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Oberste Pflegespezialistin? Zumindest ist bei Kanzlerin Angela Merkel angekommen, dass die Pflege dringend mehr Fachkräfte benötigt.
Arbeitsmarktindex FRAX
Wirtschaft

Fachkräfte-Mangel: Wie die Lage wirklich ist

Von Daniel Baumann
16:07

Ein Restaurant in Freiburg. Es geht ein paar Treppenstufen hinab zur Toilette. An der Wand ein Postkartenständer, wie man sie an solchen Orten öfter sieht. Zwischen den mehr oder weniger humorigen Karten eine, die das kürzeste Bewerbungsschreiben der Welt verspricht. Ein Metallbauer stellt sich vor. Interessiert an einem Job? Einfach Adresse eintragen, eine paar Boxen ankreuzen, fertig. Die Firma wird sich melden.

Die Rollen haben sich vielerorts verkehrt. Die Firmen werben jetzt um die Gunst der Fachkräfte, nicht mehr die Fachkräfte um die Gunst der Firmen. Der Fachkräftemangel ist bei den Arbeitgebern derzeit eines der bestimmenden Themen. 61 Prozent der Mittelständler bewerten laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages das Fehlen qualifizierter Mitarbeiter als Geschäftsrisiko. Das sind so viele wie nie seit Beginn der Erhebung vor acht Jahren. 

Die Arbeitskräftereserve ist geschrumpft. Der ungewöhnlich lange Konjunkturaufschwung hat viele Menschen in Arbeit gebracht. Der FR-Arbeitsmarktindex (FRAX) notiert auf einem Rekordhoch. Das Barometer, das den Arbeitsmarkt in seiner ganzen Breite erfasst – von der Zahl der Stellen über die Reallohnentwicklung bis zur Arbeitsplatzqualität – und damit einzigartig ist, erreicht in seiner jüngsten Ausgabe für die ersten drei Monate des laufenden Jahres 107,1 Punkte.

Es ist ein Rekordwert, und es ist das erste Mal, dass der Rekordwert zu Jahresbeginn erreicht wird, üblicherweise ein vergleichsweise schwacher Zeitraum für den Arbeitsmarkt.
Getrieben wird das Barometer vom weiteren Stellenaufbau, einem größeren Arbeitsvolumen, dem Abbau der Arbeitslosigkeit sowie dem Vormarsch der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung zulasten der geringfügigen. Außerdem verbesserten sich auch die Arbeitszufriedenheit und der Ausbildungsmarkt.

Gleichwohl ist es noch nicht so, dass der Markt für Fachkräfte leergefegt wäre. Das zeigt die jüngste Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit. Darin heißt es zwar, dass es in manchen Branchen und Regionen einen Mangel an Fachkräften gibt, doch die Nürnberger Behörde stellt auch klar: „Von einem generellen Fachkräftemangel in Deutschland kann weiterhin nicht gesprochen werden.“

Einen bundesweiten Fachkräftemangel gibt es der Analyse zufolge in der Altenpflege, im Klempnereigewerbe, in der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie in der Energietechnik. Generell ist die Lage in einzelnen technischen Berufsfeldern, in Bauberufen sowie im Gesundheits- und Pflegebereich angespannt. In diesen Bereichen bleiben ausgeschriebene Stellen besonders lange unbesetzt.

Während im bundesweiten Durchschnitt aller Berufe eine Stelle 107 Tage offen bleibt – auch das ein Anstieg um sieben Tage binnen Jahresfrist – sind es bei Berufen mit Fachkräftemangel weit mehr. Die Liste führen Klempnereigewerbe, Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik mit 183 Tagen an, gefolgt von der Altenpflege mit 175 Tagen.

