© Margarete Klenner, FR
Der Chef, Lasse Rheingans, findet sein Arbeitszeitkonzept richtig gut.
25-Stunden-Woche
Wirtschaft

Mehr Freizeit - aber auch mehr Stress

Von Annika Leister
13:18

Die einen halten Lasse Rheingans für einen mutigen Visionär, andere sehen in ihm einen durchtriebenen Ausbeuter. Rheingans spaltet die Welt mit einer Idee, die er zum Test vor einem halben Jahr in seiner Bielefelder Agentur Digital Enabler eingeführt hat: die 25-Stunden-Woche für seine gesamte Belegschaft. Fünf statt acht Stunden pro Tag arbeiten seine Angestellten jetzt, ab 13 Uhr soll das Büro leergefegt sein – dabei erhalten sie aber nach wie vor dasselbe Gehalt.

An tragfähigen Konzepten der Arbeitszeitverkürzung feilen Ökonomen und Soziologen schon lange in der Theorie. Denn wenn Roboter erst richtig Einzug halten in Unternehmen und viele Jobs von Computerprogrammen übernommen werden, dann soll die wenige Arbeit, die noch für den Menschen bleibt, klüger verteilt werden. Alle sollen dann auf Teilzeit umstellen, so die Vorstellung, und zum Beispiel von einem Grundeinkommen leben. Verbunden ist diese Idee mit einer großen Utopie: Mehr Eigen- und Nächstenliebe, Selbst- statt Fremdbestimmung soll möglich sein, wenn wir erst weniger arbeiten.

Angestellte arbeiten schneller, nicht weniger

Rheingans hat sich eine eigene, sehr arbeitgeberfreundliche Version davon geschaffen: Denn die Angestellten des 37-Jährigen arbeiten gar nicht weniger. Sie arbeiten nur schneller. Ihr Pensum ist trotz reduzierter Stundenzahl dasselbe geblieben. 

„Die Kollegen kommen fünf Stunden zur Arbeit und machen leise und motiviert ihren Job“, sagt Rheingans. „Die nutzen die Zeit, um richtig Gas zu geben.“ Wer nicht in fünf Stunden fertig wird, bleibt länger. Überstunden werden ihm dann allerdings nicht angerechnet. Schließlich gelten die alten Verträge in der Testphase noch weiter – und nach denen wird ohnehin acht Stunden geschafft.

Im schnelllebigen Agenturgeschäft hat Rheingans die Geschwindigkeit so noch einmal erhöht. Den Output steigert sein Team durch optimierte Abläufe und der Verbannung von Zwischenmenschlichem vom Arbeitsplatz. Alle Zeitfresser wurden abgeschafft – zum Beispiel „Labermeetings“, wie Rheingans sie nennt, in denen es um Befindlichkeiten statt konkreter Lösungen geht. Auch der Chat, über den die Kollegen sich vorher hin und wieder Scherze und lustige Bilder schickten, schweigt jetzt meist. Neue, digitale Tools wurden eingeführt, andere abgeschafft. „Zum Teil sind wir zurückgekehrt zum analogen Gespräch Face-to-Face – weil es Probleme manchmal rascher klärt.“

Nach Rheingans’ Aussage waren seine Mitarbeiter „tierisch begeistert“ bei der Vorstellung der Idee und stimmten der Umstellung geschlossen zu. Aber was halten sie nach der halbjährigen Praxisphase davon? Rheingans vermittelt Projektmanagerin Jana Burdach zum Gespräch, die seit vier Jahren bei Digital-Enabler angestellt ist. Ihr selbst falle es leicht, unter Stress zu arbeiten, sich „in den Tunnel“ zu begeben und Aufgaben nahtlos hintereinander wegzuarbeiten. Für andere Leute sei das vielleicht schwieriger, gibt die 35-Jährige zu bedenken. Auch die Entwickler im Team, die auf Probleme oft kurzfristig reagieren müssen, hätten größere Schwierigkeiten mit der Umstellung. Und: „Der Leistungsdruck steigt, stressiger ist es schon.“

Trotzdem würde sie sich auch heute wieder für den Fünf-Stunden-Tag entscheiden, sagt Burdach. Statt im Büro über Emails zu brüten, geht sie nachmittags jetzt länger mit ihrem Hund spazieren, hat einen Malkurs besucht und denkt über Klavierstunden nach. Frei von Arbeit bleibt ihre Freizeit aber nicht: Manchmal falle ihr beim Waldspaziergang eine gute Idee zu einem Projekt ein – die schreibe sie dann in Stichpunkten auf. Auch über ihre Zukunft in der Agentur denke sie jetzt viel häufiger nach. „Das habe ich früher nach einem Acht-Stunden-Tag eher vor mir hergeschoben“, so Burdach. 

Arbeitnehmervertreter wie Anke Unger vom Deutschen Gewerkschaftsbund in Bielefeld sehen Rheingans’ Konzept äußerst kritisch. Neben der Arbeitsverdichtung befürchtet sie eine zunehmende Vermischung von Arbeitszeit und Freizeit. Es bestehe die Gefahr, dass Angestellte am Ende statt weniger nur noch schneller, intensiver und sogar mehr arbeiten würden. 

Schnell werde außerdem suggeriert: Wer seine Arbeit nicht in fünf Stunden schaffe, der gebe sich eben nicht genügend Mühe – oder sei einfach nicht gut genug. „Der Arbeitgeber überträgt seine Verantwortung auf die Beschäftigten“, kritisiert Unger. „Das ist ein erheblicher Druck.“ Und was, wenn ein Mitarbeiter ein Kind bekomme oder privat Probleme habe – und deswegen eine Zeitlang nicht ab Punkt acht Uhr den Turboschalter umlegen könne, fragt die Gewerkschafterin. 

Eine gut geölte Maschine hat Rheingans aus seinem Unternehmen gemacht, in der kein Zahnrad haken soll. Seine Arbeitnehmer leisten ebenso viel, jetzt noch konzentrierter – und bilden sich auch noch in der Freizeit freiwillig weiter. Kein großes Wunder also, dass Rheingans selbst die Kurzarbeit für die „absolut richtige Variante“ hält. Den Test will er weiterführen. In Zusammenarbeit mit einer Universität sollen Vor- und Nachteile jetzt wissenschaftlich ausgewertet werden. Und wem das Konzept zu stressig ist, für den hat Rheingans eine ganz einfache Lösung parat: „Niemand zwingt die Menschen, bei mir zu arbeiten.“ 

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