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Der Spiegel verweist in seinem Bericht auf einen E-Mail-Wechsel zwischen Grindel und seinem Stellvertreter Koch.
DFB-Präsident Reinhard Grindel
Sport

Und noch ein Fettnäpfchen

Von Frank Hellmann, Georg Leppert
09:55

Der Slogan prangt in Frankfurt an Bushaltestellen und Plakatwänden, das Motto grüßt in U-Bahn-Schächten am Willy-Brandt-Platz genauso wie an der DFB-Zentrale in der Otto-Fleck-Schneise: „United by Football. Vereint im Herzen Europas“. Ein Wortlaut, mit dem die Integrationskraft der Bewerbung für die Euro 2024 hervorgehoben werden soll. Und damit alles nicht zu nationalistisch anmutet, zerfließen im Hintergrund die Deutschlandfarben Schwarz, Rot und Gold ineinander. 

Am 27. September entscheidet das Uefa-Exekutivkomitee über den Zuschlag. Einziger Mitbewerber ist die Türkei, die sich politisch und wirtschaftlich in einer schweren Krise befindet – von den fußballerischen Problemen der Nationalmannschaft ganz zu schweigen. Doch Deutschland betrachtet es nicht als Selbstläufer, das zweite Mal nach 1988 eine Europameisterschaft auszurichten. So hatte der DFB zuletzt internationale Journalisten nach München eingeladen, die gleichwohl wenig zu den EM-Ambitionen, dafür umso mehr zum WM-Desaster wissen wollten; vor allem, warum Mesut Özil unter Rassismusklagen zurückgetreten ist. Bundestrainer Joachim Löw hat dabei DFB-Präsident Reinhard Grindel den Rücken gestärkt.

Nun besetzt der Verbandschef schon die Anklagebank. Der „Spiegel“ hat enthüllt, dass das Freundschaftsspiel gegen Peru am Sonntag gar nicht hätte in Sinsheim stattfinden sollen, sondern eigentlich zunächst in Frankfurt. Dagegen hätte Grindel Bedenken angemeldet, die der 56-Jährige seinem Vizepräsidenten Rainer Koch überbrachte: „Ich halte das Risiko, dass wir bei dem Länderspiel ein Desaster erleben und dies kurz vor der Euro-Vergabe negative Auswirkungen hat, einfach für zu hoch, weil für mich die Frankfurter Ultraszene viel zu unberechenbar ist.“ Diese E-Mail soll am 28. Februar, neun Tage nach den heftigen, aber friedlichen Protesten bei der Montagspartie Eintracht Frankfurt gegen RB Leipzig, verfasst worden sein. Die Fans waren seinerzeit zu einer dreiminütigen Demonstration zu Beginn des Spiels in den Innenraum gelassen worden. Zu Beginn der zweiten Halbzeit hatten sie mehrere Hundert Tennisbälle aufs Feld geworfen. 

Grindel glaubte daraufhin, dass mögliche Bilder von Bengalo-Zündeleien eine zu große Gefahr seien. Er wolle sich „auf klassische Argumente, die Ultras besuchten keine Länderspiele, nicht so gerne verlassen“. Er hege Befürchtungen, „dass die ja keineswegs dummen Ultras uns das Projekt Euro 2024 gerade kaputtmachen wollen, indem sie dort ein Inferno veranstalten.“ DFB-Generalsekretär Friedrich Curtius und Koch waren zwar anderer Meinung, aber Grindel setzte sich durch. Im Nachhinein hat der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete damit in das nächste Fettnäpfchen getreten.

„Der Mann ist untragbar!“

Denn seine sehr pauschale Argumentation forderte am Sonntag Widerspruch vieler Fanvertreter heraus. Den Nordwestkurven-Rat erreichten so viele Anfragen, dass die Frankfurter Fan-Vereinigung, der auch die einflussreichen Ultras angehören, entgegen ihren Gepflogenheiten sogar eine Stellungnahme versandte: „Die Aussagen von Herrn Grindel zeigen einmal mehr seine Ahnungslosigkeit und Hilflosigkeit beim Thema Fankultur. Diese diffuse, völlig realitätsferne Panik des Präsidenten lässt tief blicken.“ Nach den abgebrochenen Fangesprächen sei eine Verständigung unmöglich: „Kein ernstzunehmender Fanvertreter kann mit einem Verband unter diesem Präsidenten auch nur ein weiteres Wort wechseln! .... Dieser Mann war und ist untragbar!“ 

