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Wer bekommt wie viel? Tarifabschlüsse vergrößern die Ungleichheit.
FRAX
Wirtschaft

Oben top, unten Flop

Von Daniel Baumann
13:38

Es ist ja gerade wieder aus der Mode gekommen, über Ungleichheit zu sprechen. Der Internationale Währungsfonds hat sie zwar auch in seinem jüngsten Ausblick zur Weltwirtschaft zum Thema gemacht, doch Donald Trump und seine Einfälle dominieren die politische Agenda. Die massive Ungleichheit, ein Problem nicht nur für die Armen, sondern auch für das Wirtschaftswachstum und den Kapitalismus, gerät aus dem Blick.

Dabei zeigen neue Daten, wie tief das Problem auch hierzulande sitzt. In Deutschland gelten der Ausbau des Niedriglohnsektors, Teilzeit- und Leiharbeit, die geringe Besteuerung von Vermögen, Erbschaften und Kapitalerträgen, die Erosion des Tarifsystems und die Schwächung der Gewerkschaften als einige Ursachen für die Ungleichheit. Nun zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes, dass selbst Tarifverträge nicht vor zunehmender Lohnungleichheit schützen.

FRAXBeschäftigung

 44,52 Millionen Menschen waren im letzten Quartal 2017 erwerbstätig. Das waren 1,6 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Die Zahl der offiziell als arbeitslos erfassten Menschen sank um 6,8 Prozent auf 2,47 Millionen. Und auch wenn damit nicht das ganze Ausmaß der Arbeitslosigkeit erfasst wird, zum Beispiel weil kranke Arbeitslose nicht erfasst werden, so zeigt die Statistik doch einen positiven Trend. Das gilt auch für die Qualität der Arbeitsangebote: Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung lag im Schlussquartal 2017 um circa 383 000 Stellen über dem Niveau des Vorjahreszeitraums, die geringfügige Beschäftigung sank um etwa 63 000. Das Arbeitsvolumen betrug 15,1 Milliarden Stunden und damit etwa zwei Prozent mehr als ein Jahr zuvor. (db)

FRAXZugangschancen

Wie behaupten sich benachteiligte Gruppen am Arbeitsmarkt im
Vergleich zu anderen? Nicht viel besser als vor einem Jahr, zeigt der FRAX. Zwar ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen an allen Arbeitslosen in den letzten drei Monaten 2017 gesunken im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Das kann einerseits bedeuten, dass sie überdurchschnittlich oft einen Job gefunden haben, andererseits können sie auch altersbedingt aus der Statistik gefallen sein. Die Randgruppe der jungen und alten Arbeitslosen kam weniger häufig in Arbeit als die mittlere Altersgruppe. Und Männer konnten etwas häufiger einen sozialversicherungspflichtigen Job ergattern als Frauen, wodurch ihr Anteil an den Normalarbeitsverhältnissen gestiegen ist.   (db)

FRAXAusbildung

Ein Lichtblick: In den letzten drei Monaten des Jahres 2017 ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge erstmals wieder gestiegen. Damit wurde der seit 2010 anhaltende Abwärtstrend unterbrochen. Auch im Gesamtjahr 2017 gab es ein leichtes Plus von 3000 auf 523 290 neue Ausbildungsverträge. Dennoch ist man weit vom Niveau von 2007 entfernt (625 884). Wegen der hohen Zuwanderung sind die Bewerberzahlen gestiegen, das Ausbildungsangebot allerdings noch kräftiger, so dass die Situation für Lehrstelleninteressenten günstig blieb (allerdings sind die Unterschiede
zwischen den Regionen groß). Wer seine Lehre abgeschlossen hat, wird zudem immer häufiger vom Ausbildungsbetrieb übernommen. (db)

