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Optische Verbindung: Die Laufbahn vom Olympiastadion zum Breitscheidplatz.
Leichtathletik-EM
Sport

Der Ort als Symbol

Von Karin Bühler
08:21

Willkommen steht über dem eckigen Tor zur Europäischen Meile. Blanke Stahlrohre rechts neben den Stufen, die zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche führen, ragen neben der Budapester Straße auf. Noch fehlen die Planen. „Das wird der Eingang“, sagt Frank Kowalski, ehe ihn Arbeiter in neongelben Westen davor warnen, die Baustelle ohne Schutzhelm zu betreten. Ein Gabelstapler saust vorbei. Männer in Arbeitskleidung hämmern das Metall ineinander, aus dem die Tribüne vor dem Glockenturm wächst. Hier entsteht für die Zeit der Leichtathletik-Europameisterschaften in Berlin eine mobile Arena mit Plastiksitzen für 3000 Menschen.

Auf dem Glockenturm wirft Olympiasieger Thomas Röhler den Speer, neben ihm ist Sprinter Julian Reus auf dem orangen Werbebanner zu sehen, das das 50 Meter hohe Mahnmal verhüllt. Weiter vorne Richtung Europacenter blinkt die Warnleuchte des Hubsteigers, er hat die Arbeitsbühne ausgefahren wie einen Krakenarm. „Da wird gerade die Bühne mit einer Videoleinwand aufgebaut“, sagt Kowalski. Dann zieht der Chef-Organisator der Leichtathletik-EM sein Handy aus der Hosentasche, um mit einem Foto zu dokumentieren, was am Breitscheidplatz entsteht.

Tja, was eigentlich? Schon wieder eine Feiermeile? Ein Amüsierbetrieb am Ort des Terroranschlags? Ein Verkehrschaos wegen der Sperrung der Budapester Straße? Eine Werbe-Plattform für die europäische Idee? Für die City West? Für die Leichtathletik? Von allem ein bisschen?

Nun, hier am Breitscheidplatz zwischen Kudamm und Bikini-Haus, soll das Doppelherz der Leichtathletik-EM schlagen. Das ist Kowalskis Vision: ein Projekt für die Leichtathletik, für Europa. 

Herz eins schlägt vom heutigen Montag an bis Sonntag im Berliner Olympiastadion, wo die kontinentalen Meisterschaften mit den 100-Meter-Vorläufen der Männer und Frauen gleich rasant beginnen. Herz zwei übernimmt den Takt am Breitscheidplatz mit der Qualifikation im Kugelstoßen auf frisch ausgelegtem Rollrasen, mit einem täglichen Bühnenprogramm bis 24 Uhr, mit 38 Siegerehrungen an fünf Tagen, mit dem Start und Ziel der Marathon- und Geher-Wettbewerbe. Im Umkreis von 800 Metern wohnen fast alle Athleten, Sportfunktionäre und Medienvertreter der EM. Als optische Verbindung, eine Art Bypass des Doppelherzes, schlängelt sich die blaue Tartanlaufbahn durch das Oval des Olympiastadions und um die Gedächtniskirche herum. 

„Wir haben uns bei der Bewerbung 2013 mit der Idee befasst, die EM im Stadion mit der Europäischen Meile zu verbinden. Wir wollen die Leichtathletik hineintragen in die Stadt“, sagt Kowalski. Er kommt gerade aus Kienbaum, dem Olympischen Trainingszentrum in der brandenburgischen Gemeinde Grünheide, wo sich die besten deutschen Werfer, Springer und Läufer auf ihre Wettbewerbe vorbereiten. 

Kowalski, 54, weiße Haare, breite Speerwerfer-Schultern, den Hemdkragen zwei Knöpfe offen, hat BWL und Marketing an der European Business School in Oestrich-Winkel studiert, einer Elite-Hochschule für angehende Manager. Er war Nachwuchs-Bundestrainer für die 400 Meter, zuletzt Veranstaltungsdirektor des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Sein Anspruch: die olympische Kernsportart Leichtathletik modern vermarkten, sie kompakter gestalten. Für die EM ist er vor drei Jahren aus Frankfurt am Main nach Berlin gezogen.