Der gebürtige Hamburger Grindel verkennt, für welche Werte speziell die Frankfurter Fanszene steht. Nämlich dieselben, mit der seine Bewerbung 2024 angeschoben wird. Vielfalt, Toleranz und Offenheit. „United Colors of Frankfurt“ lautete das Motto beim Bundesliga-Heimspiel der Eintracht gegen die TSG Hoffenheim. Klub und Anhängerschaft setzten im Kampf gegen Ausgrenzung, Diskriminierung und Rassismus ein Zeichen und hatten mit Kevin-Prince Boateng ein Gesicht der von der Deutschen Fußball Liga (DFL) initiierten Kampagne in ihren Reihen. 

Auch bei der Führung von Eintracht Frankfurt zeigte man sich am Wochenende irritiert über den Verband. Denn in dem Mailwechsel zwischen Grindel und Koch wird deutlich, wie sehr man sich beim DFB über die Frankfurter Proteste gegen die Montagsspiele und vor allem dem Umgang der Eintracht damit geärgert hat. So plädiert Koch dafür, am Spielort Frankfurt festzuhalten – „trotz der Vorkommnisse beim Montagsspiel und trotz der Haltung der Eintracht-Führung“. Weiter schreibt Koch: „Es fällt mir durchaus nicht leicht, diese Haltung Frankfurt gegenüber einzunehmen, denn du weißt, wie ich zu den Vorkommnissen in Frankfurt stehe und selbst eigentlich schon lange (und viel mehr als du) für einen Hardliner-Kurs bin.“ Die Aussage zeigt deutlich, dass der DFB sich eine harte Linie der Eintracht gegenüber ihren Ultras wünscht, was der Verein allerdings weitgehend ablehnt.

Eintracht-Sprecher Jan Strasheim kann den Dialog zwischen Koch und Grindel in diesem Punkt nicht nachvollziehen. Es sei „irritierend und erklärungsbedürftig, dass in den Mails vom Verhalten der Eintracht geschrieben wird“. Für ihn steht dessen ungeachtet fest, dass das Länderspiel nach Sinsheim gegeben wurde, weil die Arena in Frankfurt für eine Partie am Sonntagabend gegen Peru viel zu groß wäre.

So stellte am Samstag auch der DFB über seine Kommunikation den Sachverhalt dar. Man habe sich für die Rhein-Neckar-Arena entschieden, weil diese mit ihren 25 494 Sitzplätzen leichter zu füllen sei als die fast doppelt so große Spielstätte im Frankfurter Stadtwald. „Der entscheidende Punkt war die Überlegung, dass wir zwei Wochen vor der Vergabe der EM 2024 ein volles Stadion garantieren wollten“, beteuerte Koch glaubhaft. Auch Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff betonte im ZDF-Sportstudio: „Es war ein Gedanke dahin, ein ausverkauftes Stadion zu haben.“ 

Der „Spiegel“ wich von seiner Darstellung nicht ab und machte am Sonntag den gesamten E-Mail-Verkehr zwischen Grindel und Koch öffentlich. Demnach warnte der Amateurvertreter sogar davor, dass eine negative Stimmungslage dann aufkomme, „wenn herauskommt, dass wir Frankfurt abgelehnt haben“. Am Sonntagabend wiegelte Grindel ab. Die Entscheidung für Sinsheim habe „überhaupt nichts damit zu tun, dass es Vorbehalte gegen Eintracht Frankfurt gibt“, betonte er. 

Der DFB-Stammsitz soll nun wieder an die Reihe kommen, wenn nach der Auslosung der EM-Qualifikation 2020 die Spielorte für die Heimspiele vergeben werden. „Da wird alles schiedlich-friedlich ablaufen“, sagte der DFB-Boss. Das bislang letzte Länderspiel wurde in Frankfurt am 4. September 2015 gegen Polen (3:1) in der EM-Qualifikation ausgetragen. Seitdem hatte hat die DFB-Auswahl in 17 Heimspielen 15 verschiedene Städte bespielt. Die Ränkespiele im Hintergrund waren dazu bislang nicht überliefert. 

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