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Schichtwechsel bei Volkswagen in Wolfsburg. Der deutsche Arbeitsmarkt brummt. Es gibt nicht nur mehr Jobs, sondern auch mehr bessere Jobs.
FR-Arbeitsmarktindex
Wirtschaft

Das Lohn-Paradox

Von Daniel Baumann
11:30

Neun Pfeile zeigen nach oben, nur zwei nach unten. Es geht insgesamt also aufwärts. Nie zuvor hat der FR-Arbeitsmarktindex zum Jahresanfang einen höheren Stand erreicht als 2017. Die neuen Ergebnisse des Barometers, das vom Darmstädter Wirtschaftsforschungsinstitut Wifor berechnet wird, stützen die These vom wirtschaftlichen Boom in Deutschland. Von diesem Aufschwung, an dem sich das Land zu berauschen scheint.

Von Euphorie in deutschen Chefetagen sprach vergangene Woche der Präsident des Münchner Wirtschaftsforschungsinstituts Ifo, Clemens Fuest, als er die neuen Ergebnisse einer Umfrage unter 7000 Managern vorstellte. Der Ifo-Geschäftsklimaindex erreichte den höchsten je gemessenen Wert. „Die deutsche Wirtschaft steht unter Volldampf“, betonte Fuest.

Lohnzuwächse seit 2016 immer geringer

Doch etwas stimmt nicht: die Lohnentwicklung. Die gängige ökonomische Theorie besagt, dass die Löhne umso stärker steigen, je knapper das Arbeitskräfteangebot wird. Doch in der Realität passiert gerade das Gegenteil: Seit Anfang 2016 fallen die Lohnzuwächse immer geringer aus. Damals gab es noch ein reales Plus, also nach Abzug der Inflation, von 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Ein Jahr später liegt der Zuwachs bei noch lediglich 0,6 Prozent. Das ist der niedrigste Wert seit dem Jahr 2013.

Das hat zwar weniger mit den Lohnabschlüssen zu tun, die liegen seit Jahren bei um die 2,5 Prozent Zuwachs. Doch die Inflation hat wieder angezogen, von zeitweise fast null Prozent Teuerung ging es auf 1,9 Prozent im ersten Quartal. Das frisst die Lohnzuwächse weitgehend auf. Die Beschäftigten müssen darauf vertrauen, dass die Inflation in den nächsten Monaten wieder zurückgeht. Die Chancen dafür stehen gut, weil sich der Sondereffekt durch den Ölpreisanstieg dann auswachsen wird.

Gleichwohl bleiben die Lohnzuwächse hinter den Erwartungen zurück. Die Bundesbank schreibt, dass der Lohnanstieg im ersten Jahresviertel „gemessen an der außerordentlich guten Arbeitsmarktlage recht verhalten“ gewesen sei. Schon in den vergangenen beiden Jahren waren Vertreter der Bundesbank mit der Lohnentwicklung nicht zufrieden. Auch der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, Gustav Horn, hält das Plus für zu gering.

Horn sieht mehrere Gründe dafür, warum die Einkommen nicht stärker steigen. Ein wesentlicher Punkt ist, dass das Arbeitsangebot in weit geringerem Maß zunimmt, als man angesichts des Jobaufbaus in den vergangenen Jahren annehmen könnte. Während die Erwerbstätigkeit seit 2007 um 3,27 Millionen auf 43,595 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen ist, legte die Zahl der geleisteten Arbeitsstunden in der gleichen Zeit nur von 57,4 auf 59,4 Milliarden zu. Die Folge: Ein guter Teil des Jobbooms ist auf Teilzeitarbeit zurückzuführen. „Wir haben immer noch Unterbeschäftigung“, sagt Ökonom Horn. Hinzu kommen die prekären Beschäftigungsverhältnisse, die seit einiger Zeit zwar auf dem Rückzug sind, aber weiterhin eine große Rolle spielen. Beides mindert die Verhandlungsmacht der Beschäftigten in Lohnrunden.

