstadt 98, Leihe beendet), Tim Rieder (Slask Wroclaw, Leihe beendet), Konstantinos Stafylidis (Stoke City, Leihe beendet), Takashi Usami (Fortuna Düsseldorf, Leihe beendet).

FC AugsburgAbgänge

Abgänge: Julian Günther-Schmidt (FC Carl Zeiss Jena, Leihe), Moritz Leitner (Norwich City, war ausgeliehen), Marwin Hitz (Borussia Dortmund), Ioannis Gelios (FC Hansa Rostock), Gojko Kacar (unbekannt), Daniel Opare (unbekannt), Marcel Heller (SV Darmstadt 98).

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Mit einem Gesamtetat von 90 Millionen Euro gehört Augsburg zum unteren Bereich der Bundesliga. Großtaten sind da auf dem Transfermarkt nicht möglich – und auch nicht gewollt. Augsburg bestreitet seit jeher einen Weg des gesunden Wirtschaftens. Entsprechend findig müssen die Verantwortlichen bei Neuverpflichtungen vorgehen: Götze und Schieber kamen ablösefrei, für Hahn und Jensen zahlte der Verein jeweils drei Millionen Euro Ablöse. Nur die beiden Aufsteiger Düsseldorf und Nürnberg investierten bislang weniger Geld in neues Personal. Daneben hat der Verein mittlerweile auch eigene Werte im Kader geschaffen. Spieler wie Max, Hinteregger, Gregoritsch und Finnbogason sind international begehrt und dürften irgendwann für einen hohen Preis über den Ladentisch gehen.

Was ist drin?
Anders als im Vorjahr ist Augsburg nicht mehr als Abstiegskandidat einzuordnen. Mit der Qualität im Kader sollte der Klassenerhalt relativ problemlos gelingen. Eine von Trainer Baum angesprochene „Überraschung“ dürfte im Bereich eines einstelligen Tabellenplatzes liegen. Dafür müssen allerdings die Leistungsträger wie im Vorjahr aufdrehen – und der Kader insgesamt über sich hinauswachsen. Ausgeschlossen ist das nicht.

  Zur Startseite
Schlagworte