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Der neue Cheftrainer Martin Schmidt (M) gibt beim Training am Stadion am Bruchweg in Mainz Anweisungen an die Spieler.
Mainz 05
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Zurück zum Tuchel-Fußball

Von Jan Christian Müller
19:04

Als am Dienstagmorgen um halb neun der Manager Christian Heidel vor den in der Kabine versammelten Kader des FSV Mainz 05 trat, wussten die Fußballprofis, dass in Zeitungen manchmal sogar die Wahrheit steht. Heidel unterrichtete die Mannschaft über die tags zuvor vollzogene Trennung vom dänischen Trainer Kasper Hjulmand gemeinsam mit dessen beiden Assistenten Keld Bordingaard und Flemming Pedersen. Und er stellt den allen Anwesenden bestens bekannten vormaligen U-23-Trainer Martin Schmidt als neuen Projektleiter für die Mission Klassenerhalt vor. Die Trennung von Hjulmand & Co. dürfte den Bundesligisten rund drei Millionen Euro kosten, ein Abstieg wäre fast zehnmal so teuer.

„Fastnacht“, sagte Kapitän Niko Bungert nach dem Auftakttraining unter dem neuen Chefcoach, „war für uns nicht besonders feierlich.“ Was das Persönliche angeht, bedauerte Bungert die Entscheidung gegen Hjulmand ausdrücklich, schließlich sei „Kasper ein super feiner Kerl“. Ein vergiftetes Lob, denn super feine Kerle sind in aller Regel eher keine super guten Bundesligatrainer. Christian Heidel redete bei einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz gar nicht erst drum herum: „Ich habe bestimmt zehn Abstiegskämpfe erlebt. Wir brauchen Emotionen.“

Und Emotionen konnte Kopfmensch Hjulmand Mainz 05 nicht bieten. Vergeblich hatte Heidel versucht, dem Trainer zu erklären, „wie in Deutschland Abstiegskampf funktioniert“. Hjulmand blieb stur bei seiner Linie des gepflegten Ballbesitzfußballs. So zurückgenommen, wie der Fußballlehrer sich in Mainz acht Monate lang präsentiert hatte, so zurückgenommen spielte auch die Mannschaft. So langweilig und vorhersehbar wie ein Uhrwerk. Insoweit hatte Heidel sich in dem Fußballweisen aus Aalborg fundamental getäuscht.

#Das kann dem Mainzer Manager mit Martin Schmidt nicht passieren. Denn der Schweizer ist schon seit fünf Jahren Wahl-Mainzer, coacht mit beachtlichem Erfolg die zweite Mannschaft, kennt jeden Profi und außerdem jede Kneipe in der Nähe seiner Wohnung in der Mainzer Altstadt. Hjulmand, der sich mit Rücksicht auf die Internationale Schule seiner Kinder für ein Haus in Oberursel entschieden hatte, ist Mainz 05 merkwürdig fremd geblieben. Ein netter Kerl, ein Fachmann, aber keiner, der eine Bundesligamannschaft und deren Fans mitreißen konnte.

Das dürfte Schmidt mutmaßlich gelingen. Wer den 47-Jährigen reden hört, hört die Wahrheiten von Thomas Tuchel heraus: „Er hat mich angesteckt mit seinem Fieber.“ Tuchel holte Schmidt 2010 nach Mainz und diente diesem als Mentor bei dessen in der Schweiz absolvierter Uefa Pro Trainerlizenz, die auch in Deutschland als Fußballlehrerschein anerkannt wird. Mit seinem nach wie vor in Mainz beheimateten Vorvorgänger pflegt Schmidt weiterhin Kontakt, wiewohl dieser zuletzt etwas seltener wurde. Im Sommer hielt Heidel die Zeit noch nicht für reif, einen Tuchel-Klon als Tuchel-Nachfolger zu installieren. Das ist inzwischen anders.

Bei seiner Vorstellung am Mittag musste Schmidt erst einmal einen tiefen Schluck heißen Tee mit Honig nehmen, derart ramponiert war seine Stimme. „Das Training hat ihr den Rest gegeben“, witzelte der etwas andere Fußballtrainer. Sein Werdegang ist ungewöhnlich. Er war Rennautomechaniker in der Deutschen Tourenwagen Meisterschaft, gründete gemeinsam mit seiner Schwester eine Bekleidungsfirma, ist ein hervorragender Skifahrer, war aber kein herausragend begabter Fußballspieler. Nicht weniger als sieben Kreuzbandrisse in beiden Knien sowie diverse Knochen- und Wirbelbrüche stoppten die Karriere.

Aber Schmidt kann Menschen begeistern und sie mitnehmen, genau das, was Heidel jetzt erwartet. Der Manager hofft auf einen ähnlichen Effekt, wie ihn Viktor Skripnik in Bremen erreicht hat: „Werder hat das überragend gemacht. Dort spürt man die Leidenschaft, die sich auf eine ganze Stadt überträgt.“ In Mainz gibt es da eine Menge Nachholbedarf. Am Dienstag besuchten neben zwei Dutzend Medienvertretern bestenfalls ein Dutzend Kiebitze das Training.

Martin Schmidt, der den bereits zum Team von Hjulmand gehörenden Ex-Profi Bo Svensson als Assistenten zur Seite gestellt bekommt, krächzte seine Idee vom Fußball klar und deutlich heraus: „Ich will Feuer, Emotionalität und Leidenschaft in die Mannschaft bringen.“ Man müsse dem Gegner mit mutigem Offensivpressing „überfallen und wehtun“. Die Frankfurter Eintracht, die am Samstag (15.30 Uhr) in Mainz gastiert, bezeichnete er als „Gegner, der genau in die Situation passt“, es sei „das Allerbeste, dass es gleich zum Kracher kommt“.
Schon vor Monaten hatte Schmidt bei Heidel vorgesprochen und ihn wissen lassen, dass er nun bereit sei für Größeres. So viel steht mal fest: An Selbstbewusstsein mangelt es dem neuen Mainzer Chefcoach nicht.

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