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Serena Williams lässt den Schläger ihre Wut spüren.
Kommentar Serena Williams
Sport

Völlig entglitten

Von Timur Tinç
06:38

Carlos Ramos hätte es sich einfach machen können. Er hätte Serena Williams zu sich bitten und ihr mitteilen können, dass er gerade ihren Trainer Patrick Mouratoglou beobachtet habe, wie der versucht habe sie zu coachen, und sie ihm bitte sagen solle, das sein zu lassen. Das Coachen während der Grand-Slam-Turniere ist laut den Tennisregeln unsinnigerweise verboten, was aber ständig ignoriert wird. Das weiß der erfahrene portugiesische Schiedsrichter natürlich, der schon mehrfach Spiele von Rafael Nadal geleitet hat, dessen Onkel Toni fast jeden Punkt mitcoacht. Ob der Spieler will oder nicht. 

Serena Williams hat in der 22 547 Zuschauer fassenden Arthur-Ashes-Arena in New York nicht einmal mitbekommen, dass Mouratoglou ihr mit einer Geste einen Tipp gab. Außerdem hat sie in ihrer ganzen Karriere noch nie während eines Spiels Gebrauch vom Coaching gemacht, wenn es erlaubt ist. Rein regeltechnisch hatte Ramos zwar vollkommen recht, aber mit ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl hätte er mit einem kleinen Wink und einer kurzen Ermahnung im Vier-Augen-Gespräch einen der denkwürdigsten und gleichzeitig unwürdigsten Auftritte in der jüngeren Geschichte bei den US-Open verhindern können. 

Williams sieht sich als Opfer von Sexismus

Serena Williams verlor kurze Zeit später die Beherrschung, zertrümmerte ihren Schläger, beleidigte den Schiedsrichter, kassierte daraufhin weitere Strafen und rastete dann völlig aus. Die 36-Jährige sah sich als Opfer von Sexismus und bekräftigte später auch noch mal in der Pressekonferenz, dass sie weiter für Frauenrechte kämpfen werde. („Er hat niemals einem Mann ein Spiel weggenommen, wenn er Dieb zu ihm gesagt hat.“) Mit dieser Aussage ist sie über das Ziel hinausgeschossen, bekam aber von vielen Seiten Unterstützung. Ex-Tennisprofi Andy Roddick twitterte: „Ich habe bedauernswerterweise Schlimmeres gesagt, aber nie eine Spielstrafe erhalten.“ Ramos muss es sich trotzdem nicht gefallen lassen, beleidigt zu werden – egal ob von Mann oder Frau.

An diesem heißen Sommerabend in New York gab es letztlich nur Verlierer. Am bemitleidenswertesten war die Finalsiegerin Naomi Osaka, die als erste Japanerin überhaupt einen Grand-Slam-Titel gewonnen hat. Die 20-Jährige stand vollkommen verloren auf dem Podium, entschuldigte sich mit Tränen in den Augen dafür, gegen ihr großes Idol gewonnen zu haben. Die US-amerikanische Verbandspräsidentin Katrina Adams ergriff bei der Siegerehrung unverblümt Partei, das sei nicht das Ende, auf das man gehofft habe. So etwas gehört sich nicht. Immerhin zeigte sich Serena Williams in diesem Moment als große Sportsfrau. Die 23-fache Grand-Slam-Siegerin forderte das Publikum auf, die Buhrufe zu unterlassen – mit Erfolg.

Mit einem etwas weniger kleinlichen Schiedsrichter und einer etwas weniger aufbrausenden Serena Williams hätte es ein unvergessliches Tennismatch werden können. Leider ist es völlig entglitten.

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