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Flitzt in der Offensive hin und her: Marcel Heller.
Darmstadt 98
Sport

Junger, alter Hüpfer

Von Jakob Böllhoff
07:23

Die Frage nach dem Du oder dem Sie beendet man eher selten im Profifußball, dessen Akteure lieber nicht durch eine komische Erwachsenenanrede an die Last des Älterwerdens erinnert werden. Eine Duzgesellschaft, und auch Marcel Heller fällt einem fast ins Wort. Sie? „Ach Quatsch. Ich bin doch noch ein junger Hüpfer“, sagt der Mann vom SV Darmstadt 98 mit selbstironischem Unterton.

32 Jahre alt ist er inzwischen, der junge Hüpfer Heller, aber wer ihn derzeit dabei beobachtet, wie er 25-Jährigen Zweitligaverteidigern davonspurtet, könnte schon auf die Idee kommen, die Zeit habe ihn übersehen. Groß Gedanken macht sich der Rückkehrer jedenfalls nicht: „Ich fühle mich gut und weiß, dass ich aufgrund meiner Fitness noch einige Jahre spielen kann.“ Er spielt befreit auf, hat wesentlichen Anteil am guten Darmstädter Saisonstart (drei Siege aus vier Spielen), mit einem Tor und zwei Vorlagen in drei Spielen. Den Saisonauftakt hatte er verpasst, eine Rotsperre aus der Vorsaison in Augsburg.

Gegenseitiges Vertrauen

Warum das alles gleich wieder klappt, warum das alles so aussieht, als sei er nie weg gewesen? Klar, war ja auch nur ein Jahr, viel hat sich nicht verändert am Böllenfalltor. Aber abgesehen davon: Vertrauen macht frei, und von Vertrauen ist die Beziehung zum Trainer Dirk Schuster geprägt. Zwar sei es ihm nicht leicht gefallen, der Bundesliga wieder den Rücken zuzukehren, sagt Heller, „jeder Spieler will da ja hin.“ Den Ausschlag für die Rückkehr ans gute alte Böllenfalltor hat am Ende aber gegeben, dass das alte Trainerteam dort wieder am Werk ist: Chef Schuster, Assistent Sascha Frantz, Fitnesscoach Frank Steinmetz. 

Vor allem mit Schuster verbindet Heller offenbar eine stille Übereinkunft, vieler Worte bedarf es nicht. „Ich bin keiner, der viele Angaben braucht“, sagt Marcel Heller. „Man muss mich einfach spielen lassen, dann werde ich immer das Bestmögliche aus mir herausholen, um der Mannschaft zu helfen. Der Trainer vertraut mir, schätzt meine Stärken und meine Persönlichkeit auf dem Platz. Ich weiß, was er von mir erwartet, und er weiß, was er von mir kriegt.“ Volles Engagement, ruheloses hin- und herrasen, auf dem rechten Flügel und überhaupt im gesamten Angriffsbereich. 

Marcel Heller bringt sich selbst auf den Punkt: „Ich bin ein Spieler, der, im Rahmen der taktischen Vorgaben, versucht, überall in der Offensive rumzulaufen und irgendwas zu machen.“ 

Aktivposten nennt man so einen im Fußball, aber erst unter Schuster, der wie kein anderer spürt, wann ein Spieler Zuspruch benötigt und wann einen Tritt in den Hintern, macht Hellers Raserei Sinn. Der Sachse war es, der den sensiblen Flügelstürmer nach Darmstadt holte, im Sommer 2013, als das Lilien-Wunder begann. Und die Karriere Marcel Hellers, 27 Jahre alt damals, zu vertrocknen drohte. Insolvenz bei Alemannia Aachen, Zwangsabstieg aus der dritten Liga. „Es war damals vielleicht nicht realistisch, dass es noch mal was wird mit der Bundesliga.“ Selbst die zweite Liga schien ihm irgendwie abwegig, als er in den Aachener Trümmern über seine Karriere sinnierte.

„Ich habe aber immer an meine Stärke geglaubt“, bekundet Heller, „mir bewusst gemacht, dass ich in jungen Jahren nicht umsonst Juniorennationalspieler war und bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag stand.“ Die Symbiose mit Dirk Schuster gab seiner Karriere den späten Schub. Inzwischen kommt er auf 123 Bundesliga-Einsätze, 36 für die Eintracht, 65 für Darmstadt, 24 für Augsburg. Eine Bilanz, mit der Heller gut leben kann, auch wenn er jetzt wieder eine Liga weiter unten angekommen ist. Er fühlt sich wohl.

Ein eingeschworener Haufen sei der SVD, ein bisschen so wie früher, und Heller findet es „super, dass das Trainerteam auf so etwas achtet.“ Alles wie in den guten alten Tagen also wieder am Bölle, wobei: Ein bisschen ist Heller dann doch aus seinem früheren Darmstädter Leben rausgewachsen. Er hat eine neue Wohnung bezogen, die alte: zu klein. In Augsburg sind nicht nur Erstligaeinsätze dazugekommen, sondern auch Möbel.

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