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Läuft die 100 Meter in 10,24 Sekunden: Kevin Kranz (2.v.l.) beim 100-Meter-Lauf der Deutschen Meisterschaft im Juli 2018 in Nürnberg.
Leichtathletik-EM
Sport

Kevin Kranz, der Senkrechtstarter

Von Timur Tinç
06:24

Eigentlich wollte Kevin Kranz vor eineinhalb Jahren seine Spikes an den Nagel hängen. Die Lust auf die 100 Meter waren ihm wegen ständiger Schmerzen vergangen. „Nach Sprüngen ist meine Wade immer zugegangen“, erzählt der gebürtige Frankfurter vom Sprintteam Wetzlar. Trotz seines Talents und einer Zeit von unter elf Sekunden war die Motivation dahin, eine Lösung war nicht in Sicht – bis er im März 2017 David Corell kennenlernte, den Sprinttrainer des Hessischen Landesverbandes (HLV). 

Der 25-jährige Sportwissenschaftler lud ihn in den Landeskader ein und krempelte kurz darauf das komplette Trainingsprogramm von Kranz um. „Ich lasse die Sprünge weg und trainiere weniger als davor. Das ist viel sinnvoller“, sagt Kranz. Das belegt seine unglaubliche Steigerung in den vergangenen 18 Monaten. Er verbesserte seine persönliche Bestzeit von 10,96 um mehr als sieben Zehntel und stieß vor zwei Wochen in Nürnberg vollkommen überraschend Julian Reus mit 10,28 Sekunden vom Sprintthron. Der gebürtige Hanauer, der für den Erfurter LC an den Start geht, holte den nationalen Titel zuletzt fünfmal in Folge und hält mit 10,01 Sekunden den Deutschen Rekord. 

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg für Kevin Kranz, der bei der am heutigen Montag startenden Leichtathletik-Europameisterschaft (6. bis 12. August) in Berlin zum ersten Mal die internationale Bühne betritt. „Ich versuche, mein Bestes zu geben. Mal gucken, wie es da so zugeht“, sagt Kranz in seiner gewohnt nüchternen Art vor seinem ersten Lauf am Nachmittag im Olympiastadion. 

Den 20-Jährigen scheint nichts aus der Ruhe zu bringen. Während andere nervös herumtrippeln oder sich auf die Brust klopfen, hockt Kranz meist teilnahmslos auf seinem Startblock. „Ich bin sehr entspannt. Ich versuche immer, an gar nichts zu denken“, erklärt Kranz, der im September vergangenen Jahres ein duales Studium in der Polizeifördergruppe begonnen hat. Auch Trainer Corell ist von Kranz‘ Ruhe beeindruckt. „Es ist unglaublich, wie Kevin mit Drucksituationen umgehen kann. Er soll einfach so bleiben.“

Kevin Kranz, der sich Ende 2017 dem Sprintteam Wetzlar angeschlossen hat, ist erst spät zur Leichtathletik gekommen. Zunächst spielte er beim Frankfurter Stadtteilverein SG Praunheim Fußball, bis er keine Lust mehr hatte. Erst mit 15 blieb er nach einem zweiten Probetraining bei der LG Eintracht Frankfurt bei der Leichtathletik. „Am Anfang habe ich ziemlich viel durchprobiert“, sagt Kranz. Beim Kugelstoßen sei er ziemlich schlecht gewesen, die Hürden waren nach mehreren Stürzen auch nicht das Richtige. Also blieb nur noch der Sprint, denn schnell war der 1,80-Meter große und 68 Kilogramm schwere Athlet schon immer.

Im Mai 2015 lief Kranz die 100 Meter mit 10,96 Sekunden erstmals unter elf Sekunden, ehe die Probleme mit der Wade begannen. „Die meisten Athleten hier sind von Grund auf so talentiert, dass sie ein gezieltes Training brauchen, um ihr Talent nicht zu limitieren“, erklärt Corell, der die besten hessischen Athleten an der Sportanlage Hahnstraße in Frankfurt-Niederrad trainiert. Der junge Übungsleiter arbeitet bei Kranz mit qualitativ hohen Reizen und reduzierte die Übungen auf ein Minimum.

„Manchmal machen wir eine Schnelligkeitseinheit mit drei Sprints, und der Kevin geht dann nach Hause“, sagt Corell. Er orientiert sich bei den Trainingsmethoden vor allem an den USA und erklärt es mit der Muskelzusammensetzung der Sprinter. „Es ist wichtig die Schnellzugmuskulatur anzusprechen.“ Die könnten in sehr kurzer Zeit, sehr hohe Leistung verrichten. „Wenn ich mehr Training mache, schaltet sich die Langzugmuskulatur ein. Die will ich aber nicht trainieren.“ Statt den Oberschenkel zu belasten, wird fast nur der Beinbeuger und der Hintern trainiert. „Da ich auch meine Technik umgestellt habe und fast nur über Zug laufe, der über den Beuger geht, ist meine Leistung auch besser geworden“, sagt Kranz.

Nach nur knapp zwei Monaten unter den Fittichen von Corell sprintete Kranz im Mai 2017 eine 10,71, drei Monate später im August folgte eine 10,50. Und in diesem Jahr steigerte er seine Persönliche Bestleistung im Frühjahr gleich mehrfach und landete bei der Deutschen U23-Meisterschaft in Heilbronn Ende Juni bei 10,24 Sekunden. Knapp am Hessischen Rekord (10,22 Sekunden) von Michael Pohl (Sprintteam Wetzlar) vorbei, der für die EM aufgrund von Schmerzen in der Leisten- und Schambeingegend passen musste.

„Kevin ist immer noch ein sehr unfertiger Athlet“, sagt Corell. Konditionell und körperlich sei er noch nicht ausgereift, auch wenn er sich schon verbessert habe. Die 200 Meter sind deshalb auch kein Thema für Kranz. Das gleiche gilt für die Technik. Vor allem auf den letzten 40 Metern habe er noch Potenzial. „Kevin muss mehr vor dem Körper laufen. Aktuell fällt er hinten die Fersen.

Der Kniehub fehlt, und er ist noch nicht symmetrisch“, analysiert der Fachmann. Die linke Seite laufe deutlich schlechter als die rechte. „Er muss sich unter dem Körper treffen, er fängt an, abzusitzen.“ Wenn er das optimiert bekomme, habe er eine Zeit unter 10,20 Sekunden drauf.

Wo der Weg von Kevin Kranz hinführt? Da will Corell keine Prognose abgeben. „Es gab schon immer Athleten, die in dem Alter gut waren. Jetzt ist die Herausforderung für die nächsten fünf Jahre, ihm jedes Jahr fünf Hundertstel abzunehmen.“ Dann wäre Kranz unter der magischen Zehn-Sekunden-Marke. „Es ist auf jeden Fall ein großes Ziel“, sagt der Athlet dazu. „Mein nächstes Ziel ist es, erstmal unter 10,20 Sekunden zu laufen.“ 

Vielleicht gelingt ihm das schon in Berlin.

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