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Mesut Özil im Trikot der deutschen Nationalmannschaft.
Fall Mesut Özil
Sport

Wie Diskriminierung wirkt

Von Hilmar Riemenschneider
20:41

Es ist nicht Mesut Özil. Die am Wochenende verbreitete Abrechnung des Fußball-Profis mit den Reaktionen auf sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recip Tayyip Erdogan beschreibt beispielhaft viele Probleme, mit denen Türken in Deutschland zu kämpfen haben. Der in Gelsenkirchen geborene Ex-Nationalspieler spiegele mit seiner Stellungnahme die große Sensibilität, mit der besonders viele Türkeistämmige der zweiten und dritten Generation das gesellschaftliche Klima bewerten, erklärte am Montag Professor Haci-Halil Uslucan am Montag in Düsseldorf.

Der Leiter des Zentrums für Türkeistudien an der Universität Duisburg-Essen stellte neue Ergebnisse einer Langzeituntersuchung über die Identifikation der in NRW lebenden Türken vor. Danach fühlt sich inzwischen jeder zweite Türkeistämmige eher der Türkei zugehörig. Die heimatliche Bindung an Deutschland nimmt ab, nicht einmal jeder Fünfte empfindet dies so. Immerhin fühlen sich 30 Prozent der Türken in beiden Ländern zu Hause. „Das ist etwas vollkommen Normales, das sollte man nicht dramatisieren“, bewertete Uslucan die bundesweit übertragbaren Ergebnisse.

Die Türkei als Heimat habe eine hohe Bedeutung. Sehr empfindlich werde aber registriert, wenn aus der Debatte über Erdogan eine insgesamt ablehnende Haltung gegenüber Türken und der Türkei entstehe. Folge ist das Gefühl, nicht dazuzugehören, beschrieb es Uslucan: „Die Türkeizugehörigkeit steigt mit Diskriminierungserfahrungen.“ Bemerkenswert sei, dass insbesondere auch bei den Türken der zweiten und dritten Generation, die in Deutschland geboren wurden, die emotionale Bindung an Deutschland abnehme.

Für den Professor – von Haus aus Psychologe – wird hier die Parallele zum Fall Özil greifbar. Der habe alles getan, um Teil einer deutschen Wertegemeinschaft zu sein, habe sich dafür sogar von türkischen Fußballfans auspfeifen lassen. „Jetzt macht er die Erfahrung, du gehörst doch nicht dazu“, erklärte Uslucan. Das decke sich mit der Erfahrung vieler, die aktiv in Vorleistung gegangen seien, aber dann als „Pass-Deutsche“ abgelehnt würden.

„Özil spricht vielen Türkeistämmigen aus der Seele“, sagte die nordrhein-westfälische Integrations-Staatssekretärin Serap Güler (CDU). „Das macht es eigentlich so gefährlich, dass jetzt der Eindruck übrig bleibt: Du kannst es in diesem Land bis zur Nationalmannschaft schaffen. So lange du gut bist, wirst du akzeptiert. Und wenn du einen Fehler machst, wirst du abgestraft.“ Sie sorge sich, dass nun die „Rassisten auf beiden Seiten“ profitierten.

Toleranz gefragt

NRW-Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) will als Reaktion auf diese Konfliktlage nach den Ferien das Gespräch mit Özil und Ilkay Gündogan, der bei dem Foto dabei war, suchen. Er wolle deren Kritik hören, das schließe den kritischen Umgang mit deren Erdogan-Fotos nicht aus. „Beide sind Jungs aus dem Ruhrpott, beide haben eine Vorbildfunktion für viele Jugendliche in Deutschland.“ Diese Kontroverse müsse eine offene Gesellschaft aushalten.

Eine tolerante Haltung empfahl auch Uslucan als Konsequenz aus der seit 1999 durchgeführten Untersuchung. Dass Türken sich ihrem Herkunftsland zugehörig fühlten, dürfe nicht als Ausschluss oder Desintegration gewertet werden.

Stamp und Güler planen derweil für den Herbst eine Werte-Kampagne, mit der sie die Fragen der Zusammengehörigkeit aufgreifen wollen. Dazu soll es eine Einbürgerungsinitiative geben. Türken der ersten Generation sollten ohne weitere Sprachtest als „Wertschätzung“ für ihren Anteil am Wiederaufbau einen deutschen Pass bekommen – und den türkischen behalten dürfen.

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