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Hilfsangebote für Mitarbeiter machen inzwischen viele Arbeitgeber in Deutschland.
Arbeiten in der Krise
Wirtschaft

Hilfe, wenn alles zu viel wird

Von Nina Luttmer
11:04

Sarah Schreiber fühlte sich komplett ausgelaugt. Sie und ihr Mann hatten ein Haus im Taunus gekauft, ihr Mann renovierte es im Alleingang und hatte kaum noch Zeit für sie und die zwei kleinen Kinder. Deren Betreuung sowie die Hausarbeit blieben fast ausschließlich an Sarah Schreiber hängen. „Nebenbei“ hatten beide noch einen Vollzeitjob. Wenn sie überhaupt mal miteinander sprachen, gab es meistens Streit. „Wir standen kurz vor der Trennung. Wir waren beide so erledigt“, erinnert sich Schreiber. Sie heißt eigentlich anders, möchte aber nicht, dass Kollegen oder Nachbarn ihren Namen in der Zeitung lesen.

Schreiber suchte nach einem Ausweg – und fand diesen über ihren Arbeitgeber, die Deutsche Bank. Im Intranet – dem Onlineportal für die Mitarbeiter – stellt das Institut eine externe Beratungsstelle vor, die Mitarbeiter und auch deren Angehörige bei beruflichen oder persönlichen Problemen anonym und kostenlos kontaktieren können. Psychologen oder Psychotherapeuten sind rund um die Uhr über eine telefonische Hotline erreichbar. Die Beraterin, mit der Schreiber dann telefonierte, empfahl eine Eheberatung und vermittelte auch gleich den Kontakt zu einem Therapeuten. Die Deutsche Bank bezahlte dem Ehepaar – neben der telefonischen Beratung über die Hotline – fünf Therapiesitzungen. „Wir mussten bei dem Therapeuten nur etwas abzeichnen, eine Rechnung haben wir nie gesehen“, sagt Schreiber. 

Hilfsangebote für Mitarbeiter wie das der Deutschen Bank machen inzwischen viele Arbeitgeber in Deutschland. Die Angestellten und ihre Angehörigen sollen unterstützt werden, sei es bei Depressionen, Suchtthemen, Familienproblemen, Überschuldung oder Trauerfällen. Die Deutsche Bank fordert ihre Mitarbeiter im Intranet auch zur Unterstützung von Kollegen auf: „Nicht zuletzt sollten Sie die Berater ansprechen, wenn Sie den Eindruck haben, dass eine Kollegin oder ein Kollege dringend seelische Unterstützung braucht“, heißt es dort. 
Dabei wählen die Firmen ganz unterschiedliche Ansätze: Viele verlassen sich auf ihre Betriebsärzte, einige machen es wie die Deutsche Bank und arbeiten mit externen Dienstleistern zusammen, andere bieten direkt im eigenen Haus spezialisierte Hilfe an.

So wie die BASF in Ludwigshafen. Die Sozial- und Lebensberatung „LuCare“ ist Teil der BASF-Stiftung. „Wir sind damit rechtlich eigenständig und stehen zum Beispiel nicht in Verbindung zur BASF-Personalabteilung. Dadurch müssen sich Mitarbeiter überhaupt keine Sorgen machen, dass irgendetwas, was sie uns erzählen, ins Unternehmen gelangen könnte“, sagt Rainer Koppenhöfer, Leiter von „LuCare“. Die Räumlichkeiten der Sozial- und Lebensberatung in Ludwigshafen sind integriert in das Mitarbeiterzentrum für Work-Life-Management („LuMit“) und liegen außerhalb des Werksgeländes; dadurch können auch Angehörige von Mitarbeitern und ehemalige BASF-Angestellte sie problemlos erreichen und in Anspruch nehmen. 17 Mitarbeiter – Sozialarbeiter und Sozialpädagogen – sind bei der BASF-Stiftung beschäftigt, ab September kommen noch drei weitere hinzu. Die meisten haben besondere Schwerpunkte und Zusatzausbildungen, etwa zum Thema Sucht oder Pflege, zwei sind ausgebildete Schuldnerberater.

Das Angebot wird rege wahrgenommen. Als Koppenhöfer vor 23 Jahren in der Sozialberatung der BASF startete, kamen etwa 650 bis 700 Mitarbeiter im Jahr vorbei. Inzwischen sind es insgesamt 1800 bis 1900 Klienten an den drei Standorten Ludwigshafen, Münster und Schwarzheide. Die BASF beschäftigt mehr als 50 000 Mitarbeiter in Deutschland. Ein Grund für die steigenden Fallzahlen sieht Koppenhöfer in der sinkenden gesellschaftlichen Stigmatisierung psychischer Probleme. „Es ist nicht mehr ehrenrührig, sich beraten zu lassen oder einzugestehen, dass man Probleme hat“, sagt er.

