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Leitete den Torreigen gegen Kroatien ein: Saul Niguez.
Spanien
Sport

Jünger, hungriger, direkter

Von Timur Tinç
15:19

Keine einzige Minute hat Saul Niguez bei der Weltmeisterschaft in Russland gespielt. Für den Mittelfeldspieler von Atletico Madrid war das nach einer bärenstarken Saison schon ein kleiner Schock. Tatenlos musste der 23-Jährige mit ansehen, wie seine Teamkameraden um die ballsicheren David Silva, Koke und Sergio Busquets im WM-Achtelfinale gegen Russland Pass um Pass aneinanderreihten, aber vergeblich jemanden suchten, der auch mal einen Lauf aus der Tiefe in die Spitze machte oder mit einem Dribbling das dichtgestaffelte Abwehrbollwerk des WM-Gastgebers knackte. Sportdirektor Fernando Hierro, der nur wenige Tage vor der WM das Team vom geschassten Jolen Lopetegui übernommen hatte, sah keine Verwendung für Niguez. Das Ende ist bekannt, nach dem Elfmeterschießen musste die einst gefürchtete furia roja - die Rote Furie - schon wieder nach Hause fliegen.

Saul Niguez kam am Dienstagabend nach Hause. Nach Elche, seiner Geburtsstadt, der Stadt in der Vater Jose Antonio viele Jahre lang als Stürmer in der ersten und zweiten Liga für Elche Club de Futbol spielte. Sein Sohn Saul hatte sich mit der spanischen Nationalmannschaft für das erste Heim-Länderspiel nach der WM-Blamage in der Provinz Alicante im Stadion Martinez Valero angekündigt. Gegen Vize-Weltmeister Kroatien.

Den ersten Schritt zur Rehabilitation hatten die Spanier schon am Samstag in London gemacht, 2:1 gegen WM-Halbfinalist England zum Auftakt der Nations League gewonnen, Saul Niguez war der Ausgleichstreffer gelungen. Was drei Tage später in Elche folgte, war nicht nur eine „Botschaft an den Kontinent“, wie es die Sportzeitung „Marca“ formulierte, sondern auch ein eindeutiges, wenn auch unausgesprochenes Statement von Niguez, sich zum Symbol einer jungen, hungrigen, direkter spielenden Mannschaft aufzuschwingen.

Nach einem klasse Diagonalball von Sergio Ramos auf die rechte Außenbahn zu Dani Carvajal, spritzte Niguez in die mit dem Außenrist geschlagene Flanke, schraubte seine 1,84 Meter hoch und wuchtete den Ball zum 1:0 (24.) ins Netz. In dem Stadion, wo er als Kind träumte zu spielen, und dann auch noch im roten Trikot der Nationalelf in der er bis zum Spiel gegen England in 20 Spielen auf kumuliert nur 355 Minuten kam. Emotionaler geht es kaum. Am Ende stand es 6:0 für die Männer in Rot, die im wahrsten Sinne des Wortes wie eine Furie über den Vize-Weltmeister hinweggefegt waren. Der bärenstarke Marco Asensio (33.), Lovre Kalinic per Eigentor (35.), Rodrigo (50.), Sergio Ramos (57.) und Isco (70.) erzielten die weiteren Treffer.

Deprimierte Kroaten nach der historischen Niederlage

„Das war die schlimmste Nacht meiner Karriere“, sagte ein deprimierter Trainer Zlatko Dadic nach der höchsten Niederlage in der Geschichte des kroatischen Fußballs. Kapitän Luka Modric ergänzte: „Das ist inakzeptabel, dass wir uns so verkaufen.“ Auch wenn wichtige Säulen aus dem erfolgreichen WM-Team wie Mario Mandzukic, Ante Rebic, Dejan Lovren, Danijel Subasic und Ivan Strinic fehlten.

Ganz anders war die Gefühlslage bei den Spaniern. Selbst Luis Enrique, der seit seiner Amtsübernahme mehr Disziplin einfordert und schon als Trainer des FC Barcelona eher mürrisch, denn freudig nach Siegen wirkte, war hellauf begeistert vom Auftritt seines Teams: „Es war ein spektakulärer Tag, den wir so nie erwartet hätten“, sagte er.

Drei Weltmeister sind übrig

Die kleinen Stellschrauben, an denen Enrique nach dem WM-Aus gedreht hat, greifen sofort. Nach den Rücktritten von Andres Iniesta, David Silva und Gerard Pique, strich er noch Koke und Jordi Alba aus dem Kader, sodass nur noch drei Weltmeister von 2010 übriggeblieben sind. Die wichtigste Personalie neben der Beförderung von Jose Gaya vom FC Valencia auf die Linksverteidigerposition und Dani Ceballos von Real Madrid ins zentrale Mittelfeld, war die Nominierung von Saul Niguez neben das Metronom Sergio Busquets. „Er ist ein Arbeiter, er hat den Touch, er ist gut in der Luft, Passen, Schnelligkeit, Rhythmus. Er hat alles“, sagt Diego Simeone, Trainer von Atletico Madrid. Auch Enrique lobt: „Er ist einzigartig, komplett.“ Niguez und Ceballos große Stärke ist, dass sie nicht nur mit Wucht nach vorne, sondern auch genauso nach hinten arbeiten.

Statt die Gegner mit permanentem Ballbesitz mürbe zu machen, an dem auch der deutsche Bundestrainer Joachim Löw gescheitert ist, lässt Enrique schneller, aggressiver und direkter spielen. Isco, Marco Asensio, Niguez, Gaya, der eingewechselte Rodrigo Hernandez sind alle erst 23 Jahre alt oder jünger und haben in den ersten zwei Spielen die Vorgaben Enriques gut umgesetzt. „Der kolossale Auftritt des Teams von Luis Enrique öffnet wieder die WM-Wunde“, schrieb Kolumnist Elías Israel in „AS“. Es werde allen klar, was für eine Chance man mit „all diesen Superkickern verpasst“ habe.

Jetzt werden die ohnehin vorhandenen Talente auch eingesetzt. Mit dem neuen Spielstil von Enrique braucht den Iberern um die Zukunft nicht bange zu sein. Schon gar nicht, wenn man einen Saul Niguez in seinen Reihen hat, der beim nächsten Turnier sicher nicht außen vor gelassen wird.

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