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Einer der hoffnungsvollen Neuen: Nordi Mukiele in der Europa-League-Quali gegen BK Häcken.
RB Leipzig
Sport

Forsch, aber anfällig

Von Frank Hellmann
06:58

Bäume wachsen nicht in den Himmel. Und auch für Rote Bullen, denen ein Brausekonzern viel Rückendeckung gibt, existiert im deutschen Fußball ein Limit. Nach einem schmerzhaften Selbsterfahrungsprozess will sich RB Leipzig auf das besinnen, was den Emporkömmling stark gemacht hat. Dafür hat Ralf Rangnick für eine Saison noch einmal persönlich das Sagen auf der Trainerbank übernommen. Nächste Spielzeit wird der 60-Jährige dann von Julian Nagelsmann abgelöst.

Wie stark ist der Kader?
Nominell leitet Rangnick einen der vier, fünf besten Kader an, die die Bundesliga zu bieten hat. Gespickt mit internationaler Klasse, sonst hätte der Vizemeister 2017 nicht in der Europa League immerhin noch bis zum Viertelfinale mitgespielt. Timo Werner, Marcel Sabitzer, Dayot Upamecano, erst recht Jean-Kevin Augustin und Bruma sind noch nicht fertig entwickelt. Das Aufgebot ist noch internationaler, aber nicht viel älter geworden. Mal wieder wurden Toptalente an den Cottaweg gelockt: die Verteidiger Nordi Mukiele (22 Jahre/ SC Montpellier) und Marcelo Saracchi (20/ River Plate) sowie der Angreifer Matheu Cunha (19/ FC Sion) kosteten zusammen 42 Millionen Euro Ablöse. Dafür kamen auf der Gegenseite allein für Naby Keita (FC Liverpool) nur als Sockelbetrag 68 Millionen hinein. Der Dampfmacher hatte nach einer ersten überragenden Saison zuletzt deutlich nachgelassen.

Zur SacheZugänge

Matheus Cunha (FC Sion), Marcelo Saracchi (CA River Plate), Nordi Mukiele (HSC Montpellier), Felix Beiersdorf (Chemie Leipzig, Leihe beendet), Massimo Bruno (RSC Anderlecht, Leihe beendet), Omar Damari (Maccabi Haifa, Leihe beendet), Marius Müller (1. FC Kaiserslautern, Leihe beendet), Atinc Nukan (Besiktas, Leihe beendet)

Zur SacheAbgänge

Elias Abouchabaka (SpVgg Greuther Fürth, Leihe), Philipp Köhn (Red Bull Salzburg), Zsolt Kalmar (Dubajska Streda, war zuvor schon dorthin ausgeliehen), Bernardo (Brighton and Hove Albion), Anthony Jung (Bröndby IF, nach Leihe  verpflichtet), Dominik Kaiser (Bröndby IF), Agyemang Diawusie (FC Ingolstadt, zuvor an SV Wehen Wiesbaden verliehen), Vitaly Janelt (VfL Bochum, zuvor bereits verliehen), Benno Schmitz (1. FC Köln), Ademola Lookman (FC Everton, Leihe beendet), Naby Keita (FC Liverpool)

Worauf steht der Trainer?
Rangnick bevorzugt das, was er schon vor Jahren bei einem Kongress wie der Spobis in Düsseldorf den Vermarktern des Sportgeschäfts präsentierte: blitzschnellen Umschaltfußball. Ballgewinne in der eigenen Hälfte und den raschen Abschluss suchen. Doch die Umsetzung wird nicht einfach. Viele Erstligisten pflegen diesen Stil. Und in drei Wettbewerben auf Knopfdruck die „RB-DNA“ (Rangnick) zu aktivieren, dürfte nicht so einfach werden. 

Wo hapert’s noch?
Durch die mühselige Europa-League-Qualifikation ist längst der Pflichtspielbetrieb im Gang, der parallel zur Vorbereitung durchgezogen werden muss. Bereits am Donnerstag steht die dritte Runde mit dem Heimspiel gegen Universitatea Craiova an, eine Woche später reist der RB-Tross zum Rückspiel nach Rumänien. Zwischen das DFB-Pokalspiel bei Viktoria Köln (19. August) und den Bundesliga-Auftakt bei Borussia Dortmund (26. August) sind die Playoff-Partien angesetzt. Gegner dann Sorja Luhansk oder Sporting Braga aus Portugal. Weil etliche Akteure angeschlagen sind, konnte Rangnick seinen Unmut zuletzt nicht mehr zügeln. Man müsse differenzieren, zwischen den Spielern, „die ihre Hausaufgaben gemacht haben, und denen, die ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben – und zwar gar nicht gemacht haben“. Die Ausfälle liegen dem Lehrmeister auch deshalb schwer im Magen, da „es mit dem Kader, so wie wir ihn im Moment beieinander haben, keinen Sinn macht, auf drei Hochzeiten zu tanzen.“

Wer sticht heraus?
Vor jedem Heimspiel hat Tim Thoelke seinen großen Auftritt. Der 45-Jährige ist Moderator und Entertainer. Eine Leipziger Szene-Größe, die als Einheizer und Stadionsprecher auftritt. So gut der Vorlauf mitunter ist, so ruhig bleibt es auf den Rängen, wenn die RB-Profis ihre Unterhaltung auf dem Rasen nicht durchbringen. Dann ist meist wieder Thoelke gefragt, der spätestens in der Halbzeitpause zur Anfeuerung auffordert. Das Multitalent ist ein Hingucker. Allein wegen seines Outfits.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Der Schatzmeister sitzt nur zum Teil in der Geschäftsstelle in der Leipziger City, sondern eher in der Red-Bull-Zentrale in Österreich. Die Gesamtstrategie und damit teilweise auch das Budget gibt der Getränkekonzern vor, der den Klub schließlich mit Übernahme des Spielrechts vom SSV Markranstädt erst 2009 aus der Taufe hob. Über das Investment gibt es nur Spekulationen. An einer gewissen Auskunftspflicht aber kommen auch die Leipziger nicht vorbei. Der Jahresabschlussbericht des Geschäftsjahres 2016 vermittelte einen Eindruck: Exakt 83,163 Millionen Euro betrugen die Schulden gegenüber Red Bull am 31. Dezember 2016 durch aufgenommene Darlehen. Mittlerweile dürfte die Abhängigkeit schwinden, denn die Champions-League-Teilnahme machte das Konstrukt wirtschaftlicher. Deshalb wäre auch für die Bilanz prima, könnte sich RB Leipzig weiter an den internationalen Fleischtöpfen laben.

Was ist drin?
Im Kampf um die Champions-League-Plätze sollte RB Leipzig mitmischen, zumal Rangnick in Disziplinfragen nicht mehr so viel durchgehen lässt wie sein Vorgänger Ralph Hasenhüttl. Ob es dann wirklich für einen Rang in der Königsklasse reicht, hängt nicht nur von der Konkurrenz ab, sondern auch davon, wie eine mögliche Doppel- und Dreifachbelastung etwa bis ins Frühjahr verkraftet wird. Deshalb werden die Leipziger auf dem Transfermarkt noch tätig. Vielleicht erst am allerletzten Tag, wenn die Teilnahme an der Europa League eingetütet ist.

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