© dpa, FR
Legte mit der Volljährigkeit die türkische Staatsangehörigkeit ab: Mesut Özil.
Mesut Özil und der DFB
Sport

Fußballverband im Krisenmodus

Von Jörg Winterfeldt
18:38

Für gewöhnlich gelten Journalisten und Politiker als wortgewandt und rhetorisch geschult. Bei beinahe jedem öffentlichen Anlass hat der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel, sich bemüht zu belegen, dass er gleich beiden Professionen entsprang. Dass er als Fußball-Parvenü das höchste nationale Amt in dem Sport im Quereinstieg erobern konnte, soll auch daran gelegen haben, dass er mit vielen anderen Funktionären dank der unfallfreien Verwendung einiger Fremdworte leichtes Spiel hatte.

Wie heikel seine Lage nach gerade mal zwei Jahren im Amt geworden ist, belegt daher dieser Montag. Der eitle CDU-Mann Grindel, der stets den Eindruck erweckte, gern und oft vor Kameras aufzutreten und viel zu erzählen, ganz so als habe er seinen früheren Arbeitgeber ZDF nie verlassen, bestätigte dem Fernsehsender Phoenix nur, dass sein Verband eine Stellungnahme zum Rücktritt von Nationalspieler Mesut Özil veröffentlichen würde. Er nahm nicht sofort Stellung. Und in dem später veröffentlichten Papier rückte das Präsidium soweit von ihm ab, dass es keinen einzigen Satz zur Verteidigung des Bosses formulierte.

Spätestens mit dem finalen Teil seiner gedrittelten Erklärung hatte Özil am Sonntagabend den DFB-Chef selbst ins Visier genommen. Besser: nehmen lassen, denn keiner, der den eher schüchternen Özil kennt, kam nach Lektüre seines Manifests zu der Überzeugung, dieser könne auch nur ein Wort davon selbst geschrieben haben.

Den ohnehin durch sein missratenes Krisenmanagement und seine opportunistische Politik in den internationalen Gremien angezählten DFB-Chef Grindel gibt Özil zum Abschuss frei. Er beschreibt ihn als eitlen, kühlen, fremdenfeindlichen Machtpolitiker ohne große Integrität und Integrationskraft. Folgt man Özils Worten, steht an der Spitze des größten deutschen Sportfachverbandes ein Mann stark rechter Gesinnung, der eher auf die Spaltung der Gesellschaft abzielt und sich an Deutschen mit Migrationshintergrund abarbeitet.

Damit spätestens hat die Debatte um ein womöglich nur törichtes und in seinen Folgen unterschätztes Foto eines bekannten Nationalspielers einen neuen Stellenwert erhalten: Plötzlich geht es um den Integrationswillen und die -fähigkeit der deutschen Gesellschaft. Plötzlich hat nicht nur der DFB durch sein vermasseltes Krisenmanagement völlig die Kontrolle verloren.

Özil lenkt damit auch die Diskussion von ihm selbst ab: Von seiner der fehlenden Sensibilität bei einem Fototermin mit dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan. Und von der geradezu aberwitzigen Naivität im Erklärungsversuch Özils, er habe in dem Foto keine politische Dimension erkennen können.

Fest steht: So wenig Özil, dieser junge Deutsche mit türkischen Wurzeln, der es mit Fußball zum mehrfachen Millionär gebracht und Deutschland vor acht Jahren zu Arbeit im Ausland verlassen hat, zu jenem Symbol gelungener Integration taugte, zu dem ihn der DFB gern machte, so wenig Aussagekraft hat sein Schicksal über die Integrationsfähigkeit der deutschen Gesellschaft.

Als Straßenfußballer hatte Mesut Özil in einem dieser vergitterten Plätze deutscher Großstädte mit dem Kicken begonnen, in der Gelsenkirchener Olgastraße. „Er war sehr klein und dünn und hat kaum gesprochen“, sagte Ralf Maraun, in der F-Jugend bei Westfalia 04 Gelsenkirchen Özils erster Trainer, „aber auf dem Platz war er ein Riese und hat die Gegner fast alleine vernascht.“

