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Ziemlich flott im Leben und auf dem Platz unterwegs: Leon Bailey.
Leon Bailey
Sport

Der Spektakel-Spieler

Von Daniel Theweleit
06:37

Als der Matchwinner dann endlich als Letzter auf Socken vom Feld in die Katakomben der Leverkusener Arena schlurfte, fing Rudi Völler Offensivmann Leon Bailey vor der Kabine ab. Der Sportchef von Bayer Leverkusen nahm den 20 Jahre „jungen“ Kerl aus Jamaika freudestrahlend in die Arme und gratulierte ihm zu einer von einem Klassetor gekrönten erneut fantastischen Leistung beim 2:0 (0:0) gegen den FSV Mainz. „Irre, was der Junge Woche für Woche zeigt“, sagte Völler kopfschüttelnd über den technisch versierten und extrem schnellen Offensivspieler. 

Ein kurzer Rückblick: Die meisten Beobachter waren ziemlich überrascht, als Bayer-Chefcoach Heiko Herrlich im August seine Leverkusener Startelf für das Saisoneröffnungsspiel beim FC Bayern bekannt gab. Statt dem beim Confed-Cup gereiften deutschen Nationalspieler Julian Brandt, dem eine leuchtende Zukunft auf den Gipfeln der Fußballwelt prophezeit wird, nominierte Herrlich einen von Zweifeln umwehten Dribbler namens Leon Bailey. Einige Münchner Zuschauer waren geradezu enttäuscht, schließlich soll der Rekordmeister dringend an einer Verpflichtung Brandts interessiert sein. Gerne hätten sie diesen Spieler mal mit eigenen Augen gesehen. Seither ist ein knappes halbes Jahr  vergangen, und inzwischen ist Bailey der Mann, den Experten, Fachmagazine und Tageszeitungen ziemlich einhellig als besten Bundesligafußballer der Hinrunde priesen. In der Rückrunde macht der Jamaikaner einfach da weiter, wo er vor Weihnachten aufgehört hatte. Bailey, schwärmt Herrlich von seinem neuen Superstar, habe „brutale Qualitäten“. 

Natürlich ist „Superstar“ ein Begriff, mit dem man vorsichtig sein muss, allerdings huldigen in diesem Fall nicht nur die Boulevardzeitungen dem flinken Burschen als schillerndste Figur dieses Bundesligawinters. Auch sein Berater Craig Butler trägt fleißig zu dieser Inszenierung bei. Der Mann, der Bailey entdeckte und später adoptierte, streut fröhlich Gerüchte vom Interesse englischer Klubs, auch der FC Bayern soll den Leverkusener als Nachfolger für Franck Ribéry ins Auge gefasst haben. 

Der junge Fußballer ist derzeit der große Entertainer des Werksklubs. Denn neben seinen sehenswerten Leistungen, seinen bisher acht Toren und sechs Vorlagen, hat er auch eine Lebensgeschichte zu bieten, die sich drastisch von den glatt geschliffenen Karrieren der Zöglinge aus den deutschen Fußballinternaten unterscheidet.

Bailey wuchs in schwierigen Verhältnissen in Jamaikas Hauptstadt Kingston auf, wo er früh von seinem heutigen Berater entdeckt wurde. Dieser Craig Butler war in Jamaika wegen seiner dubiosen Transferaktivitäten schon einmal zu einer sechsjährigen Sperre verurteilt worden, aber er betreibt die Phoenix All Stars Football Academy, wo Bailey sich wunderbar entwickelte. Gemeinsam mit Butlers Sohn Kyle wurde Leon mit 14 nach Europa geschickt, wo er über Österreich schließlich beim KRC Genk landete und turbulente Jahre erlebte. 

Als es Probleme mit den Fifa-Regularien gab, weil Bailey mit 16 noch zu jung für den Dreijahresvertrag war, den er unterschrieben hatte, war Craig Butler plötzlich unauffindbar. „Es war eine schlimme Situation“, hat der damalige Sportdirektor Gunter Jacob einmal erzählt. Als Butler dann doch wieder auf der Bildfläche erschien, behauptete er, in Mexiko entführt, ausgeraubt und dann in der Wüste ausgesetzt worden zu sein, wo er nur mit Glück überlebt hätte. 

Auf dem Platz ist Bailey ein Spektakel

Im vorigen Winter kam Bailey für zwölf Millionen Euro nach Leverkusen, fiel aber zunächst nicht auf dem Platz auf, sondern weil er sich auf der Plattform Snapchat über den belgischen Boxer Atif Tanriseven Ribera lustig gemacht hatte. Der Kampfsportler drohte dem Fußballer bei einer Begegnung in Genk Prügel an und veröffentlichte ein Video seiner Aktion bei Facebook. Und in Leverkusen fragten sich viele Fans: Was für einen Spinner haben die da eingekauft? Inzwischen freuen sich alle, diesen „Straßenköter“ in ihrem Team zu haben, dem ja fast schon traditionell vorgeworfen wird, zu brav zu sein. 

Der gewiefte Adoptivvater hat bisher verhindert, dass sein Ziehsohn für Jamaikas Nationalmannschaft antritt, um die Option zu wahren, in eine europäische Auswahlmannschaft aufgenommen zu werden. Sollte der Leverkusener also noch eine Weile in der Bundesliga spielen und – etwa nach einer Hochzeit mit einer Deutschen – eingebürgert werden, könnte er theoretisch sogar in die DFB-Elf berufen werden. Auf dem Platz ist Bailey ein Spektakel als unkonventioneller Individualist, wie ihn jedes Team der Welt gebrauchen kann. Noch spektakulärer ist nur, dass er trotz seiner bewegten Biografie bisher eine solch perfekte Balance zwischen seriöser Arbeit und Leichtigkeit im Alltag findet. 

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