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Gibt auf: Claudia Helming, Gründerin und Geschaftsführerin von Dawansa.
Dawanda
Wirtschaft

Dämpfer für Bastel-Profis

Von Judith Köneke
09:29

Christina Pauls fertigt Ketten, Armbänder sowie Wanduhren an und designt Poster. Seit 2011 verkauft sie ihre Produkte bei Dawanda und generiert dort ihren Hauptumsatz. Noch. Denn vor wenigen Wochen verkündete die Berliner Online-Plattform für Selbstgemachtes in einer Pressemitteilung, dass sie Ende August nach zwölf Jahren schließt. Die Verkäufer bekommen die Möglichkeit, bei dem amerikanischen Dawanda-Vorbild Etsy weiterzumachen. Ein Tool soll ihnen den Umzug erleichtern, ihre Angebote und Bewertungen blieben so erhalten.

„Das hat mich getroffen“, sagt Pauls. Für sie und die meisten Verkäufer kam dieser Schritt überraschend. Vor allem weil Dawanda erst im Februar verkündet hatte, dass sie nun endlich schwarze Zahlen schrieben. Der Online-Marktplatz für Kreative konnte seinen Umsatz gegenüber dem Vorjahr um 21,4 Prozent auf 16,4 Millionen Euro erhöhen. Gleichzeitig verbesserte sich das Ebitda – also der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen – von minus vier auf minus eine Million Euro.

Trotzdem „mussten wir uns eingestehen, dass unser Wachstum stagniert und wir es aus eigener Kraft kaum schaffen können, die Zahl der Verkäufe auf unserer Plattform im gewünschten Maße wachsen zu lassen – auch unsere Umstrukturierung im vergangenen Jahr konnte dies nicht ändern“, sagt Gründerin Claudia Helming der FR. Unter anderem waren bereits 2017 ein Viertel der Mitarbeiter entlassen worden. Die E-Commerce-Landschaft habe sich in den letzten Jahren sehr verändert, ihr Geschäftsmodell stoße zunehmend an seine Grenzen. „Wir haben erkannt, dass das Risiko, nicht mehr mithalten zu können, zu groß ist“, sagt Helming. Darum habe man im Herbst letzten Jahres mit der Suche nach einem Partner begonnen. Etsy teile mit Dawanda dieselben Werte und Ziele.

Viele Verkäufer von Dawanda reagierten auf Social Media-Portalen wütend auf die Nachricht. Sie bangen um ihre Existenz. Anbieter und Käufer schätzten die heimelige, intime Atmosphäre der Plattform. „Dawanda stand für Kreativität und Individualität, wüsste nicht, wer das ersetzen soll“, sorgt sich ein User. Andere sind traurig, bedanken sich für die Zeit. „Danke, dass ihr die DIY-Szene zu dem gemacht habt, was sie heute ist!“.

Für viele Verkäufer war es die erste Begegnung mit dem Online-Handel, tausende konnten von dem Verkauf leben, haben sich selbstständig gemacht oder eine Firma gegründet. „Das war der Startschuss für vieles, was ich mich sonst sicher nicht getraut hätte“, schreibt eine Verkäuferin. Manche wollen probieren, auf Etsy anzuknüpfen, oder bieten dort bereits Produkte an, für andere kommt die globale Plattform, die natürlich viel größer und internationaler als Dawanda ist, nicht infrage. Zu groß, zu unübersichtlich und wenig Rechtssicherheit, beklagen einige.

Nach firmeneigenen Angaben verkaufen bei Etsy rund zwei Millionen Verkäufer ihre Produkte und das an 34,7 Millionen aktive Käufer. Klar, als größter Anbieter für Selbstgemachtes ist Etsy ein ganz anderes Kaliber als Dawanda – und die Geschäfte laufen. Das Portal, das 2005 gegründet wurde, steigerte seinen Umsatz in den letzten Jahren und konnte 2017 einen Gewinn von 441 Millionen US-Dollar (etwa 377 Millionen Euro) verbuchen.