Kindheit und Jugend Özils sind türkisch geprägt. Im Gefolge des Vaters Mustafa tingelte Özil an Wochenenden über die Ascheplätze des Ruhrpotts, von der Gesamtschule Berger Feld in Buer ging er mit der mittleren Reife ab. Weil Politiker wie der CDU-DFB-Mann Grindel sich gegen eine doppelte Staatsbürgerschaft wehrten, musste Özil mit der Volljährigkeit wählen: Er legte die türkische ab und wurde Deutscher. Womöglich auch, weil er die Ziele so besser verwirklichen konnte: Weltmeister werden. „Fußball ist international“, hat er mal gesagt, „das hat nichts mit den Wurzeln der Familie zu tun.“

Sein Vater ist immer dadurch aufgefallen, ohne Rücksicht auf die Interessen des Sohnes ein Optimum herauszuholen. Wenn Özil einen Verein wechselte, gab es häufig böses Blut. Inzwischen lässt er sich von dem promovierten Juristen Erkut Sögüt und dessen Armada managen und von Harun Arslan, dessen ARP Sportmarketing auf den englischen Markt spezialisiert ist, sich aber auch schon um die Vertragsverhandlungen des deutschen Bundestrainers Joachim Löw gekümmert hat. Sie dürften die Spin Doctoren der Nebelkerzen sein, die in Özils Erklärungen eingestreut sind.

Eilig hat daher die Politik versucht, die Dinge wieder in den Zuständigkeitsbereich umzusiedeln, in den sie gehören. „Die Bundeskanzlerin“, teilte eine Regierungssprecherin gestern mit, „schätzt Mesut Özil sehr. Mesut Özil ist ein toller Fußballspieler, der viel für die Fußball-Nationalmannschaft geleistet hat.“ Auch die Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) twitterte eilig: „Es ist ein Alarmzeichen, wenn sich ein großer, deutscher Fußballer wie Mesut Özil in seinem Land wegen Rassismus nicht mehr gewollt und vom DFB nicht repräsentiert fühlt.“

Im DFB haben sie daher wieder mal alle Hände voll zu tun. „Die Sache, die mich wahrscheinlich am meisten in den vergangenen Monaten frustriert hat“, ließ Özil am Sonntagabend verlautbaren,. Nach der Aufregung über das Foto mit Erdogan habe er seinen Urlaub verkürzt, um die Sache zu klären. „Als ich Grindel mein Erbe, meine Vorfahren und die daraus entstandenen Gründe für das Foto zu erklären versuchte, war er viel mehr daran interessiert, über seine eigenen politischen Ansichten zu sprechen und meine Meinung herabzusetzen.“

Özils Leute haben in Grindels politischer Vergangenheit gegraben. Der Mann, der zuweilen daherkommt wie Balu, der Bär, mühte sich als Machtmensch mit Instinkt für mehrheitsverschaffenden Taktiken im Wahlkreis Rotenburg/Heide, am rechten Rand zu fischen. „Reinhard Grindel, ich bin sehr enttäuscht, aber nicht überrascht von Ihrem Handeln“, kritisierte Özil, „2004, als Sie Mitglied des Bundestages waren, haben Sie behauptet, dass ‚Multikulturalität ein Mythos und eine lebenslange Lüge‘ sei. Sie haben gegen Gesetze für Doppel-Nationalitäten und Strafen für Bestechung gestimmt, und Sie haben gesagt, dass die islamische Kultur in vielen deutschen Städten zu tief verwurzelt sei. Das ist nicht zu vergessen und nicht zu verzeihen.“ Der Text gipfelte in der Rücktrittsforderung: „Leute mit rassistisch diskriminierendem Hintergrund sollten nicht länger im größten Fußballverband der Welt arbeiten dürfen, der viele Spieler aus Familien verschiedener Herkunft hat. Einstellungen wie ihre reflektieren nicht die Spieler, die sie repräsentieren sollen.“

Am Nachmittag dann hatten die DFB-Funktionäre endlich ihre erste Reaktion parat: Nach einer Telefonkonferenz des Präsidiums gibt es einen Text zu den demokratischen Werten, die der Verband vertritt. „Der DFB bedauert den Abschied von Mesut Özil aus der Nationalmannschaft“, heißt es, „das ändert aber nichts an der Entschlossenheit des Verbandes, die erfolgreiche Integrationsarbeit weiter konsequent und aus tiefer Überzeugung fortzusetzen.“ Zum Präsidenten Grindel kein Wort.

  Zur Startseite