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Der Frust sitzt tief: Oemer Toprak.
Bayer Leverkusen
Sport

Gefressen von der Umschaltmaschine

Von Daniel Theweleit
11:36

Mitternacht nahte bereits, als es Roger Schmidt dann doch irgendwann zu weit ging mit all der Demut, zu der ihn die Umstände verpflichteten. Bereitwillig hatte der Trainer von Bayer Leverkusen eingeräumt, dass seine Mannschaft im Verlauf des höchst unterhaltsamen 2:4 (0:2) gegen Atlético Madrid „ein paar einfache Fehler zu viel“ gemacht habe. Dass „die Tagesform“ nicht so gut gewesen sei, und dass seine Spieler „oft bei zweiten Bällen nicht so konsequent hingegangen“ seien. Wer diesen verbissenen Fußballtrainer über längere Zeit verfolgt, weiß, dass ihm solche Eingeständnisse nicht ganz leicht fallen, und tatsächlich brach dann dieser Satz des blanken Trotzes aus ihm heraus. „Das war ja erst das Hinspiel!“, fauchte er.

Dieses Champions-League-Duell bereits verloren zu geben, widerstrebte ihm zutiefst, noch drei Wochen können die Leverkusener davon träumen, mit einem Wunder im rauen Vicente Calderon doch noch die nächste Runde zu erreichen. Überhaupt habe man in der zweiten Halbzeit gesehen, „wie viel Leben und wie viel Mut“ in dieser Mannschaft stecke, sagte Schmidt. Die energische Aufholjagd, die die Werkself nach der Pause startete, hatte eine emotionale Intensität in der normalerweise nicht besonders stimmungsvollen Arena erzeugt, wie es sie hier lange nicht gegeben hat.

Sechs Tore bekam das Publikum zu sehen, und in der Schlussphase, als Bayer nach 0:2 und 1:3 plötzlich nur noch 2:3 zurücklag, gab es diese ebenso seltene wie magische Verbindung zwischen Team und Publikum, die ein betörendes Stadionerlebnis entstehen lässt. Am Ende bebte die Arena und selbst die erfahrenen Spanier waren beeindruckt. Mehrfach mussten sie den Ball von der Linie kratzen, beinahe hätten sie ihren sicher geglaubten Sieg noch verspielt. Doch am Ende wechselte Atléticos Trainer Diego Simeone Fernando Torres ein, der die Leverkusener Hoffnung auf den Viertelfinaleinzug mit seinem 4:2 in einen kaum realisierbaren Traum verwandelte. Bayer hatte bei allem Überschwang, bei aller Energie und bei aller Offensivqualität einfach viel zu naiv verteidigt.

Natürlich hatte Roger Schmidt recht, als er darauf hinwies, dass „in den vergangenen drei Jahren in der Champions League niemand außer Real Madrid Atlético stoppen konnte, nicht mal Bayern München“. Zur Wahrheit gehört aber auch ein Hinweis vom Kollegen Simeone: „Zum ersten Mal seit 21 Jahren“ sei es seinem Klub gelungen, „auswärts im Europapokal vier Tore zu schießen“. Gemessen an der unglaublichen Anzahl weiterer Torchancen hätten es auch sechs oder sieben sein können. „Wir haben tolle Moral gezeigt, aber das war kein schöner Abend für uns“, konstatierte Sportchef Rudi Völler, verwies aber routiniert aufs Rückspiel. Im Fußball, aha, sei schließlich „alles möglich“.

Bayer Leverkusen scheint damit wieder an ungefähr dem Punkt angelangt zu sein, wo Roger Schmidt seine wendungsreiche Reise durch die Bundesligawelt vor zweieinhalb Jahren begann. Die Mannschaft spielt mitunter abenteuerlich, ist jung, entwicklungsfähig, und kann mit ihrem Balleroberungsfußball in einzelnen Spielen brillieren. Aber eine passende Balance zwischen Offensive und Defensive ist immer noch nicht gefunden.

Nach seinen spektakulären ersten Monaten in Leverkusen, als die ganze Liga über die wilde Balljagd der Werkself staunte und viele Konkurrenten sich von Schmidts Ideen inspirieren ließen, hat der Trainer ja begonnen, seiner Mannschaft auch die Fähigkeit zu etwas mehr Ruhe beizubringen. Die Werkself sollte lernen, Spiele zu entschleunigen, gegen schwächere Klubs die eigene fußballerische Überlegenheit konsequenter auszuspielen, ohne ständig die zermürbenden Kämpfe um zweite, dritte und vierte Bälle führen zu müssen. Mit mäßigem Erfolg.

Gegen Atlético war nun wieder der Fußball aus Schmidts früher Leverkusener Phase zu sehen, es wurde extrem riskant verteidigt, er wolle diese Partie „mit offenem Visier volles Rohr durchziehen“, hatte der 49-Jährige noch kurz vor dem Anpfiff gesagt. Das überforderte vor allen Dingen den armen Aleksandar Dragovic, der vor den ersten beiden Gegentreffern ganz schwach agiert hatte, und dann auch noch den Elfmeter vor Gegentor Nummer drei verursachte.

Aber Schmidt scheint sich inzwischen damit abgefunden zu haben, dass sein Bayer-Werk eine niemals vollendete Improvisation bleiben könnte, die lange noch nicht mit solch einer perfekt konstruierten Umschaltfußballmaschine wie Atlético Madrid konkurrieren kann. „Es ist klar, dass unser Weg mit der jungen Mannschaft und den jungen Spielern, die in der Verantwortung sind, eine Herausforderung ist“, sagte der Trainer, „und den gehen wir mit vollster Überzeugung.“ Wahrscheinlich wird diese Wanderung aber bald nicht mehr über die noblen Pfade der Champions League führen.

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