FRAXBeschäftigung

Deutschland schafft: 44,04 Millionen Menschen waren im ersten Quartal erwerbstätig. Das waren 623.000 mehr als ein Jahr zuvor. Doch das ist nicht das Highlight in der Kategorie Beschäftigung, die noch einmal um 2,2 auf 115,7 Punkte zulegte. Am stärksten zu diesem Anstieg hat der Abbau der Arbeitslosigkeit beigetragen: minus 5,2 Prozent auf 2,58 Millionen. Zugleich nahmen die sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse um 337.000 zu, während die geringfügige Beschäftigung um etwa 66.000 sank. Die Jobqualität hat sich also verbessert. Das Arbeitsvolumen legte leicht zu und stieg um 125 Millionen Arbeitsstunden auf etwa 15 Milliarden Stunden.

FRAXEinkommen

Die Reallöhne steigen, doch sie steigen erstaunlich langsam. Gleichwohl hat sich die Einkommenssituation zum Jahresanfang insgesamt positiv entwickelt. Die Kategorie konnte sich im Vergleich zum Vorjahr um 0,8 auf 102,2 Punkte verbessern. Das ist insbesondere der Tatsache zu verdanken, dass es 2,9 Prozent weniger Erwerbstätige gibt, deren Lohn zum Leben nicht reicht und die deshalb auf zusätzliche staatliche Gelder angewiesen sind („Aufstocker“). Außerdem erhalten die Arbeitnehmer wieder etwas mehr vom Volkseinkommen, das sie sich mit Unternehmern und Kapitalgebern teilen. Negativ war, dass die Lohnschere zwischen Gut- und Geringverdienern weiter aufging.

FRAXAusbildung

Der Abwärtstrend hält an: Im ersten Jahresviertel wurden 0,5 Prozent weniger Lehrverträge abgeschlossen als ein Jahr zuvor. Damit erreicht dieser Indikator nur noch 93,3 Punkte (2007:100). Die Unternehmen riskieren, für die Zukunft zu wenig Fachkräfte zu haben. Da auch die Zahl der Bewerber sinkt (es gibt aber immer noch mehr als Lehrstellen), haben sich die Chancen der Jugendlichen, einen Ausbildungsplatz zu finden, jedoch verbessert. Zusammen mit der Tatsache, dass inzwischen 70,5 Prozent der fertigen Azubis von ihrem Betrieb übernommen werden, lässt das die Kategorie Ausbildung letztlich doch leicht um 0,1 auf 103,4 Punkte steigen.

FRAXArbeitsbedingungen

Der Aufschwung führt offenbar auch dazu, dass die Beschäftigten die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz als besser einschätzen. Dabei geht es zum Beispiel um die Möglichkeit, bei der Arbeit etwas Neues zu lernen, sich weiterzuentwickeln, um die Beziehung zu den Kollegen, die Verfügbarkeit der benötigten Arbeitsmittel oder Lob und Anerkennung. Der Indikator stieg binnen Jahresfrist um 2,8 auf 110,2 Punkte. Damit zog er die ganze Kategorie Arbeitsbedingungen nach oben (plus 2,5 auf 106,3 Punkte). Auch der Rückgang der Arbeits- und Wegeunfälle trug dazu bei. Die Krankmeldungen setzten hingegen ihren jahrelangen Negativtrend ungebremst fort.

FRAXZugangschancen

Die hohe Arbeitskräftenachfrage macht sich bei den Langzeitarbeitslosen positiv bemerkbar. Ihr Anteil an allen Arbeitslosen ist zum Jahresauftakt auf 36,4 Prozent gefallen. Sie finden aktuell also besser einen neuen Job als andere Arbeitslose. Auch Ältere kommen derzeit mindestens genauso gut in Arbeit wie andere. Der Anteil der jungen Arbeitslosen an allen Arbeitslosen stieg hingegen zum Jahresauftakt. Die Frauen bleiben mit einem Anteil von 46,5 Prozent an allen sozialversicherungspflichtigen Jobs unterrepräsentiert. Insgesamt haben sich die Chancen der benachteiligten Gruppen am Arbeitsmarkt im Vergleich zu anderen seit 2007 nicht verbessert .

