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Das ZDF-Kommentatorenteam: Oliver Schmidt, Bela Rethy, Claudia Neumann und Martin Schneider.
Claudia Neumann
Sport

Die Angst vor dem Ende des Fußball-Patriarchats

Von Stefan Krieger, Sonja Thomaser
12:55

Eine Frau quatscht den Männern in Deutschland seit Beginn der Weltmeisterschaft in ihre heißgeliebten Kickpartien. Und das 90 Minuten lang. Im schlimmsten Fall auch noch in die Nachspielzeit, was das Leiden erhöht. Sowas stört natürlich. Es verwirrt besonders dann, wenn dem Bundestrainer auf der Couch bewusst wird, dass das Weib, das da so penetrant quasselt, nicht das eigene ist, sondern die Stimme aus dem Fernseher kommt. Die Frau macht das beruflich! Sie kommentiert eine WM-Partie! Von unseren Gebühren!  

Claudia Neumann, seit fast 20 Jahren Sportreporterin beim ZDF, ist die erste Frau, die im deutschen Fernsehen ein WM-Spiel kommentieren darf. Eine Selbstverständlichkeit sollte man meinen, die weder gefeiert, noch herausgestellt werden müsste. Wenn es nicht so traurig wäre, dass es bis ins Jahr 2018 gedauert hat, dass so etwas überhaupt passiert.

Nun ist es also geschehen. Und es gibt Feuer. Offensichtlich ist man noch lange nicht soweit, einer Frau in Sachen Fußball auch nur den Hauch von Kompetenz zuzugestehen. Das Problem manifestiert sich in der Kritik an Claudia Neumann: Die ist anscheinend nicht möglich, ohne ihr Geschlecht zu thematisieren.

Inkompetenz aufgrund des Geschlechts

Kritik an den Kommentatoren, besonders an denen, die sich im Fußball versuchen,  ist fast so alt wie der Sport selbst. „Was erzählt der denn da? Keine Ahnung hat der!“, schallert es seit Jahrzehnten durch deutsche Wohnzimmer und Kneipen. Kritisiert und mit Häme behandelt werden natürlich Versprecher, falsche Zuordnungen von Spielern oder falsches Einschätzen einer Spielsituation.

Sowas kommt bei jedem Kommentator vor, und ja, einige sind besser, andere schlechter. Claudia Neumann steht aber als Frau unter noch viel strengerer Beobachtung. Ihr dürfen quasi gar keine Fehler passieren. Und wenn es dann vorkommt, hagelt es nicht, wie bei ihren männlichen Kollegen, Spot und Entlassungsforderungen (das natürlich auch), sondern ihre Inkompetenz wird auf ihr Geschlecht zurückgeführt und auf diesem sexistischen Level wird sie dann auch beleidigt. „Das hat noch gefehlt: eine Frau als Kommentator einer Fußball-WM“, „Nichts gegen Frauen, aber wenn die Frauen-WM ist, könnt ihr eure Moderatorin einsetzen, das passt zum Spiel ist beides dann schlecht“, „Sie sollte lieber beim ZDF den Flur wischen“ und „Quoten-Frau unter den ZDF-Kommentatoren“, sind die harmloseren Kommentare. Natürlich geht es nicht um Sexismus, wie auch. Das Muster ist bekannt. „Ich habe nichts gegen Ausländer, aber…“ ist genauso täglich Brot wie in jüngster Vergangenheit im Fall Özil und Gündogan das beliebte „Es geht nicht darum, dass sie Türken sind, sondern…“. Geschenkt. 

Fehler werden strenger gewertet

Bei einer Frau wird ein Fehler anders gewertet als bei ihren männlichen Pendants. Claudia Neumann wird wegen ihres Geschlechts als Kommentatorin abgelehnt. Keiner ihrer männlichen Kollegen bekommt einen derartigen Shitstorm ab, wenn er einen Spieler, wie es Neumann bei Yuya Osako bei der WM-Partie Kolumbien gegen Japan passierte, einem falschen Verein zuordnet. Und wenn dann doch mal, wie am gestrigen Abend in der Partie zwischen Kroatien und Argentinien, Kommentator Bela Rethy ein grober fachlicher Bock über den Sender geht („Rebic ist keiner für die linke Seite“), wird der ZDF-Mann maximal dafür verhöhnt, dass er wohl das Pokalfinale zwischen den Bayern und der Eintracht aus Frankfurt verschlafen hat.  Nirgendwo liest oder hört man, dass er so einen Mist schwafelt, weil er ein Kerl ist, und nicht richtig hinschaut.

Natürlich darf man Frau Neumann kritisieren. Wie man auch Herrn Rethy kritisieren darf. Oder Tom Bartels, wenn er uns alle mal wieder grundlos aus dem Halbschlaf schreit, wenn auch nur der Ansatz einer Torchance in irgendeinem Spiel zu sehen ist. Man sollte Frau Neumann halt eben nur kritisieren ohne dabei zu erwähnen, dass sie eine Frau ist. Ob offensichtlich oder unterschwellig spielt dabei keine Rolle.

Claudia Neumann steht übrigens souverän über den sexistischen Beschimpfungen, denen sie auch schon 2016 bei der EM ausgesetzt war. Damals verteidigte sie der ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz mit den Worten „Diese Frau steht ihren Mann“. Womit im Prinzip schon vor zwei Jahren klar war, was hier grundsätzlich schief läuft.

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