© imago, FR
Einer der Wolfsburger Neuen bei der Sprintübung: Daniel Ginczek (rechts).
VFL Wolfsburg
Sport

Umdenken auf allen Ebenen

Von Frank Hellmann
06:21

Dass der VfL Wolfsburg zweimal nur über die Relegation den Klassenerhalt schaffte, nachdem das Team die vorgegebenen Werte „Arbeit, Fußball, Leidenschaft“ kräftig mit Füßen trat, soll und darf sich nicht wiederholen. Dafür hat der Werksklub die sportliche Führungsebene neu besetzt.
 
Wie ist die Stimmung?
Um einen lockeren Spruch ist der gebürtige Rheinländer Jörg Schmadtke nie verlegen. Der neue starke Mann beim VfL Wolfsburg mag beispielsweise nicht bestätigen, dass er bei der Spielersuche ein Diamantenauge habe. „Es ist zweimal gelasert“, scherzt der 54-Jährige also. Er weiß auch, dass es an dem von der Abgaskrise massiv erschütterten (Fußball)-Standort immer auch „andere Argumente“ braucht, um Spieler zu überzeugen. Oft genug war das allein der monetäre Aspekt, was Schmadtke ändern möchte. Mehr Identifikation ist gewünscht. Bessere Ergebnisse würden in erster Linie helfen.

Wie stark ist der Kader?
„Es gibt ehrlicherweise in der Liga vielleicht drei, vier Klubs, die so komfortabel arbeiten können wie wir“, gibt Schmadtke zu. Dazu gehört ein gewisser Spielraum bei Transfers. Elf Millionen Euro für den Mittelstürmer Wout Weghorst (26) aus Alkmaar, zehn Millionen für Angreifer Daniel Ginczek (27) aus Stuttgart, dazu drei Millionen festgeschriebene Ablöse für Allrounder Felix Klaus (25) aus Hannover: Damit soll die Offensive belebt werden. Mit Daniel Didavi ging ein technisch beschlagener, aber auch verletzungsanfälliger Spielmacher, dafür soll Yunus Malli noch mehr Verantwortung tragen. Viel Potenzial bringt Flügelflitzer Josip Brekalo mit, der mit Tempo und Finesse jederzeit den Unterschied machen kann.

KaderZugänge

Zugänge: Jerome Roussillon (Montpellier HSC), Daniel Ginczek (VfB Stuttgart), Wout Weghorst (AZ Alkmaar), Pavao Pervan (LASK Linz), Felix Klaus (Hannover 96), Marcel Tisserand (FC Ingolstadt 04, nach Leihe fest verpflichtet), Ismail Azzaoui (Willem II Tilburg, Leihe beendet), Amara Conde (Holstein Kiel, Leihe beendet), Kaylen Hinds (SpVgg Greuther Fürth, Leihe beendet), Paul-Georges Ntep (AS Saint-Etienne, Leihe beendet), Paul Seguin (Dynamo Dresden, Leihe beendet), Marvin Stefaniak (1. FC Nürnberg, Leihe beendet).

KaderAbgänge

Abgänge: Nany Landry Dimata (RSC Anderlecht, Leihe), Daniel Didavi (VfB Stuttgart), Divock Origi (FC Liverpool, Leihe beendet).

Worauf steht der Trainer?
Zeitweise hat auch Bruno Labbadia gewackelt, den die Fans anfangs mit Hohngesängen empfingen. „Wir steigen ab, wir kommen nie wieder, wir haben Bruno Labbadia“ schallte es zeitweise durch die werkseigene Arena. Dabei hatte der gebürtige Darmstädter doch nur elf Ligaspiele und zwei Relegationsspiele, um die von Ex-Sportdirektor Olaf Rebbe grandios fehlkomponierte und in Einzelinteressen zerfallene Besetzung zum Klassenerhalt zu führen. Der 52-Jährige ging als Malocher vom Mittellandkanal voran, der sein Privatleben völlig außen vor ließ, selten einmal länger als fünf Stunden schlief. Seine Devise lautet nun: „Wichtig ist, dass in Verein und Mannschaft grundsätzlich ein Umdenken stattfindet.“ Seine Grundordnung wird ein
4-3-3 sein, in dem sich seiner Meinung nach die Mannschaft am wohlsten fühlt. Taktische und personelle Experimente blieben auf der Zielgeraden aus. Der Erfolg gab ihm recht.

