Wettbewerb
Wirtschaft

Ein Gewinner, viele Verlierer

Von Hilke Brockmann
16:04

Sommerzeit – Reisezeit. In den glücklichsten Wochen des Jahres machen wir Urlaub vom Markt und vom Wettbewerb. Unter Freunden und in Familie muss sich keiner beweisen. Man kennt sich. Am Strand, auf der Hütte oder in der Schlange vor der Museumskasse sind wir alle fast gleich. Urlaub als Kontrastprogramm. Einfach mal ausspannen und Löcher in die Luft starren.

Den Rest des Jahres dagegen taktet der olympische Wettstreit unseren Alltag: Top Performance am Arbeitsplatz, Wettlauf um die neue Wohnung, internationale Vergleichstests an Schulen, Exzellenzerwartungen vom Wissenschaftsministerium, sinnloser Wettstreit in unsäglichen Castingshows. Das macht ganz schön unglücklich, sagen seriöse Studien. Denn bei jedem Wettkampf gibt es nur einen Gewinner und viele Verlierer. Schon der Zweitplatzierte geht leer aus. Ganz zu schweigen von den Heerscharen gesichtsloser Arbeiter und Dienstleister, die den Siegern erst die Bühne und die Rendite bereiten.

Aber auch die Superstars der globalen Konzerne, des Spitzensports und der internationalen Unterhaltungsindustrie stehen gewaltig unter Strom. Die vermarkteten Erwartungen sind gigantisch, die internationale Konkurrenz schläft nicht. Dabei versprechen horrende Gagen, exzessive Bonuszahlungen oder absurde Gewinnbeteiligungen keine nachhaltige Befriedigung, zeigt die Glücksforschung. Einkommen jenseits des Durchschnitts steigern kaum das Wohlbefinden.

Der grenzenlose Wettbewerb nimmt heute surreale Züge an, vor allem an der Spitze der gesellschaftlichen Hackordnung. Wenn Millioneneinkommen locken, sind Untreue (Middelhoff), Betrug (Doping), Machtmissbrauch (#Metoo) oder Vetternwirtschaft (Amigos) nicht weit.

Hat der Wettbewerb als Ordnungsprinzip versagt? Nein, aber wir müssen über die Wettbewerbsbedingungen neu diskutieren. Schauen wir noch einmal auf unsere Urlaubserfahrungen. Wir strengen uns ja an und haben Spaß, wenn wir im Winter am Gästeabfahrtsrennen teilnehmen oder im Sommer beim Beachvolleyturnier mitmachen. Die gemeinsame Anstrengung, begrenzte Folgen und Belohnungen, zweite und dritte Teilnahmechancen und die eindeutige Messbarkeit des besseren Ergebnisses verleihen dem Wettbewerb seine legitime Ordnung und schaffen durchaus Glücksmomente. Oder liege ich da etwa falsch?

Die Autorin ist Soziologin. Sie arbeitet derzeit am European University Institute.

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