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Eine Air France-Boeing 777-300 landet auf dem Flughafen Charles de Gaulle bei Paris.
Air France
Wirtschaft

Ein Kanadier in Paris

Von Stefan Brändle
20:50

Die Ankündigung mitten im Urlaubsmonat August hätte auch unbemerkt durchgehen können. Doch die Vertreter der 51.000 Angestellten von Air France reagierten prompt und geharnischt. Der Verwaltungsrat von Air France-KLM hatte zuvor die Nominierung von Benjamin Smith zum neuen Konzernchef bekanntgeben. Der 46-jährige Kanadier ist derzeit Nummer zwei des operativen Geschäftes von Air Canada und soll seinen neuen Posten Ende September antreten. Er ist der erste Nichtfranzose an der Spitze der traditionsreichen Gesellschaft, die 2003 mit der niederländischen KLM fusioniert hatte. Und diese Nominierung geht in Paris nicht durch. „Um die 85 Jahre Bestand von Air France zu feiern, ernennt das Unternehmen einen Nordamerikaner!“, entrüstet sich die Gewerkschaft Force Ouvrière (FO). Die führende Pilotengewerkschaft SNPL lehnt die Nominierung eines „ausländischen Kandidaten“ ebenfalls ab.

Dass die Sozialpartner ihren Boss künftig mit dem für Franzosen schwierigen „th“ in „Smith“ ansprechen müssen, ist noch das Geringste. FO behauptet, der Kanadier sei vor allem von Delta Airlines ins Spiel gebracht worden. Die amerikanische Airline hält wie China Eastern 8,8 Prozent an Air France-KLM.

Unterstützt wurde der „Sanierer“ Smith sicherlich von der Regierung in Paris, die 14,3 Prozent an der französischen Fluggesellschaft hält, sowie von den niederländischen Partnern, die seit langem auf eine Sanierung des französischen Carriers pochen. Denn Air France geht es schlecht. Ein wochenlanger Streik im Juli führte zur Annullierung von 240 Flügen und Verlusten von über 300 Millionen Euro. Dass sich das Betriebsergebnis des ersten Halbjahres einigermaßen in Grenzen hielt, „verdankt“ Air France der französischen Bahn, die gleichzeitig streikte, weshalb viele Kunden auf Inlandsflüge auswichen.

Strukturell leidet Air France seit Jahren unter der Konkurrenz des Hochgeschwindigkeitszuges TGV, der Lowcost-Anbieter und der Golf-Airlines. Dagegen zeigt sich die einst so stolze Fluglinie, die nach ihrer Fusion mit KLM umsatzmäßig die größte Europas war, seit Jahren machtlos. Die Konzernleitung macht die Belegschaft für den Niedergang verantwortlich: Sie hatte noch im Mai einen Sparplan an den Urnen abgelehnt, was zum Rücktritt des Firmenchefs Jean-Marc Janaillac führte.

Versuche, die Pilotengehälter – die einiges höher als bei Lufthansa liegen – einzudämmen, scheiterten am Ego von Philippe Evain, dem mächtigen Boss der Pilotenverbandes SNPL. Er wirft der Konzernleitung aus Pariser Staatsfunktionären Blindheit vor. Den „Ausländer“ Smith lehnt er aber gleichermaßen ab, da dieser bei Air Canada und zwei Tochterfirmen Lowcost-Modelle durchgesetzt hatte. Die Gewerkschaft CGT, aber auch konservative Politiker zeigen sich zudem „schockiert“ über Smiths Gesamtsalär, das inklusive der üblichen Boni 3,3 Millionen Euro im Jahr erreichen soll – dreimal mehr als die Einkünfte von Vorgänger Janaillac.

Das sind nicht die besten Voraussetzungen für einen Konzernchef, der vor allem die Fix- und Gehaltkosten senken soll. Die CGT verlangte am Freitag eine generelle Lohnerhöhung um sechs Prozent; andernfalls droht sie mit einem neuen Streik. Erstmals seit langem könnten nun auch die holländischen Piloten die Arbeit niederlegen. Sie fordern mehr Ruhezeiten und neue Piloten.

Smith wird sich mit den sozialen Gepflogenheiten bei Air France-KLM – 2015 waren dort nach einem Personaltreffen mehreren Direktoren die Hemden vom Leib gerissen worden – anfreunden müssen. Die Märkte scheinen die Erfolgschancen des Kanadiers skeptisch zu sehen: Die Aktie stürzte gestern fast fünf Prozent ab.

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