Wo hapert’s noch?
Die Defensive ist – Ausnahme Torwart Koen Casteels – eher hausbacken besetzt. Ärgernis ist oft schon der Spielaufbau aus der Abwehr: Die Innenverteidiger John Anthony Brooks und Robin Knoche sind in dieser Hinsicht verbesserungsfähig. Vielleicht wäre Felix Uduokhai hier langfristig eine Lösung. Rechtsverteidiger William ist zu unstet, Paul Verhaegh zu alt. Als neuer Linksverteidiger wurde gerade der Franzose Jerome Roussillon verpflichtet, da Yannick Gerhardt hier nur eine Notlösung darstellte. Dem Ex-Frankfurter Gian-Luca Itter wird der Sprung in die Stammbesetzung auf dieser Position noch nicht zugetraut.
 
Wer sticht heraus?
Die neue Führungstroika mit Geschäftsführer Schmadtke, Sportdirektor Marcel Schäfer und Aufsichtsratschef Frank Witter. Vor allem die enge Einbindung von Ex-Profi Schäfer, der zuletzt in den USA weitere Erfahrung sammelte, soll die Identifikation stärken, steht der 34-Jährige doch voller Überzeugung für den VfL und die Region ein. Aber: Das Trio arbeitet erst seit wenigen Wochen zusammen. Mit Cheftrainer Bruno Labbadia sollen sie für eine neue Kontinuität der Niedersachsen stehen. Doch bis Schmadtke, Labbadia, Schäfer und Witter als Quartett zum Gesicht des VfL Wolfsburg werden, wie die vier Schornsteine das Wahrzeichen der Autostadt sind, rollen noch Abertausende Autos vom Band.

Wie geht’s dem Schatzmeister?
Generell wird die Verzahnung zwischen VfL und VW nicht heller ausgeleuchtet, denn seit geraumer Zeit ist die Fußball GmbH als VW-Tochter von der Offenlegungspflicht befreit. Es ist davon auszugehen, dass sich der Autobauer das Engagement in der Bundesliga immer noch 60, vielleicht sogar 70 Millionen Euro kosten lässt. Doch in der Autostadt ist mit der Abgaskrise vieles ins Wanken geraten. Im Werk, in der Stadt, im Verein. Dass ein unmittelbarer, weil zeitlicher Zusammenhang mit der Fußballkrise viel zu lange bei allen negiert wurde, hat zur Malaise beigetragen. Immerhin hat Witter herausgestellt: „Es passt kein Blatt Papier zwischen den VfL und Volkswagen. Wir stehen zu dieser langfristigen Partnerschaft.“ Der ehemalige Zweitligaspieler von OSV Hannover besetzt bei VW den nicht unwichtigen Posten als Finanzvorstand. Der 59-Jährige ist einer, der nach einem Grillabend bei den Nachbarn am nächsten Morgen das mitgebrachte Leergut persönlich abholt. Nicht die schlechteste Eigenschaft für den Oberkontrolleur. Lieber Pfennigfuchser als Geldverschwender.

Was ist drin?
Schmadtke sagt: „Wenn der weltgrößte Autobauer dein Mutterkonzern ist, kannst du nicht jedes Jahr in der Relegation landen oder Platz 14 verteidigen. Du musst dich irgendwann auch in die obere Tabellenhälfte bewegen.“ Der aktuelle Kader ist quantitativ und qualitativ gut genug, um einen Mittelfeldplatz zu belegen. Allerdings ist Schmadtke lange genug im Geschäft, um keine Luftschlösser zu bauen. Dass der Pokalsieger und Vizemeister von 2015 gleich wieder an diese erfolgreiche Phase anknüpft, ist auf absehbare Zeit nicht mehr zu erwarten. Mit einer sorgenfreie Saison wären die meisten schon zufrieden.

  Zur Startseite
Schlagworte