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Andre Bajorat Andre Bajorat, CEO figo GmbH, during European Finance Week in Frankfurt; 19/11/2015 - André André CEO Figo GmbH during European Finance Week in Frankfurt 19 11 2015 nb
Fintechs
Wirtschaft

„Wir werden andere Banken haben“

Von Olaf Ridder
13:44

Banken stehen vor einer digitalen Revolution. Mit einer App auf dem Smartphone kann man inzwischen Geld an Freunde überweisen, von denen man nur eine Telefonnummer kennt. Unternehmen können sich über Online-Marktplätze Kredit besorgen, und sogenannte Robo Adviser im Netz helfen bei der Vermögensbildung. Eine Bank braucht es bei diesen Angeboten nur noch im Hintergrund. Was es für die Finanzbranche bedeutet, wenn Start-ups mit einer technisch ausgeklügelten Lösung das Geschäft aufmischen, haben wir den Fintech-Unternehmer André M. Bajorat gefragt.

André Bajorat, kommt es genau wie bei Musik und Fotografie auch bei den Banken zu einer „Disruption“, um mal ein neues Managermodewort zu benutzen – also zu einer Zerstörung der alten Geschäftsmodelle?
Bei Banken gibt’s im Moment sehr, sehr starke Veränderungen, aber eine Disruption im eigentlichen Sinne sehe ich nicht. Banken werden nicht verschwinden, Banken werden sich verändern. Den Kodak-Moment aus der Fotobranche mit völlig neuen Playern werden wir bei Banken vermutlich nicht erleben. Wir werden nicht mehr so viele Banken haben wie bisher, und wir werden andere Banken haben als bisher.

Was machen denn Banken falsch oder noch falsch?
Sie haben sich nach der Finanzkrise lange mit sich selbst beschäftigt und dabei vergessen, uns Kunden in den Mittelpunkt zu stellen und uns vernünftige Dienste anzubieten. Und gleichzeitig haben Banken, gerade Volksbanken und Sparkassen, sehr viele Tätigkeiten zentralisiert und die Chance vertan, agil auf die Veränderungen zu reagieren. Da sind sehr große IT-Monster entstanden, mit denen sich keine passenden Antworten auf die digitale Veränderung finden lassen. Die Banken haben Bedarf, ihre eigenen Kernbankensysteme zu erneuern.

Was heißt das konkret?
Es gibt in Banken viele IT-Bereiche und Systeme, die man nicht jeden Tag anpassen muss. Die sollten aber getrennt sein von den Bereichen, die dynamisch sind. Number 26 zum Beispiel, das Start-up mit dem Girokonto auf dem Smartphone: Die haben über ihre Kerninfrastruktur eine Softwareschicht gelegt, und die erlaubt es den Entwicklern, wenn nötig, jede Woche oder jeden Tag ein neues Update für die App aufzuspielen, um ganz schnell auf neue Trends reagieren zu können.

Haben die traditionellen Banken das auch verstanden?
Es gibt Banken, die es verstehen. Also die ING Diba und die DKB gehören mit Sicherheit zu denen, die das Thema Digitalisierung schon sehr lange denken und nutzen. Das ist ja einer der Gründe, weshalb die so preisgünstig sind.

Dafür bieten sie auch nur sehr standardisierte Produkte an.
Geht halt in der Digitalisierung oft nur so. Komplexe Angebote sind automatisiert nur schwierig abzubilden. Also: Ich würde die Frage, ob die Banken die Herausforderung verstanden haben, so beantworten: Einige ja, und die werden die Gewinner der Digitalisierung sein.

Fintechs wollen mit technischen Lösungen für Finanzdienste den Banken das Geschäft streitig machen. Können sie Banken gefährlich werden? Zeitweise wurde das ja behauptet.
Es gibt Bereiche, wo Fintechs Banken gefährlich werden können, und wo Banken dann unfassbare Schwierigkeiten bekommen. Paypal ist ein typisches Beispiel, wo die Banken viel verloren haben. Eigentlich sind sie ja im Zahlungsverkehr ganz gut aufgestellt, im Online-Handel haben sie es aber nicht auf die Reihe bekommen. Und das könnte sich im Firmenkundengeschäft wiederholen. Ja, in einzelnen Nischen werden Fintechs Banken überflüssig machen, in der Summe glaube ich das nicht. Was viele unterschätzt haben, ist die Kundenträgheit. Dass wir nicht von heute auf morgen unsere Bank hinter uns lassen und mit unseren Finanzen umziehen zu Fintechs.