Aus regionaler Sicht sind die Bundesländer von Mangel ganz unterschiedlich betroffen. So reicht die Liste der Berufsgruppen, die in Baden-Württemberg knapp sind, vom Luft- und Raumfahrttechniker über Experten für Mechatronik, Fachkräfte für Holzverarbeitung, spezialisierte Maler, Stuckateure und Bautenschützer bis hin zu Lebensmittelverkäufern. Auch in Bayern, Sachsen und Thüringen ist die Liste lang. In Nordrhein-Westfalen, Hessen und Berlin zeigen sich hingegen neben den für das gesamte Land identifizierten Knappheiten keine bundeslandspezifischen Defizite an Fachkräften und Spezialisten.

Angesichts der wieder verbreiteten Klage über fehlende Fachkräfte tritt schon fast in den Hintergrund, dass es hierzulande trotz des langen Aufschwungs immer noch eine erhebliche Zahl an Arbeitslosen gibt. Im Juni waren 2,3 Millionen Menschen arbeitslos, davon ein Drittel langzeitarbeitslos. Die Unterbeschäftigung belief sich auf 3,2 Millionen Menschen. In dieser Zahl sind auch all diejenigen enthalten, die dem Arbeitsmarkt kurzfristig nicht zur Verfügung stehen, weil sie krank oder zeitweise arbeitsunfähig sind oder an Programmen der Arbeitsagenturen teilnehmen, wie etwa Fort- und Weiterbildung. Darüberhinaus gibt es noch viele Menschen, die älter als 59 Jahre sind und länger als ein Jahr vergeblich nach einer Stelle gesucht haben. Sie werden seit einer Gesetzesänderung vor einigen Jahren nicht mehr in der Statistik der Bundesagentur für Arbeit erfasst. 

FRAXPlus bei Beschäftigung

Es wird kräftig angepackt in Deutschland: Rund 44,67 Millionen Menschen waren in den ersten drei Monaten des Jahres erwerbstätig. Das waren fast 640.000 mehr als ein Jahr zuvor. Bei der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung gab es einen Aufbau um 388 000 Stellen, während die ausschließlich geringfügige Beschäftigung um 65.000 zurückging. Das Arbeitsvolumen legte um 1,2 Prozent zu. Die Zahl der Arbeitslosen sank um 7,3 Prozent auf rund 2,4 Millionen. Das hat die FRAX-Kategorie Beschäftigung am stärksten angetrieben. Sie erreichte im ersten Quartal den Höchst- wert von 118,3 Punkten und war damit erneut treibender Faktor im FRAX. db 

FRAXPlus bei Ausbildung

Hinterlässt die Furcht vor dem Fachkräftemangel Spuren? Seit August 2017 stabilisiert sich die Lage bei den neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen. Der jahrelange Rückgang ist unterbrochen. Zum Jahresanfang wurden mehr Lehrverträge unterschrieben als ein Jahr zuvor. Wer seine Lehre erfolgreich abgeschlossen hat, wurde häufig vom Ausbildungsbetrieb übernommen. Die Übernahmequote macht einen Sprung auf 74,1 Prozent. Das heißt, drei von vier Ausbildungsabgängern wurden von ihrem Unternehmen weiterbeschäftigt. Eine minimale Verschlechterung gab es beim Verhältnis von offenen Ausbildungsplätzen und Bewerbern zulasten der Bewerber. db

FRAXPlus bei Einkommen

Der Aufschwung lohnt sich für die Arbeitnehmer auch finanziell. Die Reallöhne stiegen zum Jahresanfang um 0,3 Prozent im Zwölfmonatsvergleich. Das heißt, die Beschäftigten hatten auch nach Abzug der Inflation mehr Geld zur Verfügung. Der Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen ist von 65,8 Prozent auf 66,1 Prozent gestiegen. Damit haben die Beschäftigten zulasten der Unternehmensgewinne und Kapitalgebern hinzugewonnen. Allerdings bleibt der Anteil im langfristigen Vergleich weiterhin niedrig. Erfreulich: Es gibt weniger Erwerbstätige, die zugleich auf Hartz IV angewiesen sind. Der Rückgang beträgt binnen Jahresfrist 3,6 Prozent (42.000). db

