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Ein Torschütze und seine Gratulanten: Marcel Franke (Mitte) und Kollegen in Heidenheim.
Darmstadt 98
Sport

Darmstädter Lieblingsspiel

Von Jakob Böllhoff
06:03

Der Schlusspfiff in Heidenheim war ertönt, und einen Moment lang schien es, als würde es nun zu wüsten Szenen vor der Bank des SV Darmstadt 98 kommen. Menschen, die sich ganz arg freuen, sehen ja mitunter aus, als wollten sie sich unbedingt prügeln. Der Cheftrainer Dirk Schuster richtete den Blick zu Boden, beide Hände zu Fäusten geballt, und von der Seite stürmte der brüllende Co-Trainer Sascha Frantz auf ihn zu, er schwenkte eine Wasserflasche über seiner blonden Mähne, es sah bedrohlich aus. Statt miteinander zu rangeln, fielen sich die beiden Männer aber doch freundschaftlich in die Arme.

Jeder sah, was den Darmstädtern dieser Sieg bedeutete. „Ich bin ein bisschen stolz, dass wir diesen Sieg einfahren konnten“, sagte Schuster nach diesem 1:0 auf der regnerischen Ostalb, beim kampfstarken FCH: „Wir wussten, was uns hier erwartet: Heidenheim hatte noch kein Spiel verloren und ist mit breiter Brust in die Partie gegangen.“ Wobei es, was die breite Heidenheimer Brust anging, unterschiedliche Wahrnehmungen gab. Auch FCH-Trainer Frank Schmidt dachte zunächst, „dass wir die breitere Brust heute haben. Leider haben wir diese dann dem Gegner aber nicht so gezeigt.“ Einig waren sich Schuster und Schmidt in dem Punkt, dass der südhessische Auswärtssieg durchaus verdient war.

Nach dem dritten Sieg im vierten Spiel stehen die Lilien jetzt auf dem zweiten Tabellenplatz, hinter dem 1. FC Köln, man darf von einem gelungenen Saisonstart reden, und doch braucht sich keiner die Mühe machen, einen Darmstädter auf die Tabelle anzusprechen. Die sagen dann bloß Dinge wie Innenverteidiger Marcel Franke: „Wir werden zwar auch mal auf die Tabelle schauen, es wäre aber überheblich und vermessen, sich die Tabelle jetzt schon einzurahmen.“ Dass ihm derartige Fragen überhaupt gestellt wurden, hatte der Mann, der vor der Saison aus Norwich ans Böllenfalltor gewechselt war, im Übrigen selbst zu verantworten.

Schwache Passquote

Elf Minuten waren vorüber, als Tobias Kempe nach einem zunächst abgewehrten Eckball auf der rechten Seite wieder in Ballbesitz kam. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Gastgeber bereits zweimal die Führung knapp verpasst (6., 8.), nun war es Kempe, der die Kugel ins Getümmel vor dem Heidenheimer Tor bugsierte. Torwart Kevin Müller wehrte nach vorne ab, und dort stand er, der Innenverteidiger Franke, und ein komplizierter Entscheidungsprozess setzte ein. „Erst habe ich noch überlegt, ob ich den Ball annehmen soll. Dann habe ich aber gedacht: Das Tor ist frei, dann haust du mal drauf. Und dann war der Ball drin.“

Weitere Bälle waren nicht mehr drin an diesem Nachmittag, weder hüben noch drüben, was Dirk Schuster dann doch ein wenig fuchste. „Wir müssen vielleicht damit hadern, dass wir die Räume und Chancen ab der 70. Minute nicht genutzt haben“, sagte Schuster. „Insgesamt bin ich aber einverstanden mit der Leistung.“

Manche Siege mögen die Darmstädter ja besonders gerne, es ist ein Auftritt wie jener in Heidenheim, der die Seele dieses selbsternannten Arbeiterklubs berührt. Sie haben gekämpft, zwischendurch haben sie gelitten, und hinterher konnten sie sich mit grimmiger Jubelmiene in die Arme fallen. Die Tatsache, dass lediglich 69 Prozent der Pässe ankamen bei den Gästen (79 Prozent beim FCH), offenbarte zwar mal wieder die spielerischen Mängel beim SV 98, einerseits. Andererseits sprach die Zweikampfquote für die Südhessen (53 Prozent), auch kamen sie offiziellen Angaben zufolge auf 17 Torschüsse, von dem immerhin ein halbes Dutzend auch die Bezeichnung verdiente.

Sie mögen die Siege besonders gerne, nach denen sie sagen können, man sei „kompakt gestanden“, und nun seien sie alle miteinander „fix und fertig von dem Riesenkampf, mit dem wir uns den Sieg verdient haben.“ Gesagt hat das am Sonntag Immanuel Höhn, der Innenverteidiger, der aktuell der Rechtsverteidiger der Lilien ist und auch in Heidenheim dem wie aufgezogen wirkenden Marcel Heller formidabel den Rücken frei hielt. Nun gehe man mit einer gewissen Ruhe in die Länderspielpause, befand Höhn. Nach der Hektik der vergangenen Jahre ist das sehr viel wert.

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