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Es geht auch ohne schauspielerische Einlagen: Neymar (rechts) im Duell mit US-Kicker Yedlin.
Brasilien - USA und Neymar
Sport

„Haben Sie die WM gesehen?“

Von Thomas Kilchenstein
19:33

Letzte Woche ist es ziemlich gut gelaufen für DeAndre Yedlin, persönlich zumindest. Der Mann, 25 Jahre alt, verteidigt rechts hinten beim Premier League-Aufsteiger Newcastle United, und beim jüngsten Punktspiel hat er gegen Manchester City, dem turmhohen Favoriten, ein Tor erzielt, das zwischenzeitliche 1:1. Trotzdem unterlag Newcastle knapp 1:2, Platz 18, Abstiegsgefahr.

Yedlin ist, das liegt auch an seiner Position rechts hinten, kein großer Torjäger, in seiner gesamten Karriere, die den US-Amerikaner, geboren in Seattle, mittlerweile auf die Insel verschlagen hat, wo er beim FC Saunders spielte, leihweise auch schon für Tottenham und Sunderland, hat er ganze fünf Tore erzielt. Seine Stärken liegen ganz klar im Verteidigen, auch deshalb gehört er seit Jahren schon zum festen Stamm der US-amerikanischen Nationalmannschaft. Jürgen Klinsmann, man erinnert sich, hat ihn einst, 2014 war das, berufen.

Roberto Firmino und Neymar - wer sonst?

Am Samstag in East Rutherford/New Jersey im nicht einmal zur Hälfte gefüllten 80 000-Mann Stadion gehörte er zu den wenigen erfahrenen Spielern einer im Umbruch befindlichen und weitgehend mit jungen Talenten bestückten US-Elf, die gegen Brasilien in aller Freundschaft kickte und ordnungs- und standesgemäß 0:2 verloren hatte. Roberto Firmino (11.) und Neymar, wer sonst, per Elfmeter (42.), hatten schon in der ersten Halbzeit getroffen. Aus der Bundesliga wirkten bei den US-Boys lediglich John Anthony Brooks (Wolfsburg), Weston McKennie (Schalke), Bobby Wood (Hannover) und Julian Green von Zweitligist Greuther Fürth mit.

Flügelmann Christian Pulisic von Borussia Dortmund war wegen einer Verletzung nicht dabei.

Bemerkenswert war allerdings eine Szene, ganz zu Beginn des Spiels, und auch die hatte mit DeAndre Yedlin zu tun. Und natürlich Neymar da Silva Santos Júnior. No-Name-Kicker Yedlin hatte es im Mittelfeld gewagt, den brasilianischen Superstar zu foulen, es war ein Foul, wie es in jedem Spiel zig-mal vorkommt. Für Neymar allemal aber ein Grund, den sterbenden Schwan zu mimen und sich theaterreif fallen zu lassen und mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen zu bleiben. Yedlin konnte da nur lachen, und als der mexikanische Schiedsrichter Fernando Guerrero auf ihn zukam, womöglich um ihn zu ermahnen, fragte er ihn schlagfertig: „Did you watch the World Cup?“, haben Sie die WM gesehen? Dreimal sagte er das, mit einem Lausbubengrinsen im Gesicht.

Die Frage war ja durchaus berechtigt: Neymar hatte bei der WM in Russland die ganze Welt, auch die brasilianische zu Hause, fast zur Weißglut getrieben mit seinen ständigen oscarreifen Einlagen, mit ewigem Wälzen auf dem Boden. Statistiker hatten ermittelt, dass der 26-Jährige während der fünf Spiele bis zum Viertelfinale insgesamt 14 Minuten auf dem Rasen gelegen hatte. In den sozialen Medien haben die theatralischen Einlagen des Mannes aus Mogi das Cruzes bereits Kultstatus erlangt. 

Täglich hatten Nutzer Videos unter dem Namen „Neymar-Challenge“ hochgeladen, in denen sich Menschen ohne ersichtlichen Grund, nur auf das Stichwort „Neymar“ hin, auf den Boden werfen und tun, als ob sie furchtbaren Schmerzen ausgesetzt wären. Während der WM widmete ihm gar das angesehene brasilianische Nachrichtenmagazin „Epoca“ eine Titelstory: „Neymar - ein Mann spaltet die Nation.“ In New Jersey freilich verzichtete er, außer bei dieser Szene mit Yedlin, allerdings auf derartige Schauspiel-Einlagen. Nach 80 Minuten wurde er ausgewechselt.

Dabei hat der 220-Millionen-Euro-Mann von Paris Saint-Germain derlei Schabernak doch überhaupt nicht nötig: Neymar ist ein überragender Fußballer, mittlerweile von Nationaltrainer Tite auch zum Kapitän der Selecão befördert. Tite attestierte dem Angreifer mittlerweile „Besinnung und Einsicht“. Neymar besitze „alle Voraussetzungen, um diesen Schritt nach vorne zu machen“, erklärte der 57-Jährige.

Die Partie am Samstag war für Neymar auch insofern etwas besonders, da er fast auf den Tag genau vor acht Jahren just in diesem Stadion in New Jersey sein Debüt in der Selecão gab. Es war der 10. August 2010 und erst ein paar Wochen waren nach dem WM-Aus im Viertelfinale in Südafrika gegen die Niederlande vergangen, Mano Menezes gab dem damals 18-Jährigen erstmals das kanariengelbe Trikot, Neymar spielte da noch auf Rechtsaußen. Auch diese Partie gewannen die Brasilianer seinerzeit gegen die USA mit 2:0 - und für den Superstar sollten bis heute 91 weitere Länderspiele folgen, in denen er 59 Tore erzielte. Auch dies zeigt das sportliche Ausnahmetalent des Ballkünstlers, der mit 26 Jahren schon beinahe 100 Länderspiele auf dem Buckel hat. 

In New Jersey setzte Trainer Tite mit der Aufstellung zu Spielbeginn auf das Team, das bei der WM gegen Belgien im Viertelfinale ausgeschieden war. Am Dienstag geht es für den fünfmaligen Weltmeister in Washington gegen El Salvador weiter. In Oktober sind weitere Freundschaftsspiele gegen Argentinien und Saudi-Arabien vorgesehen.

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