Zum anderen aber nehmen nach Meinung von Psychologen psychische Probleme wie etwa Depressionen durch den Stress der globalisierten modernen Arbeitswelt auch einfach zu. Bei der Deutschen Bank etwa stieg die Zahl der Neufälle, die sich bei der Hotline meldeten, im Jahr 2016 sprunghaft um neun Prozent auf 452 Fälle, nachdem die Bank ein umfassendes Restrukturierungsprogramm in die Wege geleitet hatte. Das verängstigte offenbar viele Mitarbeiter.

„Als ich anfing, stand die Hälfte unserer Fälle in Zusammenhang mit Suchtproblemen“, sagt Koppenhöfer von der BASF-Stiftung. Heute sei das eher ein Randthema. „Inzwischen klagen 60 Prozent unserer Kunden über eine psychische Belastungssituation, etwa eine Scheidung, einen Trauerfall, Überarbeitung oder Erziehungsprobleme. Außerdem geht es zunehmend um Sinnfragen. Die Leute fragen sich: ,Warum mache ich diesen Job? Würde mich eine andere Beschäftigung nicht viel glücklicher machen? Sollte ich mich der Karriere widmen oder mehr meiner Familie?‘“, sagt Koppenhöfer. 

Oft können die Sozial- und Lebensberater der BASF-Stiftung selbst dauerhaft beistehen und helfen. Schwere Fälle vermitteln sie aber weiter, etwa in eine Psychotherapie oder eine Suchtklinik. Wie viele andere Unternehmen auch, versucht die BASF über eine enge Zusammenarbeit mit einem Netzwerk von Ärzten die oft langen Wartezeiten für Therapieplätze für ihre Mitarbeiter zu verkürzen und Vorrang zu erhalten.

All dies machen die Unternehmen natürlich nicht ganz uneigennützig. Ziel ist es, die Arbeitskraft und Motivation der Mitarbeiter zu erhalten oder wiederherzustellen. „Wir möchten unsere Mitarbeiter natürlich halten. Und uns ist es wichtig, motivierte, gesunde und fröhliche Mitarbeiter zu haben, die gerne zur Arbeit kommen. Ohne die würde in Wiesbaden ja auch alles stillstehen“, sagt Dorothée Marietta Dreßler, Leiterin betriebliches Gesundheitsmanagement bei den Wiesbadener Verkehrsbetrieben Eswe. Das Unternehmen mit 1000 Mitarbeitern ist derzeit dabei, das Thema Psyche intern zu enttabuisieren. „Die Herausforderung ist, die Thematik sprachfähig zu machen. Der Begriff Psyche ist für viele negativ behaftet. Wir haben letztes Jahr in jedem Unternehmensbereich eine Auftaktveranstaltung gemacht und erklärt, was wir tun“, sagt Dreßler.

Die Eswe hat einen Sozialberater im Haus, an den sich alle Mitarbeiter und Angehörige mit Problemen wenden können. Zudem bietet das Unternehmen eine Seminarreihe „Gesundes Führen“ für Führungskräfte an, wo vermittelt werden soll, auf die eigene psychische Gesundheit und die der Mitarbeiter einzugehen. „Führungskräfte sind in einem Unternehmen Multiplikatoren. Wenn sie gut auf sich achten, dann strahlt das auch auf die Mitarbeiter aus. Wenn sie also zum Beispiel eine gute Work-Life-Balance vorleben, dann wirkt das auch positiv auf das Verhalten der anderen Angestellten“, sagt Dreßler. 

Seit Mai hat der Verkehrsbetrieb zudem ein neues Erstbetreuungskonzept für seine Fahrer ins Leben gerufen. „Bei einem Unfall ruft die Leitstelle nun sofort automatisch einen externen Seelsorger zum Unfallort, der sich ausschließlich um unseren Fahrer kümmert. Wenn erforderlich, vermitteln wir die Fahrer auch in Therapien weiter“, sagt Dreßler. So soll das Risiko späterer psychischer Probleme minimiert werden. Zwar kamen auch bislang schon Seelsorger zum Einsatz – sie wurden aber nicht automatisch hinzugezogen und waren oftmals nicht nur für den Fahrer, sondern auch für andere Verletzte und deren Angehörige am Unfallort zuständig. 
Das Beispiel Eswe zeigt, dass sich nicht nur große Konzerne mit entsprechenden Ressourcen wie die BASF oder die Deutsche Bank des Themas Psyche annehmen, sondern auch viele kleinere Betriebe inzwischen sehr engagiert sind.

Sarah Schreiber und ihr Mann haben inzwischen wieder zueinandergefunden. Nach der von der Deutschen Bank finanzierten Paartherapie gingen sie noch weiter zu einer kostenlosen Eheberatung eines gemeinnützigen Vereins. „Ich weiß nicht, wo wir ohne diese Therapie heute stünden. Sie hat uns sehr geholfen“, sagt Schreiber. Dass die Deutsche Bank ihr über die anonyme Hotline gleich einen Therapeuten vermittelte, senkte für sie und ihren Partner die Hürde, überhaupt Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Es ist toll, dass es solche Angebote von Unternehmen gibt. Hätte ich wieder einmal ein gravierendes Problem: Ich würde die Hotline wieder anrufen“, sagt Schreiber.

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