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Voll fokussiert: Carolin Schäfer.
Carolin Schäfer
Sport

„Ich brauche den Druck“

Von Timur Tinç
07:16

Carolin Schäfer, 26, geht als Favoritin auf eine Medaille in den Siebenkampf. Die gebürtige Bad Wildungerin gewann bei der Leichtathletik-WM in London im vergangenen Jahr Silber. Die 1,78 Meter große Athletin der LG Eintracht Frankfurt peilt auch in Berlin einen Podestplatz an.

Frau Schäfer, spüren Sie vor der EM einen gewissen Erwartungsdruck nach der Silbermedaille in London oder machen Sie sich selber Druck?
Es ist natürlich ein Wunsch von mir, eine Medaille zu gewinnen, aber das kann man nicht vorhersehen. Sicherlich ist die öffentliche Erwartung, dass ich eine Medaille erreiche. Für uns ist die EM ja auch gleich die WM. Die Europäerinnen bestimmen bei uns die Weltjahresbestleistungen im Siebenkampf. Es ist also die gleiche Herausforderung wie in London und auch fast das gleiche Teilnehmerfeld. Es wird auf die Tagesform ankommen, und ich will ein Wörtchen mitreden. 

Was hat sich nach der Medaille in London für Sie verändert?
Sehr, sehr viel (lacht). Die mediale Aufmerksamkeit ist natürlich gestiegen. Ich habe mein persönliches Karriereziel erreicht. Wenn man zehn Jahre alles dafür investiert und dann die erste internationale Medaille errungen hat, kann man nicht nahtlos daran ansetzen. Man muss sich besinnen. Ich habe auch Zeit gebraucht, um mir neue Ziele zu setzen. Wir haben versucht, neue Schwerpunkte zu setzen. Wir haben bewusst auf die Hallensaison verzichtet, damit ich das alles für mich verarbeiten und sortieren konnte, was im letzten Jahr auf mich eingeprasselt ist. Mir fiel es nicht schwer, zurückzukommen und mich für die Europameisterschaft zu motivieren, aber es war schon eine Art der Sättigung da, weil ich mir mit dem Erfolg vieles erfüllt habe. Es war für mich eine neue Situation, nicht nur Jäger, sondern auch Gejagte zu sein. Mir kam es entgegen, dass es in Götzis nicht ganz so gut funktioniert hat. So wurde ich wieder an meinem Hunger gepackt und hatte eine höhere Motivation im Training.

Sie haben in Götzis drei Fehlversuche beim Kugelstoßen hingelegt und konnten den Wettkampf nicht beenden. Wie sehr hat das an Ihnen genagt?
Rückblickend eigentlich gar nicht so sehr. Klar, die Situation an sich war sehr bitter, weil ich die EM-Norm gerne sofort abgehakt hätte, um mich in Ruhe darauf vorzubereiten. Letztlich hat mir der Dämpfer ganz gut getan, weil ich den Anreiz gebraucht hatte. Ich brauche diese Drucksituation und diese Erwartung an mich selbst. Das habe ich davor nicht so extrem gespürt. Es hat mir für Kopf und Körper gutgetan, um den Schalter umzulegen. Die Trainingsleistungen wurden besser und in Ratingen lief es dann auch.

Wie oft standen Sie nach Götzis im Ring und haben die Kugel gestoßen?
So oft habe ich gar nicht gestoßen. Ich habe neben dem Kugelstoßen mehr trainiert, hab mehr Medizinballwürfe gemacht, einfach, weil ich nicht in die Stresssituation wollte. Es ist ja nicht so, dass ich es nicht kann, sondern es war in Götzis wie ein Systemausfall. In Ratingen war es dann auch eine ungewohnte, eine unschöne Situation, mich dem wieder zu stellen. Zum Glück konnte ich da einen Haken hinter setzen.

Wie zufrieden waren Sie mit Ihren 6549 Punkten in Ratingen?
Sehr zufrieden. Meine Trainingsleistungen waren gut, ich war aber nicht in der Form, in der ich letztes Jahr war. Das lag daran, dass wir viel umgestellt, länger und intensiver trainiert haben. Wir haben uns die EM als Saisonhöhepunkt gesetzt. Ich bin ungeduldig, und mit der Drucksituation im Rücken waren die 6549 Punkte aller Ehren wert. Das hat angedeutet, dass da wesentlich mehr Luft nach oben ist.

An welcher Disziplin haben Sie in dieser Saison besonders gearbeitet?
Der Schwerpunkt in den Einzeldisziplinen lag auf dem Speerwurf. Die Konkurrenz hat sich zu stark entwickelt, da mussten wir nachziehen und haben mit Thomas Röhler und seinem Trainer zusammengearbeitet. Das hat ganz gut gefruchtet.

Wie kam denn der Kontakt mit dem Olympiasieger zustande und was konnte er noch rauskitzeln?
Wir haben uns schon einmal nach den Olympischen Spielen unterhalten. Nach London haben wir festgestellt, dass ich beim Speer noch die größten Reserven habe und dabei Hilfe brauche. Da ich mich mit Thomas gut verstanden habe, habe ich ihn angefragt. Er hat gesagt: Klar, machen wir. Ich war mit meinem Trainer zweimal in Jena bei ihm. Es gab schon grobe Fehler, an denen wir drehen und schrauben konnten sowie trainingstechnische Hilfsmethoden. Im Training werfe ich jetzt nicht nur den Speer, sondern auch Medizinbälle und Speerbälle. 

Welche groben Fehler konnten Sie ausmerzen?
Ich bin jemand, der den Speer nicht richtig unter Kontrolle hält. Die Spitze geht mir vorne weg. Wichtig ist, dass ich die Speerspitze so lange wie möglich im Blick habe und auf Augenhöhe trage. Ich bin außerdem viel zu langsam angelaufen für das, was ich werfen könnte oder bräuchte, um Mitte 50 zu werfen. Wir haben viel am Anlauf getüftelt. Und es hat sich mit der persönlichen Bestleistung von 53,69 Meter gelohnt.

Die Topfavoritin in Berlin ist natürlich die Belgierin Nafissatou Thiam, die auch wieder die Weltjahresbestleistung hält. Wie kann man die Olympiasiegerin und Weltmeisterin schlagen?
Ich muss einfach besser sein (lacht). Ich wünsche niemanden, dass er auf dem Saisonhöhepunkt patzt, sie ist die haushohe Favoritin. Ich denke, wenn sie normal durchkommt, ist Gold klar für sie. Falls sie Fehler macht, muss ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Ich muss meine Leistung bringen und kann sie vielleicht bis zu einem gewissen Zeitpunkt ärgern. 

Interview: Timur Tinç

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