Auf dem Breitscheidplatz, wo Touristinnen am Weltkugelbrunnen aus den Sandalen geschlüpft sind, um sich ihre Füße im Wasser zu kühlen, wo die Arbeiter an den Tribünen hämmern, junge Menschen an den Tischen einer Fast-Food-Kette Chicken-Nuggets in Ketchup-Soße tunken, sieht und hört er jetzt, wie seine Vision Gestalt annimmt. Er sei von Anfang an beeindruckt gewesen von der Energie dieses Platzes, sagt Kowalski. „Der Zuschauer nimmt nur noch Sportveranstaltungen an, die drei, maximal dreieinhalb Stunden dauern“, meint der Geschäftsführer der Leichtathletik-EM-GmbH. Also wollte er die Siegerehrungen auslagern. „Weil sie aber zum sportlichen Wettkampf gehören, brauchten wir ein Venue, das schnell erreichbar ist.“

Eine Fahrt mit U- oder S-Bahn vom Olympiastadion zum Breitscheidplatz dauert zwölf bis vierzehn Minuten. So entstand die Idee, Herz zwei der EM in der City West schlagen zu lassen. Wenn man so will, geht die Renaissance der Leichtathletik nun einher mit der Renaissance der City West. „Da sind die zwei neuen Türme, da ist das Bikini-Haus und natürlich dieses Symbol der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs, die Gedächtniskirche“, sagt Kowalski, während er hinüberschaut zu Berlins neuester Prestige-Architektur, den Hoteltürmen Upper West und Zoofenster, die hinter der Kirche in den Berliner Sommerhimmel ragen. 

Aber: Am 19. Dezember 2016 raste eine Sattelzugmaschine in den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz. Zwölf Menschen starben bei dem Terroranschlag. Die Energie des Platzes hatte sich an diesem Montagabend innerhalb weniger Minuten grundlegend verändert. Kowalski war damals in Berlin. Er sorgte sich um seine Mitarbeiter, für die der Weihnachtsmarkt ein Anlaufpunkt gewesen war. „Wir hatten eine WhatsApp-Gruppe. Da wurde schnell sichergestellt, dass es allen gut geht. Ganz Europa hat nachgefragt. Ganz Europa hat sich Sorgen gemacht um uns. Das waren sehr traurige Momente“, sagt Kowalski. Unvorstellbar, dass an diesem Platz, an dem Herzen zu schlagen aufhörten, andere außer Takt gerieten, knapp zwei Jahre später das Doppelherz der EM schlagen könnte. „Aus Pietätsgründen“, wie Kowalski sagt, hätten er und sein Team das EM-Konzept für den Platz zunächst verworfen. 

Ein halbes Jahr nach dem Anschlag bekannte der Berliner Diskus-Olympiasieger von 2016, Christoph Harting, er habe Bauchschmerzen bei dem Gedanken, die Siegerehrungen der EM am Breitscheidplatz abzuhalten. Mittlerweile glauben die meisten, es sei der perfekte Ort.

Kowalski sagt, er könne Hartings Haltung von damals absolut verstehen. Aber es habe nicht lange gedauert „bis wir von den Behörden und von der Politik in Berlin bestärkt wurden, das Konzept dennoch durchzuführen“. Neben dem Senat wurde die Europäische Union zum Partner der Doppelherz-Idee. „Wir spüren jetzt in der Reflexion der Europäer: Durch diesen Anschlag ist die Symbolik dieses Ortes noch größer, als sie vorher war, es war ja ein Anschlag auf unsere Gesellschaft“, sagt Kowalski. „Jetzt hier dieses Europafest zu implementieren, erzielt viel Aufmerksamkeit. Einige internationale Partner denken sogar, wir hätten die Europäische Meile extra wegen des Anschlags hier stationiert.“

Klaus-Jürgen Meier, Vorstandsvorsitzender der AG City, hat am 19. Dezember 2016 den Terroranschlag selbst miterlebt. Kann der Breitscheidplatz ein angemessener Ort für EM-Feiern sein? Er sagt: „Es ist der Hammer! Am Tag nach dem Anschlag kamen die Reinickendorfer Hausfrauen und haben dort Blumen abgelegt. Sie haben gesagt: ,Wir lassen uns nicht unterkriegen.‘ Das ist eben Berlin.“ 

Die Diskussion um eine Feiermeile auf dem Breitscheidplatz wurde in der Stadt vergleichsweise leise geführt. Bereits im Mai diesen Jahres fand das Fußball-Fanfest zum Pokalfinale auf dem Breitscheidplatz statt. Europameister David Storl beteuert, er sei begeistert darüber, dass die Qualifikation im Kugelstoßen in der City stattfinde. Und Robert Harting, der Berliner Diskus-Olympiasieger von 2012, dessen Silhouette nachts auf dem weißen Turm des Upper West werbend über dem Areal leuchtet, findet: „Es muss weitergehen. Traditionelle Orte dürfen gerne Zeitphänomene von heute annehmen. Sie stellen Kontrast und Kontext dar und beleben vergessene und vergangene Momente.“ 