FRAXKeine Veränderung bei Zugangschancen

Zwar profitieren auch die benachteiligten Gruppen vom Arbeitsmarktaufschwung. Doch sind ihre Chancen im Vergleich zu den anderen Beschäftigten noch immer schlechter als vor zehn Jahren. Zum Jahresstart hat sich die Situation sogar nochmal leicht eingetrübt. Während die Arbeitslosigkeit in den mittleren Altersgruppen um 8,7 Prozent zurückging, sank sie bei den Älteren nur um 4,1 Prozent. Vermeintlich positiv sieht es bei den Langzeitarbeitslosen aus. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen ist gesunken. Allerdings liegt der Verdacht nahe, dass viele von ihnen aus Altersgründen aus der Statistik gefallen und nicht etwa in einen Job gewechselt sind. db 

FRAXLeichte Verbesserung bei Arbeitsbedingungen

In guten Zeiten verbessern sich aus Sicht der Arbeitnehmer offenbar auch die Arbeitsbedingungen. Dabei geht es zum Beispiel um die Möglichkeit, bei der Arbeit etwas Neues zu lernen, sich weiterzuentwickeln, um die Beziehung zu den Kollegen, die Verfügbarkeit der benötigten Arbeitsmittel oder Lob und Anerkennung. Der Indikator stieg binnen Jahresfrist um 2,4 auf 112,6 Punkte. Damit zog er die ganze Kategorie Arbeitsbedingungen nach oben (+1,1 auf 107,4 Punkte). Die Arbeits- und Wegeunfälle nahmen bei steigender Beschäftigung um ein Prozent zu. Die Krankmeldungen veränderten sich binnen Jahresfrist nicht. db

Eine Annäherung an den tatsächlichen Bedarf an Erwerbsarbeit erlauben Zahlen des Statistischen Bundesamtes. Demnach wollten im vergangenen Jahr 5,1 Millionen Menschen gerne mehr oder überhaupt arbeiten. Der Ökonom Heinz-Josef Bontrup von der Westfälischen Hochschule spricht auf Basis seiner eigenen Berechnung sogar von 7,5 Millionen Arbeitslosen.
„In diesem Reservoir liegt großes Potenzial“, sagt Arbeitsmarktforscher Alexander Herzog-Stein vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung. Natürlich sei nicht jeder darin eine Fachkraft, doch ein Teil schon. Und auch die anderen Menschen seien für Firmen interessant. Dazu müssten sie aber vorhandene Beschäftigte für höhere Aufgaben qualifizieren und frei werdende einfachere Tätigkeiten aus dem Pool nachbesetzen. Außerdem müssten die Arbeitgeber ihre Erwartungen anpassen und zum Beispiel auch dem 55-jährigen Ingenieur mal eine Chance geben.

Potenzial liegt auch in der Ausbildung. Zwar verbessert sich das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Lehrstellenmarkt ständig. Rechnerisch kamen 2018 bundesweit auf 100 Ausbildungssuchende fast 105 Ausbildungsangebote. Doch insgesamt wird weiterhin viel zu wenig ausgebildet. Im vergangenen Jahr wurden 523.000 Lehrverträge unterzeichnet, das waren fast 100.000 weniger als zur Jahrtausendwende. Gleichzeitig ging der Ausbildungswunsch von 80.000 jungen Menschen nicht in Erfüllung, weil ihre Berufswünsche und Qualifikationen nicht mit den Angeboten und Erwartungen der Arbeitgeber in ihrer Region übereinstimmten.

In diese Kerbe schlägt auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD). Er will den Personalengpässen mit drei Schritten entgegentreten, wie er vergangene Woche dem „Handelsblatt“ sagte: Erstens will er „die Berufsorientierung in den Schulen verbessern, die duale Ausbildung stärken und Beschäftigte weiterbilden“. Dann müssten die Arbeitsbedingungen in den Mangelberufen verbessert werden, vor allem in der Altenpflege. Und schließlich will er ein Gesetz zur Rekrutierung von ausländischen Fachkräften vorlegen.
 

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