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Der vorerst letzte große Titel: Kerstin Garefrekes (m.) stemmt 2015 den Champions-League-Pokal.
FFC Frankfurt und die Eintracht
Sport

Fusion als Vision

Von Paul Schönwetter, Frank Hellmann
08:51

Geprägt haben den 1. FFC Frankfurt in den zwei Jahrzehnten seines Bestehens schon viele Persönlichkeiten des Frauenfußballs. Einer aber ist die gesamte Zeit dabei: FFC-Manager Siegfried „Siggi“ Dietrich. Nachdem Monika Staab am 27. August 1998 zusammen mit sechs weiteren Mitstreitern den 1. FFC Frankfurt gegründet und die Frauenfußball-Abteilung der SG Praunheim übernommen hatte, war es der vielleicht wichtigste Schachzug, den Marketingexperten Dietrich mitreden zu lassen, der den Stadtteilklub auf eine neue, im Frauenfußball bis dahin völlig unbekannte Vermarktungsebene führte. „Wir haben die Pionierarbeit gemacht, die Fans und die Medien begeistert“, sagt er.

Dabei musste Staab, langjährige Trainerin des FFC, die zuletzt als Entwicklungshelferin für den Frauenfußball in arabischen Ländern tätig war, Dietrich von einem Engagement erst überzeugen – bei einem privaten Tennismatch. „Eigentlich wollte ich nur einen Werbepartner für die SG Praunheim und anschließend das Weite suchen“, erklärt Dietrich. Der einstige Promotor von Eiskunstlaufgalas stieß eine Professionalisierung an, die zu einer beispiellosen Trophäensammlung führte: 20 Titel in 20 Jahren errang der Verein.

Am Ende der ersten Saison 1999 als 1. FFC Frankfurt stand der erste Double-Gewinn, es folgte eine erfolgreiche Zeit mit sieben Meistertiteln, neun DFB-Pokalsiegen und vier internationalen Triumphen, zuletzt 2015 der Gewinn der Women’s Champions League. Bereits 2008 schrieb der FFC Geschichte, als Dietrich 27 640 Zuschauer in die Frankfurter WM-Arena zum Uefa-Cup-Endspiel im Rückspiel gegen den schwedischen Klub Umea IK lockte. Ein damaliger Europarekord im Frauenfußball.

Das FFC-Trikot trugen schon damals viele internationale Größen und Persönlichkeiten: die dreifache Weltfußballerin Birgit Prinz, die spätere OK-Chefin und Bundestrainerin Steffi Jones, Renate Lingor, Silke Rottenberg, Sandra Smisek, Kerstin Garefrekes oder Dzsenifer Marozsán. Sie prägten verschiedene Epochen beim FFC, wie auch Nia Künzer, die in zehn Jahren 17 Titel gewann. Noch zur Heim-WM 2011 stellte der FFC die halbe deutsche Nationalelf. Einige von ihnen zählten am Dienstag zu den rund 300 geladenen Gästen für die Jubiläumsfeier der Stadt Frankfurt im Römer.

So prominent wie im Kaisersaal die Persönlichkeiten, klingen die aktuellen Namen der Spielerinnen im Kader nicht mehr. Denn mittlerweile heißt das Konzept Jugend- und Talentförderung, die Trainer Niko Arnautis vorantreibt. Statt deutschen A-Nationalspielerinnen oder internationalen Topstars stehen junge Talente auf dem Platz. Die niederländische Europameisterin Jackie Groenen in ihrer letzten Saison ist da die Ausnahme.

Die Rolle des Klubs ist auch für Dietrich zunehmend schwer zu definieren und damit auch zu verkaufen. Der Triumph in der weiblichen Königsklasse vor drei Jahren gegen Paris St. Germain im Berliner Ludwig-Jahn-Sportpark war der letzte eines reinen Frauenfußballvereins – und wird es aller Voraussicht nach auf lange Sicht auch bleiben. Längst dominieren in der Frauen-Bundesliga die Männerlizenzvereine FC Bayern und VfL Wolfsburg, international machen die großen Klubs in England, Spanien, Frankreich und sogar Italien ernst. Manchester United, Real Madrid und Juventus Turin haben neuerdings die weibliche Sparte für sich entdeckt. Die Kluft zwischen den Budgets ist gewaltig geworden.

Die Gespräche laufen bereits

Dietrich klagt darüber gar nicht. „Wir sollten diese Entwicklung als Chance begreifen und Strategien erarbeiten, wie wir davon profitieren können.“ Und doch laufen Bestrebungen, dass der 1. FFC Frankfurt nicht den Anschluss verliert. Als Ausweg ist eine Zusammenarbeit mit Eintracht Frankfurt als die starke Marke der Mainmetropole angedacht, deren Frauenteam gerade den Aufstieg in die Zweite Bundesliga verpasst hat.

Selten hat Dietrich über eine Kooperation so offen geredet, wie am Montagabend in der HR-Sendung Heimspiel: Die Fusion mit der Eintracht (die FR berichtete) ist offenbar die Zukunftsvision. „Es gibt seriöse Gespräche“, bestätigte der 61-Jährige, „um zu schauen, welche Win-Win-Situationen sich ergeben können.“ Ausdrücklich lobte er Fredi Bobics Arbeit. „Wir tauschen uns intern aus, ich hoffe auf eine mögliche Kooperation, wie auch immer die dann aussehen kann.“

Dass der bestens verdrahtete Dietrich die angeblich „internen Gespräche“ derart offensiv publik machte, dürfte nicht ohne Grund geschehen sein: Ihm ist mittel- und langfristig auch daran gelegen, sein Erbe geordnet zu übergeben.

Denn der Verdrängungsprozess ist unerbittlich. Auf ähnlichem Niveau wie der FFC kann national nur Turbine Potsdam mithalten, die von der guten Nachwuchsarbeit profitieren. Die Refinanzierung wird immer schwieriger: Mit dem SC Bad Neuenahr verschwand 2013 in Gründungsmitglied aus der Bundesliga, der FCR Duisburg 2001 geriet ebenfalls in finanzielle Schieflage und übertrug sein Spielrecht an den MSV Duisburg.

Auch die Stadt dürfte großes Interesse haben, dass der Standort eine Hochburg des Frauenfußballs bleibt: Der 1. FFC Frankfurt hat bereits eine Heimspielstätte bekommen. Das Stadion am Brentanobad wurde bis 2016 umfassend modernisiert. Im Stadtteil Rödelheim haben 5650 Zuschauer Platz. Die Auslastung im FFC-Alltag sieht aber anders aus: Der Schnitt liegt derzeit weit unter 1500. Immer noch viel gegenüber den Pionierzeiten, aber deutlich weniger als zu den Hochzeiten.

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