Am Kudamm, schon immer Berlins Zentrum von Lebenslust und Handel, wie der AG-City-Chef Meier betont, sei das „einzig Sichere die permanente Veränderung“. So flitzten etwa während der Wiederaufbaujahre im heutigen Bikini-Haus Nadeln von 700 Nähmaschinen über die Stoffbahnen, um Konfektionsmode zu produzieren. In der Nachwende-Zeit, als zunächst andere Stadtquartiere in Mitte, Prenzlauer Berg oder am Potsdamer Platz saniert, poliert, gentrifiziert wurden, sorgten zwischen Breitscheidplatz und Bahnhof Zoo Ramsch- und Souvenirläden, Sexshops, Pfandleiher sowie eine Menge beschmierter Beton für ein Schmuddelimage. Mit dem Bikini-Haus als Konzept-Mall sowie den Hochhaustürmen samt Roof-Top-Bars schlägt das Pendel zurück. Die City West ist wieder trendy. „Hier flaniert Berlin“, lautet ihr Slogan.

Frank Kowalski, der EM-Chef, der so kurz vor der Eröffnungsfeier von Termin zu Termin hetzt, muss sich mal setzen. Er hat sich im Schatten des Bikini-Hauses Wasser und Kaffee bestellt. Das Gesamtbudget der EM liegt nun bei 33 Millionen Euro. Davon finanziert der Berliner Senat 13 Millionen. Haupteinnahmequelle der EM-GmbH ist neben dem Marketing und der Vermarktung von Lizenzen das Ticketing. „Wir haben jetzt schon mehr Tickets verkauft als die letzten drei Europameisterschaften zusammen – 270 000“, sagt Kowalski. „Wir hoffen, dass wir auf eine schwarze Null kommen.“

Mit dem sensiblen Thema Anschlag wollen sie am Breitscheidplatz sorgsam umgehen. Die blaue Bahn wird dort unterbrochen, wo der Goldene Riss verläuft. Es wird einen Raum der Stille in der Gedächtniskirche geben, einen ökumenischen Gottesdienst. „Letztlich sollte man das Thema nicht überstrapazieren, sondern respektvoll damit umgehen“, sagt Kowalski.

Und so sendet das Fernsehen von heute an unterhaltsame Bilder aus dem Olympiastadion und vom Breitscheidplatz. Millionen Menschen in Europa schauen zu. Da passt es ins Konzept, dass die EM in die European Championships integriert worden ist: Zeitgleich zu den Wettkämpfen in Berlin finden in Glasgow Europameisterschaften im Schwimmen, Rudern, Triathlon, Golf, Bahnradfahren und Turnen statt. Wenn alles klappt, wie es sich die Marketingleute vorstellen, setzt sich der Facettenreichtum der olympischen Sommersportarten im Fernsehen eine Woche lang gegen die immer ödere Allmacht des Fußballs durch. „Die European Championships sind für uns ein Geschenk, weil wir hier die Möglichkeit haben, das neue Veranstaltungsformat zu präsentieren“, sagt Kowalski.

Verständlich, nachvollziehbar, spannend, so soll Leichtathletik rüberkommen. Mit Laserlinien, die im Stadion die Sätze beim Weit- und Dreisprung anzeigen etwa. Und wie beim Skispringen warten die schnellsten Läufer in einer Leaderbox, bis sie bei den Vorläufen von noch schnelleren abgelöst werden. 

Das Internationale Fernsehzentrum wird in Berlin koordiniert. Auf der Dachterrasse des Bikini-Hauses ist eine fest installierte Kamera allzeit bereit für den Beauty Shot. So nennen sie im Fernsehjargon das erste Anreißer-Bild mit Wiedererkennungswert. Dieses Mal steht nicht das Brandenburger Tor für Berlin, sondern die Arena am Breitscheidplatz mit dem verhüllten Glockenturm samt Gedächtniskirche und den zwei neuen Wolkenkratzern. 

Drei Großbildschirme übertragen die Wettbewerbe aus dem Olympiastadion live und kostenfrei in die Innenstadt. Ab 22 Uhr moderiert der Fernsehmann Cherno Jobatey die Golden Hour mit Gästen und Livemusik, ehe die Siegerehrungen ab 22.45 Uhr mit den Stadionbesuchern stattfinden, die angereist sind. Frank Kowalski wünscht sich, dass die Leute abends „nach Hause gehen und sagen: Wow, das habe ich nicht erwartet. Sie sollen nicht zufrieden sein, sie sollen begeistert sein.“ 

Wobei die Stimmung in der Stadt stark von den Erfolgen deutscher Athleten abhängen wird. „Stimmt“, sagt Kowalski, „entscheidend ist der Sport. Aber ich denke, wir holen am ersten Tag schon zwei, drei Medaillen.“ Für das Projekt Doppelherz wäre das ein idealer Start. 

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