FRAXEinkommen

Die Reallöhne steigen weiter. Sie legten zum Jahresende 2017 um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum zu. Damit konnten sich die Arbeitnehmer in Deutschland erneut etwas mehr leisten. Am stärksten zum positiven Trend in der Einkommensentwicklung hat allerdings die Tatsache beigetragen, dass es weniger Erwerbstätige gab, die ihr Einkommen mit Arbeitslosengeld II aufstocken mussten. Der Rückgang betrug hier 2,8 Prozent auf circa 1,17 Millionen. Kaum verändert haben sich auf Jahressicht die Verdienstunterschiede zwischen den untersten und den obersten Lohngruppen sowie der Anteil der Arbeitnehmer (der Löhne) am Volkseinkommen, das sie sich mit den Unternehmen und den Kapitalgebern teilen.  (db)

FRAXArbeitsbedingungen

 Zum ersten Mal seit zehn Jahren haben die Arbeitnehmer seltener krank am Arbeitsplatz gefehlt. Das gilt jedenfalls, wenn man das Schlussquartal des vergangenen Jahres mit dem dritten Quartal vergleicht. Dann hat es erstmals eine Besserung gegeben. Im Vergleich zum Schlussquartal 2016 waren die Fehlzeiten aber immer noch etwas höher. Gleichwohl: Das ist ein Lichtblick, schien der Trend zu mehr Fehltagen doch unaufhaltsam. Die Ursachen dafür sind noch unklar. Und mit der heftigen Grippewelle dürften die Fehltage zum Jahresanfang auch wieder zugenommen haben. Positiv ist auch: Die Arbeitnehmer schätzen die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz erneut besser ein. Die Zahl der Arbeitsunfälle stieg aber – bei mehr Beschäftigung – leicht. (db)

Die Wiesbadener Statistiker haben sich erstmals damit beschäftigt, wie sich die Tariflöhne unterschiedlicher Beschäftigtengruppen entwickelt haben. Dazu haben sie sich die Verdienste von ungelernten und angelernten Arbeitnehmern, von Fachkräften und herausgehobenen Fachkräften sowie von Arbeitnehmern in leitender Stellung angeschaut.

Auf den ersten Blick wirken die Zahlen unverdächtig. Demnach sind die Tariflöhne der ungelernten Arbeitnehmer – also der am schlechtesten verdienenden Gruppe – von Anfang 2015 bis Ende 2017 um 7,1 Prozent gestiegen. Die Löhne der Topverdiener unter den Tarifbeschäftigten, den leitenden Arbeitnehmern, verzeichneten im gleichen Zeitraum ein Plus von 6,9 Prozent, sie stiegen also sogar ein bisschen weniger. Bei den restlichen Beschäftigtengruppen ist die Entwicklung vergleichbar.

Auf den zweiten Blick zeigt sich genau hierin das Problem: Denn ein Lohnplus von rund sieben Prozent wirkt sich bei hohen Einkommen deutlich stärker aus als bei niedrigen Einkommen. Wer im Monat 2000 Euro verdient, hat 140 Euro zusätzlich in der Tasche. Wer 6000 Euro verdient, kommt hingegen auf ein Einkommensplus von 420 Euro. Der Einkommensabstand zwischen unten und oben wächst also von 4000 auf 4280 Euro.

Damit bestätigt sich erstmals ein Verdacht, den Beobachter der Gewerkschaften schon seit vielen Jahren haben: dass die Tarifabschlüsse die besserverdienenden Angestellten begünstigen. Denn meist läuft es in Tarifverhandlungen darauf hinaus, dass alle Löhne prozentual angehoben werden, viel seltener gibt es für die unteren Löhne eine besonders starke Erhöhung. Und selbst wenn, reicht das offenbar nicht, um die Lücke zu schließen.

