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Apple ist eine Billion Dollar wert.
Apple
Wirtschaft

Der Billionenkult um Apple

Von Stephan Kaufmann
14:10

Apple hat es geschafft. Nachdem die Aktie am Donnerstag in den Vereinigten Staaten auf 207 Dollar gestiegen war, ist das Unternehmen eine Billion Dollar wert. Damit ist Apple das größte Unternehmen der Welt und wohl die teuerste Aktiengesellschaft, die je existiert hat. Aktionäre jubeln, und Marketingexperten preisen die genialen Produkte, denen Apple seinen Erfolg verdankt. Immer mehr Ökonomen fragen sich allerdings, ob der Aufstieg derartiger Superstar-Firmen gut für die Wirtschaft ist.

Vor 40 Jahren kam Apple in einer Garage im kalifornischen Silicon Valley auf die Welt. Firmengründer Steve Jobs verließ das Unternehmen im Streit 1985, zwölf Jahre später stand Apple vor dem Bankrott. Jobs kehrte zurück, reduzierte radikal die Produktpalette, entließ einen großen Teil der Belegschaft und brachte in den Folgejahren Verkaufsschlager wie den iMac, den iPod, das iPad auf den Markt – und vor allem das iPhone, das noch heute den Umsatz trägt. Mit dem Smartphone und seinem Touchscreen, dem eingebauten Musik-Player, dem Webbrowser und Email-Client begann eine neue Zeit, die eine ganze App-Industrie gebar. Seit 2007 sind 1,4 Milliarden iPhones verkauft worden. 

Apple ist eine gigantische Profitmaschine

Unter Jobs kombinierte Apple innovative Produkte, eine ausgefeilte Marketing- und Vertriebsstrategie mit der Auslagerung der Produktion in Billiglohnländer. Als er 2011 starb, war Apple an der Börse mit 350 Milliarden Dollar bewertet, heute sind es fast dreimal so viel. Hauptgrund: Apple ist eine gigantische Profitmaschine. Allein zwischen April und Juni verdiente sie elf Milliarden Dollar, fast ein Drittel mehr als vor einem Jahr. Je Mitarbeiter machten die Kalifornier 2017 mehr als 500.000 Dollar Gewinn. Hierzulande kommt eine Firma wie BMW auf gerade mal 95.000 Dollar. Relativ geringe Kosten machen Apple extrem profitabel: Von jedem eingenommenen Dollar blieben zuletzt knapp 27 Cent als Gewinn hängen. Von solchen Margen träumt die Aktienwelt.

In die Höhe gehebelt werden die Gewinne von Apple auch durch seine Steuervermeidungsstrategie, die die EU-Kommission erbost. „Der Hauptgrund, warum Apple als erstes Unternehmen eine Marktkapitalisierung von einer Billion erreicht hat, ist, dass es fast keine Unternehmenssteuer zahlt“, schimpfte der belgische Ökonom Paul de Grauwe via Twitter. „Apples Aktionäre sollten sich für ihren Reichtum bei den Regierungen bedanken.“

Aber nicht nur die Regierungen, auch Apple selbst füttert seine Aktionäre. Diverse Dividendenrunden und Aktienrückkaufprogramme ließ sich der Konzern allein in den letzten sechs Jahren 275 Milliarden Dollar kosten. Und es wird noch mehr: Durch die neue US-Steuersenkung wird der Konzern einen Teil seines gigantischen Auslandsvermögens von über 250 Milliarden Dollar wohl in die USA transferieren, um dort weitere Papiere zurückzukaufen und so den Kurs zu stützen.

Der Aufstieg von Apple spiegelt eine breitere Entwicklung wider, die Ökonomen zunehmend Sorgen macht: die Konzentration von wirtschaftlicher Macht. In den Siebzigerjahren erzielten 109 Unternehmen 50 Prozent der Gesamtgewinne aller US-Aktiengesellschaften, errechnet eine Studie der Universitäten Arizona und Ohio. Heute sind es nur noch 30 Konzerne, die die Hälfte des Gewinns einstreichen. „Eine kleine Gruppe von Riesenunternehmen dominiert die Wirtschaft der Vereinigten Staaten“, schreibt Matt Phillips in der „New York Times“. 

Dieses Jahr standen nur fünf Konzerne – Apple, Amazon, Microsoft, Facebook und Alphabet – für etwa die Hälfte der gesamten Kursgewinne des US-Aktienindex S&P 500. An ihnen hängt der Markt. Und auch die Technik: Apple und Google stellen laut Phillips weltweit die Software für 99 Prozent aller Smartphones. Amazon dominiert das Online-Shopping, und in der Online-Werbung ist die Macht von Facebook und Google so groß, dass das Bundeskartellamt eine Sonderuntersuchung des Sektors angeordnet hat.

Zwar stehen Apple & Co. für technologischen Fortschritt. Ihre Macht jedoch könnte den Fortschritt behindern oder gar bremsen, fürchtet Nobelpreisträger Kenneth Rogoff. „Für junge Firmen könnte es unmöglich geworden sein, sich gegen die Giganten durchzusetzen“, so der US-Ökonom. Dank ihrer riesigen Finanzreserven, ihrer Armeen von Programmierern und Rechtsanwälten sei es den Hightech-Riesen möglich, jeden Neuling aufzukaufen oder auszuschalten, der ihre Gewinnmargen bedrohe. 

Ökonomen messen wirtschaftliche Macht von Unternehmen zum Beispiel an ihrer Fähigkeit, hohe Preise durchzusetzen. Jan de Loecker und Jan Eeckhout vom University College in London haben die Geschäftszahlen von 70.000 Firmen in 34 Ländern daraufhin untersucht, ob sie Preise deutlich über ihren Kosten verlangen können. Ihr Ergebnis: Zwischen 1980 und 2016 hätten sich die Preisaufschläge insbesondere in Nordamerika, Europa und Asien stark ausgeweitet. „Wenn Firmen sich Marktmacht aneignen“, so die Ökonomen, „dann können sie höhere Preise verlangen. Das führt zu einer Umverteilung der Ressourcen von Arbeitnehmern und Verbrauchern zu den Eigentümern der Firmen“, sprich: zu den Aktionären.

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