Hat Etsy nun Dawanda gekauft, fragen sich auch viele Verkäufer. „Bei der Vereinbarung mit Etsy handelt es sich nicht um eine Übernahme“, erklärt Helming im Gespräch mit der FR. Etsy werde weder Vermögen oder Güter noch Mitarbeiter von Dawanda übernehmen und habe auch bereits ein Büro in Berlin.

Bei Etsy freut man sich natürlich über die zusätzlichen Verkäufer und Käufer. CEO Josh Silverman kommentiert: Deutschland sei seit langem einer von Etsys geografischen Hauptmärkten. „Mit dieser Vereinbarung können wir Etsys Reichweite in Deutschland und Mitteleuropa weiter ausbauen.“ Dawandas Standorte in Deutschland, Polen, Österreich und der Schweiz vergrößerten diese in Mitteleuropa.

Designerin Pauls ist zuversichtlich, dass es auf Etsy für sie weitergehen kann, sie hat dort bereits einen Shop. Auch auf anderen Plattformen und ihrem eigenen Online-Shop verkauft sie, stellt in Galerien aus. Trotzdem ist sie wehmütig. Dawanda habe es sehr viel einfacher gemacht, gefunden zu werden. So viele Kunden hätte sie sonst nicht erreicht. „Es war eine Riesenunterstützung für meine Selbstständigkeit.“ Viele Stammkunden waren immer wieder gekommen. Auch mit der Kundenbetreuung von Dawanda sei sie sehr zufrieden gewesen. „Sie haben viel für die Verkäufer getan“. Etwa Rabattaktionen, ein Magazin oder kostenlose Listungs im Newsletter.

Grafikerin Anette Pörtner hingegen war mit Dawanda schon länger nicht mehr ganz glücklich. Die Braunschweigerin verkauft vor allem farbenfrohe Wandkalender. „Ich hatte das Gefühl, gar nicht mehr wahrgenommen zu werden.“ Manche Verkäufer seien sehr gepusht worden, in Sonderaktionen oder Mails, andere nicht. Etsy hingegen nähme die Verkäufer mehr ernst. Es gebe jährliche Treffen, Teams können sich regional oder thematisch vernetzen und Mitarbeiter geben Tipps. Auch habe man hier im Vergleich zu Dawanda Zugriff auf Statistiken, die etwa helfen, herauszufinden, über welchen Weg die Kunden in den Shop gefunden haben.

Auch Pörtner hatte die Nachricht von Dawandas Aus kalt erwischt. Sie macht rund 50 Prozent ihrer Einnahmen über Dawanda. „Ich muss nun mit Umsatzeinbußen rechnen.“ Aber schon vor einigen Jahren habe sie erkannt, dass sie mehrere Standbeine brauche und verkauft auch auf anderen Plattformen und kleinen Läden bei ihr in der Region: Sie überlegt nun einen eigenen Online-Shop aufzubauen, das sei aber sehr viel Arbeit als Einzelunternehmerin.

Neben Etsy gibt es zahlreiche weitere Anbieter, über die Händler künftig ihre Produkte anbieten können. Versandriese Amazon ist ebenfalls 2016 mit Amazon Handmade ins DIY-Geschäft eingestiegen. Aber auch kleinere deutsche Anbieter bieten Verkäufern eine Alternative. Die Plattform Palundu etwa ist Anfang 2017 gestartet und zeichnet sich nach eigenen Angaben vor allem dadurch aus, dass Produkte erst nach einer Prüfung, ob ein Produkt wirklich selbst gemacht ist, freigeschaltet wird. Der Online-Marktplatz Selekkt bietet ausgewählte Designprodukte an. Bei Productswithlove werden ebenfalls selbstgemachte Produkte und Handarbeitsmaterial geboten. Als Antwort auf das Dawanda-Ende planen die Verkäufer von Nähshop Stoffwelten ihre eigene Website: In Kürze soll der Marktplatz Dohero eröffnen. Und schließlich müssen auch die Käufer die Plattform wechseln, wollen aber weiterhin Selbstgestricktes, selbstgemaltes und selbstgebasteltes kaufen.

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