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Peilt eine Medaille an: Zehnkämpfer Arthur Abele.
Leichtathletik-EM
Sport

„Man kann den Russen nicht trauen“

Von Max Bosse
06:48

Im Dezember wachte Arthur Abele auf und dachte, er habe in der Nacht einen Schlaganfall erlitten. Sein Gesicht war gelähmt. Später stellte sich heraus, dass ein Infekt den Nerv hinterm Ohr außer Gefecht gesetzt hatte. Sein zweijähriger Sohn hatte die Erkrankung aus der Kita mitgebracht, die dem Vater auf die linke Mandel schlug und dann über den Kiefer hinter das Ohr wanderte. 

Um zu testen, ob die Gesichtslähmung von Zehnkämpfer Arthur Abele bleibende Schäden hinterlassen hat, reicht die Nennung von zwei Namen. Niklas Kaul und Ilja Schkurenjow. Bei dem ersten Namen formt sich ein freudiges Grinsen, das breiter nicht sein kann. „Ja, Wahnsinn, krass. Dann wird es spaßig, definitiv“, freut sich Abele, als er erfährt, dass der 20-jährige Kaul den Platz des an der Leiste verletzten Kai Kazmirek im deutschen Mehrkampfteam einnimmt. Bei der Nennung des zweiten Namens hingegen zeigt sich, dass Abeles Gesichts auch was negative Empfindungen angeht, nichts von seiner Ausdrucksstärke verloren hat. Dass Schkurenjow ebenfalls dabei sein wird, wenn sich die Zehnkämpfer am Dienstag und Mittwoch im Olympiastadion treffen, um den Europameister zu küren, ärgert den 32-Jährigen.

Russische Athleten dürfen mit Ausnahmegenehmigung starten

Schkurenjow ist einer von 30 gemeldeten Russen bei der EM, die unter neutraler Flagge starten. Hintergrund ist der Ausschluss des russischen Verbands wegen der Dopingpraktiken in den vergangenen Jahren. Wie schon bei der WM im vergangenen Jahr dürfen russische Athleten teilnehmen, wenn sie eine Ausnahmegenehmigung erhalten haben. 

„Ich bin froh, Teil des IAAF-Programms zu sein, russische Athleten wieder einzubeziehen“, sagt Svein Arne Hansen, der Präsident des europäischen Leichtathletik-Verbands (EAA), über das Vorgehen des Weltverbands. „Wir haben vor den Olympischen Spielen in Rio eine sehr gute Entscheidung getroffen, sie nicht als russischen Verband teilnehmen zu lassen. Weil sie zuvor offensichtlich alle Regeln gebrochen haben.“

Bevor die russischen Anti-Doping-Agentur nicht wieder in die Welt-Anti-Doping-Agentur aufgenommen wird und internationalen Kontrolleuren Zugang zu Proben im Moskauer Labor gewährt wird, darf Russland kein eigenständiges Team stellen. Für 74 Sportler wurden aber Ausnahmen bewilligt. Allerdings wurde das Vertrauen gleich wieder gestört: Im Mai verloren fünf russische Geher ihre Starterlaubnis, weil sie die Dienste des lebenslang gesperrten Trainers Wiktor Tschegin in Anspruch genommen hatten. 

Und kurz vor EM-Beginn wurde auch Hochsprung-Hallen-Weltmeister Danil Lyssenko aus der Teilnehmerliste gestrichen. Er hatte seinen Aufenthaltsort mehrfach nicht an die Kontrolleure gemeldet. „Das zeigt leider, dass sie noch einen weiten Weg vor sich haben, bis wir sie wieder mit der Fahne akzeptieren“, sagt Hansen. Trotzdem traut er denen, die nun in Berlin dabei sind. „Jeder Mann und jede Frau, die das Podium erreicht, hat eine Medaille verdient“, sagt er.

Zehnkämpfer Abele hingegen glaubt nicht an die vermeintlich doppelte Kontrolle. „Man kann den Russen nicht trauen. Das hat man ja in den Berichten in der ARD gesehen. Da ist doch auch irgendwas im Busch. Mich würde es nicht wundern, wenn da auf lange Sicht wieder was hochkommt. Es wurden ja auch Athleten wieder zurückgezogen“, sagt Abele. Zu Schkurenjow, mit dem er sich nun in Berlin messen wird, hat er eine besondere Beziehung. „Als ich in Prag 2015 in der Halle Vizeeuropameister geworden bin, hat er gewonnen. Er musste damals nicht zur Dopingkontrolle, ich schon. Das war ganz kurios. Ich hatte im Vorfeld fünf Kontrollen und dann bei der EM noch eine.“

Hansen verweist darauf, dass die zugelassenen Athleten das gleiche Programm durchlaufen haben wie die deutschen und auch alle anderen Starter. Was jedoch an Aussagekraft verliert, wenn man bedenkt, dass auch 18 deutsche EM-Teilnehmer in dieser Saison zunächst nicht getestet wurden, weil sie nicht im Bundeskader und somit im Kontrollpool waren. Denn um die Startberechtigung bei einer EM zu erhalten, müssen keine Tests nachgewiesen werden. 
Erst Ende Juli hat der Weltverband entscheiden, dass sich Athleten aus sogenannten Hochrisikoländern wie Kenia, Äthiopien, Ukrainie und Weißrussland in den zehn Monaten vor internationalen Großereignissen mindestens drei Test außerhalb von Wettkämpfen unterziehen müssen. Andere nationale Verbände müssen der IAAF nur Rechenschaft über ihre Antidopingbemühungen ablegen.

„Es ist leider so, dass die, die eigentlich nicht starten sollten, doch dabei sind“, sagt Abele. Aber er will sich davon die Laune nicht kaputt machen lassen. Eigentlich ist der Zehnkämpfer aus Ulm ja einer, der nicht jammert und schimpft. Einer, der sich von Problemen nicht aus der Bahn bringen lässt. 

Nach der Gesichtslähmung musste er Kortison nehmen, nahm fünf Kilogramm zu, deswegen streikte die Achillessehne. Also war Aquajoggen angesagt und Alternativtraining. „In einer Verletzungsphase arbeiten wir an den Schwächen und trainieren viel mehr, als wenn wir gesund sind“, sagt er. Im Olympiastadion peilt er eine Bestleistung an. „Mit 8 600 Punkten hat man meines Wissens noch nie keine Medaille gekriegt bei einer Europameisterschaft“, sagt er. „Ich werde es genießen und die Energie vom Stadion aufsaugen.“ 

Nur der Titel, der ist wohl nicht zu erreichen, der Franzose Kevin Mayer ist zu stark. „Er hat das Potenzial, den Weltrekord anzugreifen. Vielleicht schon jetzt bei der EM. Er hat eine Form des Grauens. Es ist wirklich irre“, sagt Arthur Abele. Das meint er anders als bei Schkurenjow ganz im positiven Sinn.

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