Die überwiegende Mehrheit der Kunden vertraut noch immer ihrer Bank, trotz Finanzkrise. Spricht das nicht dafür, dass sie generell bei ihrer Bank bleiben?
Ich glaube, dass diese Stickiness, wie ich sie immer bezeichne, nicht unbedingt etwas mit Vertrauen zu tun hat, sondern mit Behäbigkeit. Banking ist Commodity, ein Rohstoff, mehr nicht. Ob ich mein Bankkonto bei der einen oder einer anderen Bank führe, das macht keinen großen Unterschied. Denn was brauche ich? Ich überweise Geld, das machen alle Banken auf die gleiche Weise. Ich hole Geld am Automaten. Dann entscheide ich mich möglicherweise für die Bank, die das am günstigsten für mich regelt. Was ich sagen will: Die Unterscheidungsmerkmale im Zahlungsverkehr sind nicht groß, die können gar nicht groß sein. Ob die Trägheit also wirklich mit Vertrauen zu tun hat?

Das spricht jetzt auch nicht für Fintechs.
Das ändert sich aber. Glaube ich, dass meine Tochter noch einen klassischen Bankberater haben wird? Nee, glaube ich nicht. Der wird das total schnurz sein, und der wird auch egal sein, welche Tradition die Bank hat – selbst wenn die 150 Jahre alt wäre. Dann würde sie vielleicht sagen, nehmen wir mal lieber die frische. Die Werte, für die die klassischen Banken heute noch stehen, werden bei der Digitalisierung mehr und mehr ausgehebelt.

Wirklich? Das Bezahlen mit dem Handy im Geschäft hat sich ja hier noch nicht ansatzweise verbreitet. Sind die Deutschen dafür zu konservativ?
Richtig, mobiles Point-of-pay-Bezahlen setzt sich weniger durch, als ich erwartet habe, aber langfristig wird es kommen. Es wird sich nicht verhindern lassen, dass die blöden Plastikkarten in den nächsten fünf Jahren ins Handy reinwandern – so wie ganz viele Dinge unseres Alltags in dieses Gerät reinwandern. Momentan streiten sich noch die Kreditwirtschaft mit Apple und anderen über den Preis. Aber das sind Grabenkämpfe, das wird sich ändern.

Dann kommen wir mal zur Banking App. Was muss sie heute bieten, um attraktiv zu sein?
Bei Apps und mobilen Diensten geht es darum, dass sie alltagsrelevant sind. Mich interessiert vor allem, was gerade auf meinem Konto passiert, mich interessiert nicht, dass ich mit meiner App zum Beispiel Daueraufträge auflösen oder einrichten kann. Also, es gibt nicht die richtige Banking App, sondern eine App für mich und eine andere App für jemand anderes. Ich glaube nicht an die Schweizer-Taschenmesser-Banking-App, wo alles drin ist, weil das zu viel für die meisten Kunden wäre.

Mit der Banking App löst sich also der Kunde tendenziell von seiner Bank? Ein Sparkassenkunde etwa nutzt nicht auch die Sparkassen-App?
Wenn ich als Sparkassen-App zum Beispiel glaube, dass ich nur das Sparkassenkonto anzeigen dürfte und glaube, dass ich den Kunden damit glücklich mache, dann geht das an der Realität vorbei. Eine App muss multi-bankenfähig sein und auch meine Konten und Depots zeigen, die ich bei anderen Banken habe. Es geht darum, ein finanzielles Zuhause für den Kunden zu schaffen.

Dann stellt sich aber die Frage, wer soll die ganz vielen Apps nutzen, die nur einzelne, kleine Probleme lösen: Transferwise für kostengünstige Überweisungen in Nicht-Euro-Länder, Cringle für Überweisungen von Handy zu Handy? Bleiben das am Ende nicht nur Spielereien?
Es ist in der Tat eine spannende Frage, wie Fintechs genug Leute bekommen. Das ist der Punkt, wo Banken wieder ins Spiel kommen, weil die schon eine kritische Masse an Kunden haben, die sie sofort ansprechen können. Man sieht es ja auch schon, wie Banken sich Funktionalitäten von Fintechs einkaufen, die sie selber allein nie so schnell hätten entwickeln können.

Werden denn viele Fintechs nicht daran scheitern, dass sie die kritische Masse verfehlen?
Sicher. Viele von den Modellen, die wir heute sehen, werden in fünf Jahren nicht mehr da sein. Dass ein paar von den Ideen, die wir heute bei Fintechs sehen, von Banken umgesetzt werden, das glaube ich auch. Ich bin fest davon überzeugt, dass Robo Adviser, also automatisierte Anlageberater wie zum Beispiel Scalable oder auch Vaamo erfolgreich sein werden. Auch Festgeld-Anlageplattformen wie Weltsparen und Savedo werden mit Sicherheit erfolgreich sein.

Eine Schlussfrage: Benutzen Sie eigentlich noch Bargeld?
O ja. In Norwegen habe ich letztes Jahr den Versuch gemacht: drei Wochen ohne Geld. Funktionierte super, wirklich großartig. In Deutschland habe ich immer ein wenig Bargeld in der Hosentasche. Wenn ich hier in Hamburg mittags essen gehe, bekäme ich sonst nichts auf den Teller.

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