Und die Tarifbindung erodiert seit Jahren. In Westdeutschland sind nur noch 59 Prozent der Beschäftigten tarifgebunden, im Osten gar nur 49 Prozent. Eine Auswertung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln für das Jahr 2015 zeigt, dass lediglich 18,9 Prozent aller abhängig Beschäftigten Mitglied einer Gewerkschaft waren.

Die Verankerung der Gewerkschaften in der deutschen Arbeitnehmerschaft sei „insgesamt schwach“, so die IW-Forscher Hagen Lesch und Adam Giza. „In vielen Dienstleistungsbranchen und im Handwerk wirkt sich dies auch auf die Durchsetzungskraft der Gewerkschaften aus – mit enormen Auswirkungen auf das Tarifsystem. Denn wo die Gewerkschaften nicht mehr präsent und durchsetzungsfähig sind, sind auch keine Arbeitgeberverbände mit Tarifbindung als ‚Gegenverbände‘ mehr notwendig.“

Dieser Entwicklung wirkt der Gesetzgeber zwar mit der Allgemeinverbindlichkeitserklärung von Tarifverträgen und dem gesetzlichen Mindestlohn entgegen. Gleichwohl müssen die Tarifabschlüsse, von denen auch der Anstieg des Mindestlohns abhängt, weiterhin erkämpft werden, und das geht schlecht mit einem geringen Organisationsgrad. „Die Ernte ist schwieriger geworden“, sagt deshalb Wirtschaftswissenschaftler Horn. Und meint damit, dass von den Früchten des wirtschaftlichen Erfolgs bei den Arbeitnehmern weniger ankommt.

Der Anteil der Arbeitsentgelte am Volkseinkommen ist zurückgegangen. Er liegt seit einigen Jahren bei um die 69 Prozent, zur Jahrtausendwende waren es etwa 72 Prozent. Das heißt, heute verbleibt ein größerer Teil des Volkseinkommens bei den Unternehmen und den Kapitalgebern als damals. Konkret bedeutete 2015 eine Differenz von einem Prozentpunkt, dass 22,6 Milliarden Euro nicht als Löhne ausgezahlt wurden. Das waren pro Kopf 577 Euro.

Ökonom Horn fordert eine „Re-Regulierung“ des Arbeitsmarktes, um die Verhandlungsposition der Beschäftigten zu stärken. Er tut das auch mit Blick auf die Gesamtwirtschaft. Denn der zögerliche Lohnanstieg hat Folgen: „Mit mehr Konsum könnten wir ein Prozent stärker wachsen, als wir es aktuell tun“, sagt Horn. Außerdem würde sich der Überschuss im Handel mit dem Ausland reduzieren, weil Deutschland mehr importieren würde. Und nicht zuletzt braucht es höhere Löhne, damit die Inflation ansteigt und der Zielmarke der EZB von knapp zwei Prozent wieder näherkommt. Deren Chef Mario Draghi kann mit Blick auf die zu schwach steigenden Löhne in Europa derzeit nicht erkennen, dass das Inflationsziel in Reichweite wäre.

So schnell wird sich daran auch nichts ändern. Aus Deutschland ist jedenfalls wenig Rückenwind zu erwarten. In diesem Jahr werden hierzulande nur wenige wichtige Tarifverträge verhandelt, und die Ergebnisse, die bereits vorliegen, lassen keine Trendwende erkennen. Sie knüpfen vielmehr fast nahtlos an die Abschlüsse des vergangenen Jahres an. „Dies gilt sowohl mit Blick auf die Lohnanhebungen, die bislang mehrheitlich moderat ausfielen, als auch in Bezug auf die Laufzeit der Verträge von überwiegend zwei Jahren“, schreibt die Bundesbank.

So wurde für die Beschäftigten im Öffentlichen Dienst umgerechnet ein Lohnplus von 2,5 Prozent pro Jahr vereinbart. Die Arbeitnehmer in der Textil- und Bekleidungsindustrie sowie der Stahlindustrie im Westen erhalten laut Bundesbank „lediglich“ zwei Prozent mehr pro Jahr.

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