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Schöne neue Arbeitswelt?
Digitalisierung
Wirtschaft

Das ist die Arbeitswelt von morgen

Von Karl Doemens
16:32

Der Roboter mit der Anmutung eines überlebensgroßen Monsters hat seinen linken Greifarm ausgefahren. Er hat einen winzigen Arbeiter am Träger seines Blaumanns gepackt. Wehrlos schwebt der Mensch im Nirgendwo. „Die Computer-Revolution“, steht unter dem Titelbild des „Spiegel“: „Fortschritt macht arbeitslos.“ Andrea Nahles kann sich am Dienstag ein Lachen nicht verkneifen, als ihr die Ausgabe des Nachrichtenmagazins aus dem Jahr 1978 überreicht wird. „Die Apokalypse verkauft sich offenbar gut“, sagt die SPD-Arbeitsministerin.

Das vergilbte Titelbild mag aus heutiger Sicht kurios erscheinen. Die Ängste vieler Menschen vor der Veränderung durch die Digitalisierung des Wirtschaftslebens – inzwischen „Arbeiten 4.0“ getauft – dürften seither kaum kleiner geworden sein. Doch Nahles taugt weder zur Untergangsprophetin noch zur Maschinenstürmerin. Anderthalb Jahre lang hat sie in Zusammenarbeit mit 200 Experten neue Entwicklungen im Arbeitsleben zusammentragen lassen. Herausgekommen ist ein 234 Seiten starkes Weißbuch, das sie nun vorstellt.

Der Einzug des Internets in Büros und Fabriken sei „für viele eine Verheißung, für manche eine Belastung, für einige beides zusammen“, resümiert sie zu Beginn ihrer Rede. Bemerkenswert klar wirbt sie in den folgenden 40 Minuten für eine positive, wenn auch nicht kritiklose Sicht auf die Zukunft der Arbeit. „Weder sollten wir behaupten, es gäbe eine Generation Y, die mit geregelten Arbeitszeiten und sozialer Sicherung nichts mehr anfangen kann. Noch sollten wir versuchen, die Arbeitswelt in ihren althergebrachten Strukturen zu konservieren“, skizziert Nahles das Spannungsfeld der neuen Jobs jenseits starrer Strukturen.

Die globale Vernetzung ermöglicht mehr Flexibilität und Selbstbestimmung, degradiert die eigene Leistung aber möglicherweise auch zu einem jederzeit abrufbaren Gut.

„Wir können immer entscheiden, in welche Richtung der Fortschritt läuft. Das Drehbuch für diesen Film schreiben wir selbst“, gibt sich die Ministerin ganz sozialdemokratisch überzeugt.

Die entscheidenden Weichenstellungen für die Gestaltung der Digitalisierung, glaubt Nahles, können nicht zentral von der Politik vorgenommen werden. „Sie wissen, ich mache sehr gerne Gesetze“, scherzt sie vor rund 800 Gästen in Berlin. Das Auditorium amüsiert sich. Aber die Spielregeln für die moderne Arbeit seien „nicht in erster Linie eine gesetzliche Herausforderung“, sondern müssten zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften ausgehandelt werden.

Mit bloßer Verweigerung oder Ablehnung werde man dem Veränderungsprozess nicht gerecht. „Wenn wir in der Digitalisierung erfolgreich sein wollen, müssen wir mit hartnäckigen Mythen aufräumen, in denen vor allem Angst zum Ausdruck kommt“, fordert die Politikerin. Als Beleg für das Gegenteil berichtet sie von dem Besuch bei einem Autobauer, wo plötzlich nicht mehr ausschließlich Männer, sondern auch Frauen am Band stehen, weil ihnen Heberoboter die schwere körperliche Arbeit abnehmen. Oder von einem Autozulieferer, wo die Beschäftigten ihre Schichten entsprechend den familiären Bedürfnisse am eigenen Smartphone planen können.

Für eine positive Entwicklung aber seien politische Rahmenbedingungen erforderlich, glaubt Nahles. So regt sie ein Wahlarbeitsgesetz an, das Beschäftigten mehr Flexibilität bei der Aushandlung ihrer Arbeitszeit einräumt. Auch wiederholt sie ihren Vorschlag, die Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung weiterzuentwickeln, die Qualifizierung und Weiterbildung der Arbeitnehmer finanziert.

Vom bedingungslosen Grundeinkommen, wie es neuerdings nicht nur von Kapitalismuskritikern, sondern auch von Unternehmensführern gefordert wird, hält die Sozialdemokratin gar nichts. Stattdessen schlägt sie vor, dass jeder Bürger beim Start ins Berufsleben ein Persönliches Erwerbstätigenkonto mit einem Startguthaben etwa für Phasen der Qualifizierung oder der Existenzgründung erhält.

So schnell freilich dürfte das kaum kommen: „Das ist ein Vorschlag für die lange Sicht“, räumt Nahles offen ein.

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