Das zeigt auch der jüngste Tarifabschluss im öffentlichen Dienst. Die Arbeitgeber wollten vor allem die Löhne der Gutverdienenden deutlich anheben, um im Wettbewerb um Fachkräfte mit der freien Wirtschaft bestehen zu können. Die Gewerkschaft Verdi bestand zwar darauf, dass auch Beschäftigte mit niedrigen Löhnen einen satten Zuschlag erhalten: Sie setzte nicht nur eine prozentuale Anhebung der Löhne durch, sondern sorgte auch dafür, dass jeder mindestens 175 Euro mehr in der Tasche hat. Im Ergebnis konnte so aber nur dafür gesorgt werden, dass sich die Schere nicht ganz so stark öffnet. 

Das illustrieren einige Beispiele: Ein Datenbankverwalter mittlerer Qualifikation und Erfahrung erhält auf die gesamte Vertragslaufzeit gerechnet künftig 6,79 Prozent mehr Lohn, was monatlich 213,56 Euro zusätzlich bedeutet. Für den Berufsanfänger in der Poststelle im einfachen Dienst wird der Lohn zwar um 10,21 Prozent angehoben, doch unter dem Strich hat er monatlich nur 199,41 Euro mehr. Das Lohnplus des ohnehin besser verdienenden Datenbankverwalters fällt also immer noch 14,15 Euro höher aus. Während es Verdi aber immerhin gelungen ist, die unteren und mittleren Lohngruppen beieinander zu halten, ziehen die Gutverdiener davon. Der erfahrene, akademisch gebildete Leiter einer kommunalen Musikschule wird zum Beispiel ein 9,64 Prozent höheres Entgelt erhalten, was 485,92 Euro entspricht, also einem weit mehr als doppelt so starken Anstieg wie in den unteren Lohngruppen.

Die Frankfurter Rundschau hat die großen Gewerkschaften gefragt, warum es ihnen nicht gelingt, steigende Ungleichheit bei den Tariflöhnen zu verhindern. Immerhin mahnen sie selbst zu mehr Gerechtigkeit und politischen Schritten gegen die steigende Ungleichheit. Doch mit Ausnahme von Verdi blieben die Stellungnahmen vage.

„Wir haben das Problem im Blick“, sagte Norbert Reuter, Leiter der tarifpolitischen Grundsatzabteilung von Verdi. „Aber wir suchen auch noch nach Lösungen.“ Der Widerstand der Arbeitgeber sei massiv, wenn die Gewerkschaft starke Lohnerhöhungen für die unteren Tarifgruppen fordere. Weil zu diesen Gruppen die meisten Beschäftigten zählten, werde das für die Arbeitgeber schnell sehr teuer. Starke Lohnerhöhungen für die weniger zahlreichen Gutverdiener fielen hingegen weniger ins Gewicht. Um dieses Problem abzufedern, versuche man pauschale Mindestbeträge und Umgruppierungen von Beschäftigten in höhere Lohngruppen durchzusetzen. „Man müsste eigentlich für jede Lohngruppe gesonderte Forderungen aufstellen, doch das ist schwierig zu kommunizieren“, sagt Reuter.

Dass die Löhne auseinandergehen, hat auch strukturelle Ursachen. Gewerkschaften können nur höhere Löhne durchsetzen, wenn in Branchen auch mehr verdient wird. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung machte das Problem schon vor einigen Jahren klar. Sie erwartet in den Hochlohnbranchen bis 2020 bis zu sechsmal höhere Entgeltsteigerungen als in Niedriglohnbranchen. Die wachsende Lohnkluft nehme besorgniserregende Ausmaße an, heißt es in der 50-seitigen Veröffentlichung. 

Diese Entwicklung zeigt sich auch im FR-Arbeitsmarktindex. Er erfasst seit langem, wie sich die Spreizung aller Löhne (tarifliche und nicht-tarifliche) entwickelt. Es zeigt sich, dass sie heute größer ist als noch vor zehn Jahren. Und mit Ausnahme des Jahres 2015, in dem der gesetzliche Mindestlohn eingeführt wurde, hat es trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs und steigenden Reallöhnen keine nennenswerte Gegenentwicklung zu der sich öffnenden Schere gegeben. 

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